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Tilda Apfelkern. Viel Wirbel im Heckenrosenweg. (Kapitel 13-18)

Hier kommt der dritte Teil der Geschichte. Die ersten beiden Teile findet ihr im Geschichtenregal.

Kleiderordnung

Tilda und Rupert hatten sich zu Tee und Kuchen verabredet. Nun, das war ja noch nichts Außergewöhnliches. Schließlich gab es im Heckenrosenweg ständig Tee und auch immer irgendeinen Kuchen.

Aber diesmal wollten Tilda und Rupert ganz fein ausgehen. Nämlich in eine der kleinen Teestuben unten im Dorf.

Tilda hatte sich dafür sogar extra herausgeputzt.

Sie trug einen Hut mit passender Handtasche dazu. Und beinahe hätte sie sogar ihre Spitzenhandschuhe angezogen. Aber das wäre dann doch zu viel des Guten gewesen.

So wartete Tilda auf Rupert.

Der kam auch und war sogar pünktlich.

Und trug seine grüne Jacke. So, wie er es immer tat. Doch weil er es immer tat, sah diese grüne Jacke auch ein bisschen, na ja, abgetragen aus.

„Oh Rupie“, begann Tilda vorsichtig. „Du hättest dich ruhig ein bisschen fein machen dürfen. Immerhin gehen wir ja auch fein aus.“

Rupert blickte prüfend an sich herab. „Was stimmt denn mit meiner Jacke nicht?“

„Oh nichts“, antwortete Tilda. „Die ist prima. Das ist sie ja immer. Und schon so lange.“

„Hast du diese Jacke denn schon mal gesehen?“, fragte Rupert verwundert.

„Aber Rupie, die hast du doch jeden Tag an. Solange ich dich kenne“, antwortete Tilda.

Rupert schüttelte verwundert den Kopf. „Habe ich nicht. Dies ist doch meine Ausgeh-Jacke. Die ziehe ich nur an, wenn ich mal ausgehe. Und wie oft kommt das schon vor?“

Tilda machte große Augen. „Willst du damit sagen, du hättest mehrere dieser Jacken?“

„Aber sicher“, nickte Rupert und zählte an den Fingern ab. „Eine für die Gartenarbeit, eine für Wanderungen, eine einfach so, eine für Lesestunden vor dem Kamin, diese hier natürlich, dann noch eine für …“

„Stopp“, unterbrach Tilda ihren stacheligen Freund. „Sag mir einfach, wie viele grüne Jacken es sind.“

„Nun ja", stammelte Rupert verlegen. „Ein paar eben.“

„Soso, und wie viele sind ein paar genau, hm?“, hakte Tilda nach.

„Keine Ahnung“, gab Rupert zu. „Aber davon kann man doch gar nicht zu viele haben.“

„Du liebe Güte“, seufzte Tilda. Womit sie sagen wollte, dass sie in diesem Punkt ganz anderer Meinung war.

Aber die beiden wollten ja fein ausgehen. Das taten sie auch, und es wurde ein wunderschöner Nachmittag.

Als sie allerdings in den Heckenrosenweg zurückkehrten, schlug Tilda vor, sie könnte mal einen kurzen Blick in Ruperts Kleiderschrank werfen.

Nun sollte man annehmen, dass Rupert seine holunderblütenweiße Freundin inzwischen lange genug kannte. Er hätte also ahnen können, was ihm blühte. Aber irgendwie … ahnte er es nicht.

Kaum dass Tilda Ruperts Kleiderschrank öffnete, rief sie laut: „Das darf doch wohl nicht wahr sein!“

Da hingen tatsächlich nur Jacken in Ruperts Kleiderschrank.

Sie waren tatsächlich allesamt grün. Und soweit Tilda es beurteilen konnte, sahen sie allesamt absolut gleich aus.

„Aber Rupie“, lachte Tilda. „Was willst du mit so vielen gleichen Jacken, hm? Warum sortierst du nicht ein paar aus? Dein Schrank platzt ja förmlich aus allen Nähten.“

„Was meinst du mit ‚aussortieren‘, meine Liebe?“, fragte Rupert zurück.

„Na, aussortieren eben“, antwortete Tilda.

„Und dann?“, stutzte Rupert.

