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Urlaub auf Balkonien

Normalerweise verbrachte Lilian ihre Sommerferien in Spanien.

Dort war alles wunderbar anders. Die Pommes frites hießen Patatas fritas, Saft nannte man Zumo – und abends im Speisesaal begrüßte der Kellner Lilian mit „Buenas noches, señorita.“

Am wunderbarsten waren natürlich das spanische Meer und der Strand und die vielen Kinder.

In diesem Jahr dagegen war überhaupt nichts wunderbar. Denn dieses Jahr blieb Lilian zu Hause.

Weil sich ihre Eltern ein neues Auto gekauft hatten. „Da bleibt für einen Urlaub nichts mehr übrig“, sagte Papa.

Lilian war wütend. Ihr ganzer Kindergarten war im Urlaub und ihre beste Freundin war sogar nach Spanien ge‹flogen.

Dort saß sie jetzt und aß Patatas fritas und trank Zumo und der Kellner sagte: „Buenas noches, señorita.“

Und Lilian saß zu Hause auf ihrem blöden Balkon. Und sie hatte nicht mal jemanden zum Spielen. Es war einfach fürchterlich.

„Wollen wir puzzeln?“, rief Mama aus der Küche.

„Nein, wollen wir nicht!“, rief Lilian böse zurück.

Mama kam auf den Balkon. „Ach, Mausebacke", sagte sie. „Ich kann doch auch nichts dafür, dass alle weg sind. Komm, wünsch dir wenigstens was Schönes zum Abendessen.“

„Ich will Patatas fritas und Zumo!“, rief Lilian laut. „Und ich will ein Kind zum Spielen!“

„Nun schrei doch nicht so“, sagte Mama. „Es müssen ja nicht alle hören, dass dir langweilig ist.“ Dann verschwand Mama wieder in der Küche.

Lilian beugte sich über den Balkon.

Unten schnippelte der Hausmeister die Grasränder gerade. Im Haus gegenüber saß eine alte Frau auf dem Balkon und las. Und irgendwo über Lilian kicherte jemand. Ganz leise.

Lilian sah hoch – und bekam kugelrunde Augen. Was war das denn? Da kam ja ein roter Sandeimer herabgeschaukelt!

Er hing an einem langen Seil und landete genau auf Mamas Balkontomaten.

Verwundert sah Lilian hinein. Der Eimer war mit weißem Sand gefüllt und unter einer großen Muschel lag ein Zettel.

Lilian raste damit in die Küche. Lesen konnte sie noch nicht. Aber zum Glück war ja Mama da.

„Liebe Lilian“, las sie laut. „Hast du Lust, nach Balkonien zu kommen? Dann klingele einfach bei Kuckuck.“

Jetzt wunderte sich auch Mama.

Kuckuck, so hieß doch die ältere Dame im vierten Stock. Mama hatte einmal ihre Blumen gegossen und Lilian begegnete ihr oft im Treppenhaus.

Aber wieso lud Frau Kuckuck sie jetzt nach Balkonien ein?

Gespannt lief Lilian nach oben und klingelte.

„Hallo, Lilian“, sagte Frau Kuckuck. „Schön, dass du Zeit hast. Ich hab nämlich meine Enkelin zu Besuch. Die sitzt jetzt in Balkonien und wünscht sich auch jemanden zum Spielen.“

Lilian folgte Frau Kuckuck auf den Balkon. Dort staunte sie erst recht! Der ganze Balkon war voller Sand und Muscheln. Mittendrin saß ein Mädchen in einem roten Badeanzug und grinste Lilian an.

„Ich bin Maxi“, sagte es. „Das mit dem Sand war Omas Idee. Toll, was? Von dir hat sie mir auch schon erzählt. Aber sie sagte, ihr seid bestimmt in Spanien. Das fand ich blöd. Und dann hab ich dich unten rufen gehört. Was ist? Bau’n wir ’ne Burg?“

Lilian strahlte. Sie sauste nach unten, holte ihren blauen Badeanzug und jagte in wilden Sprüngen zurück nach oben.

Den ganzen Nachmittag buddelten die beiden Mädchen im Sand, bemalten Muscheln und aßen Vanilleeis mit Erdbeeren.

Abends klingelte es an der Tür - und kurz darauf stand Papa am Balkon. Er hatte einen schwarzen Anzug an und balancierte ein Tablett auf den Händen.

„Buenas noches, señoritas“, sagte er augenzwinkernd. „Hier kommen Patatas fritas und Zumo. Haben die Damen noch einen anderen Wunsch?“

Lilian und Maxi schüttelten grinsend die Köpfe. Sie waren wunschlos glücklich.

So ein Urlaub auf Balkonien war ja wirklich etwas wunderbar anderes.

Ende der Geschichte! Hab einen spannenden Tag!

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