„Dann schmeißt du die überzähligen Jacken einfach weg. Die sind doch sowieso alle gleich“, fand Tilda.

„Das sind sie nicht“, verteidigte sich Rupert.

„Die Lesejacke hat Flicken auf den Ellbogen. Damit die vom vielen Lesen und Schubbern auf der Sessellehne nicht aufscheuern. Die Wanderjacke hat besonders große Taschen für die Wanderkarte und so. Und sieh nur: Das ist meine Angeljacke. Die passt perfekt zu meinem Angelhut.“

„Aber du angelst doch gar nicht“, gab Tilda zu bedenken.

„Möglich“, antwortete Rupert. „Aber wenn ich mal angeln möchte, habe ich genau die richtige Jacke dafür. Genauso wie zum Putzen, Pilzesuchen, Schneemannbauen oder Kellerentrümpeln. Ich habe einfach immer die passende Jacke. Glaub mir, meine Liebe, von denen ist keine einzige zu viel. Und darum kann auch keine einzige davon weg.“

„Aber warum müssen sie denn allesamt gleich aussehen, Rupie?“, fragte Tilda weiter.

„Na, weil ich in Grün nun einmal am besten aussehe. Das ist doch klar“, verkündete Rupert.

„Wenn ich morgens in den Spiegel schaue und mich in einer meiner grünen Jacken sehe, dann denke ich: Ja, so kenne ich mich. Und genauso mag ich mich. Ich möchte das gar nicht anders haben. Womöglich binde ich mal einen Schal um. Und wenn es richtig kalt wird, ziehe ich einen Pullover an. Aber darüber brauche ich eben eine grüne Jacke.“

„Na, wenn das so ist“, lachte Tilda, „dann wollen wir alles so lassen, wie es ist, Rupie.“

Damit schloss Tilda den Kleiderschrank. Und sie verlor nie wieder ein Wort über Ruperts Jacken.

Um ganz ehrlich zu sein, wollte sie nämlich auch nicht, dass Rupert irgendwann einmal anders aussah.

Wer konnte schon ahnen, was sich dann sonst noch alles änderte? Nein, in dieser Welt änderte sich schon genug.

Wenn Rupert in den nächsten Tagen zum Gärtnern, Wandern oder wozu auch immer im Garten erschien, dann musterte Tilda seine Jacken ganz genau. Sie wusste ja nun, dass es soundsoviele verschiedene waren.

Aber ehrlich gesagt … konnte sie an diesen grünen Jacken nicht den allergeringsten Unterschied feststellen.

Im stillen Grunde

Am Fluss war es wunderbar ruhig.

Nun, so ruhig es eben sein konnte, wenn ständig Gurgeln, Glucksen, Insektengesumm und das gelegentliche Klatschen eines springenden Fisches die Luft erfüllten.

Tilda hatte sich im Schatten einer Weide niedergelassen und genoss die Kühle.

Abgesehen von diesem hübschen Flecken hier war es nämlich fürchterlich heiß. So heiß, dass kaum ein Vogel im großen Garten sang und sich auch sonst niemand im Heckenrosenweg blicken ließ.

Da hatte sich Tilda eben allein zum Flussufer aufgemacht.

Manchmal fand sie es nämlich ganz schön, einfach so für sich zu sein. Sie wollte ein bisschen lesen oder vielleicht ein Nickerchen machen.

Außer ihrem Buch hatte Tilda ein paar Erdbeeren dabei und die Flasche mit ihrer Limonade zum Kühlen ins kalte Flusswasser gelegt. Sie wollte eben danach greifen, als sie gerade noch ein güldenes Irgendwas zurück ins Wasser gleiten sah.

Tilda hatte keine Ahnung, was das gewesen sein mochte oder ob da überhaupt etwas war. Immerhin konnte das Funkeln des Sonnenscheins auf dem Wasser den Augen schon mal einen Streich spielen.

Schon bald war Tilda wieder in ihr Buch vertieft und hatte die Sache vergessen.

Doch dann hörte sie ein Geräusch, das sie später nur als „Glitzern“ bezeichnen konnte. Obwohl man ein Glitzern doch eher sehen als hören konnte.

Nun, Tilda blickte jedenfalls über den oberen Rand ihres Buches und erkannte wieder das güldene Leuchten im Wasser. Erstaunt ließ Tilda das Buch sinken. Sie traute ihren Augen nicht.

Aus dem Fluss tauchte eine merkwürdige Gestalt auf.

Sie schien, ja, sie schien auf dem Wasser zu stehen.

Und sie war ein bisschen Fisch und ein bisschen Mensch. Nur viel kleiner natürlich.

Und auch nicht halb und halb, wie man es von einer Meerjungfrau erwarten würde. Dieses Wesen war einfach beides gleichzeitig. Von ihm kam das Leuchten.

„Wer bist du denn?“, fragte Tilda sehr leise.

Lieber hätte sie ja gefragt, was das Wesen war. Aber das klang vielleicht ein bisschen unhöflich.

Das Wesen neigte den Kopf zur Seite und schien Tilda seinerseits verwundert zu betrachten.

Tilda störte das nicht weiter. Obwohl sie dachte: Was gibt es da schon zu sehen? Ich bin eine Maus!

Das Wesen sagte nicht ein Wort. Dafür streckte es Tilda einladend die Hand entgegen.

Und jedes Mal, wenn das Wasser über seinen goldenen Leib rieselte, erzeugte es dieses hörbare Glitzern.

Tilda wusste später nicht mehr, warum sie das eigentlich getan hatte.

Aber sie ergriff die Hand des Wesens ohne zu zögern, stand auf und fühlte sich auf eine merkwürdig unwiderstehliche Weise ins Wasser gezogen.

Ja, das Wasser reichte Tilda schon bis zum Bauch, dann bis zum Hals. Noch einen Schritt, und Tilda würde ganz untergehen!

Was ich euch jetzt berichte, werdet ihr womöglich nicht so recht glauben. Aber so hat man mir die Geschichte nun mal erzählt.

Tilda ging nämlich tatsächlich weiter. Einfach so in den Fluss hinein.

Sie lief auf dem Flussgrund wie auf einem ganz normalen Weg. Und sie konnte unter Wasser atmen wie an der frischen Luft.

Alles schien ihr vollkommen normal, abgesehen davon, dass sie die Wasseroberfläche jetzt von unten sah und anstelle der Bienen und Hummeln ein Schwarm neugieriger Fischlein sie umkreiste. Es war wunderbar.

Das Wesen führte Tilda immer weiter hinter sich her.

Übrigens müssen wir unglücklicherweise bei dieser Bezeichnung bleiben. Denn Tilda hat tatsächlich niemals herausgefunden, wie das Wesen eigentlich hieß. Wenn es denn überhaupt einen Namen hatte. Manche Leute finden solche Dinge ja ganz und gar unnötig.

Je weiter die beiden zur Flussmitte kamen, desto tiefer wurde das Wasser. Immer weniger Sonnenlicht drang herab, und schon bald war es beinahe dunkel.

Tilda konnte aber immer noch genug erkennen, woran sie sich erfreute.

Ein Gelbrandkäfer paddelte vorüber. Da krochen ein paar Posthornschnecken umher, und die endlos langen Stängel der Wasserkresse wiegten sich wie feines Haar in der Strömung.

Irgendwann zog der gewaltige Schatten eines Hechtes über die beiden Wanderer hinweg.

Tilda wusste, dass die Fische kleineren Tieren durchaus gefährlich werden konnten. Aber der Hecht ließ sie einfach in Ruhe.

Wenn Tilda zum Beispiel ein Fischotter gewesen wäre, dann hätte sie all das natürlich nicht besonders aufregend gefunden.

Aber Tilda Apfelkern war ja kein Fischotter. Sie war eine holunderblütenweiße Kirchenmaus und spazierte nur ausgesprochen selten durch die Unterwasserwelt.

Genau genommen sogar nur dieses eine Mal. Und so genoss sie die wunderschönen Eindrücke. Dennoch fragte sie sich langsam, warum das Wesen ausgerechnet sie mit in die Tiefe genommen hatte.

Da leuchtete in einiger Entfernung wieder etwas auf. Mit ganz genau demselben güldenen Glanz, den Tilda schon kannte. Es gab tatsächlich noch mehrere dieser Wesen!

Tilda fragte sich, warum sie sich wohl an diesem Ort versammelt hatten.

Hier war es nämlich noch dunkler als ohnehin schon. Und Tilda brauchte eine Weile, bis sie bemerkte, dass sie sich direkt unter der Steinbrücke befand, die den Heckenrosenweg mit dem Dorf verband.

Jetzt erkannte Tilda auch, was da für ein gewaltiges Ungetüm im Wasser emporragte. Es war der Brückenpfeiler. Und dieser Pfeiler wiederum hatte einen großen Riss!

Zwei Steine waren bereits locker und würden bald herausfallen. Die Strömung würde unablässig weiter daran nagen und den Pfeiler schwächen.

Und irgendwann, spätestens wenn die Herbststürme umgestürzte Bäume oder Ähnliches den Fluss hinabtreiben würden, konnte die Brücke einfach in sich zusammenstürzen. Das wäre ja nicht auszudenken!

Womöglich liefe Tilda auf dem Weg zum Wochenmarkt gerade in diesem Moment nichts ahnend darüber hinweg.

Überdies würde Billys und Bennys Schulweg bald jeden Tag über die Brücke führen. Nein, da musste etwas geschehen. Und zwar so schnell wie möglich!

Nachdem das Wesen Tilda wieder zu ihrem schattigen Uferplätzchen zurückgebracht hatte, beschloss sie, den anderen gleich von der Brücke zu berichten.

Wenn Tilda später an diesen Tag dachte, dann war sie froh und dankbar für die Warnung der güldenen Wesen.

Gleichzeitig erinnerte sie sich aber auch an den wundersamen Unterwasserspaziergang. Und dann seufzte sie: „Du liebe Güte, das war wirklich bemerkenswert.“

Vor(schul)freude

Wie der kaputte Brückenpfeiler repariert wurde, wollt ihr sicher nicht so genau wissen. Die ganze Sache war schrecklich aufwendig, laut und umständlich. Aber auch mindestens ebenso langweilig und glücklicherweise irgendwann vorbei.

Wir sollten uns lieber um Billy und Benny kümmern. Denn wie bereits erwähnt, kamen die Zwillinge demnächst in die Schule.

Morgen, um ganz genau zu sein. Und wer morgen in die Schule kommt, darf heute ziemlich aufgeregt sein. Das waren die Zwillinge natürlich auch.

„Kommen wir in eine Klasse?“, fragte Billy.

Edna Eichhorn nickte stumm. Sie hatte jetzt nämlich schon so viele Fragen beantwortet, dass sie ihre Stimme ein bisschen schonen musste.

Vor allem, weil Billy und Benny bestimmte Fragen immer und immer wieder stellten.

„Geht der kleine Karl auch in unsere Klasse?“, wollte Benny wissen.

Edna nickte wieder.

„Sitzen wir am Fenster?“, fragte jetzt Billy.

„Das weiß ich nicht“, gestand ihre Mama. „Aber das werdet ihr sehen. Ihr könnt ja eure Lehrerin bitten, euch einen Tisch am Fenster zu geben.“

„Wie heißt denn unsere Lehrerin?“, fragten beide Hörnchen.

Edna seufzte, denn auch das hatte sie schon ein Dutzend Mal gesagt.

„Sie heißt Anna Silberpfennig.“

„Dann sag ich einfach Anna“, verkündete Benny.

„Das tust du auf gar keinen Fall, hörst du?“, mahnte Edna.

„Warum denn nicht?“, jammerte Benny.

„Weil man seine Lehrerin nicht einfach so beim Vornamen nennt“, erklärte Edna.

Und bevor die Zwillinge weiterfragen konnten, fügte sie hinzu: „Das ist unhöflich. Ihr werdet schön ‚Frau Silberpfennig‘ sagen.“

„Mann, das ist aber umständlich“, sagte Billy. „Hoffentlich müssen wir in dieser Schule nicht noch mehr lernen.“

Da konnte Edna sich ein Lachen nicht verkneifen. „Na, das werdet ihr wohl müssen. Ihr geht doch zum Lernen in die Schule.“

Die Zwillinge guckten einander skeptisch an. Sich mit den anderen Kindern im Dorf zu treffen, war sicher eine tolle Sache. Aber dieses Lernen klang verdächtig nach Schufterei.

„Wie oft müssen wir denn in die Schule gehen?“, fragte Billy. Benny hätte das sicher auch gleich gefragt.

„Na, jeden Tag“, sagte Edna.

„Jeden Tag!“, riefen die Zwillinge entsetzt.

„Nun, fast jeden Tag“, berichtigte Edna. „Am Samstag und Sonntag habt ihr natürlich frei. Und dann gibt es ja auch noch die Ferien.“

Aber das hörten die Zwillinge schon gar nicht mehr. Ihnen dröhnte nur noch in den Ohren, dass sie fortan an jedem einzelnen Tag in die Schule gehen sollten.

Das hieß, jeden Morgen früh aufstehen, jeden Morgen bis ins Dorf marschieren und mittags wieder zurück.

Billy hatte auch gehört, dass man während des Unterrichts still sitzen musste.

„Und man muss sich melden, bevor man etwas sagen darf“, fügte Benny hinzu. „Ist doch blöd!“

„Benny“, mahnte Edna.

„Ach ja", ergänzte Billy. „Und man darf nicht ,blöd‘ sagen.“

„Sind da auch Mädchen?“, fragte Billy plötzlich.

„Na klar", antwortete Edna. „Die wollen doch auch etwas lernen.“

„Gehen die etwa in unsere Klasse?!“, rief Benny entsetzt.

„Natürlich“, lachte Edna. „So, jetzt habt ihr genug gefragt. Jungs, ihr müsst euch nicht fürchten. Aber das wisst ihr eigentlich auch, oder? Mittags seid ihr schon wieder zu Hause, und außerdem wird euch das Lernen großen Spaß machen. Ach, am liebsten würde ich selber noch einmal zur Schule gehen.“

„Ehrlich?“, staunten die Zwillinge.

„Oja“, versicherte Edna.

„Ich fand es toll, jeden Tag etwas Neues zu lernen. Plötzlich wusste ich, warum zwei plus vier sechs ist, wo Ägypten liegt und woher der Ameisenbär seinen Namen hat. Ich konnte schreiben und lesen, was immer ich wollte. Überlegt euch das mal! Schon ganz bald braucht ihr niemanden mehr, der euch eine Geschichte vorliest. Das könnt ihr dann ganz allein. Ihr könnt jedes Buch lesen.“

„Die Zeitung auch?“, staunte Billy.

„Natürlich“, sagte Edna.

„Und schreiben können wir dann auch?“, hakte Benny sicherheitshalber nach.

„Wenn ihr fleißig lernt, ja“, versprach Edna.

„Dann könnten wir Geheimzettel schreiben“, raunte Benny seinem Bruder zu.

Billy nickte verschwörerisch.

„Ihr könntet auch eurem Opa schreiben und euch endlich für die Geburtstagsgeschenke bedanken“, überlegte Edna.

Aber Benny sagte: „Ach, das ist noch zu schwer.“

Dann sausten die Zwillinge ein paar Runden um den Küchentisch. Dabei riefen sie laut, was sie noch alles in der Schule tun würden.

Nämlich turnen, rechnen, malen, musizieren, Gedichte aufsagen, basteln, Landkarten anschauen, Filme gucken, sie würden Ausflüge machen und noch vieles mehr.

Und dann waren da ja noch die nagelneuen Schulranzen, in die sie jeden Tag all ihre Sachen tun konnten. Billy und Benny hatten sie sich selber ausgesucht.

„Vielleicht wird es in der Schule ja doch nicht so schlimm“, sagte Billy.

„Und vielleicht gehen wir sogar gerne dort hin“, sagte Benny.

„Also ich habe da überhaupt keinen Zweifel“, versicherte Edna und nahm ihre Jungs fest in den Arm.

Sally

Am nächsten Morgen ging die Aufregung natürlich weiter. Ja, eigentlich nahm sie sogar noch zu. Immerhin war heute der große Tag.

Heute kamen Billy und Benny Eichhorn in die Schule. Sie hatten ihre Ranzen aufgesetzt und waren frisch gekämmt. Und als sie den Eichenstamm hinuntersausten, waren alle Freunde dort versammelt, um sie ins Dorf zu begleiten.

Schnecki durfte natürlich nicht fehlen.

Rupert war so stolz, als würden nicht die Hörnchen, sondern er selber an diesem Morgen eingeschult.

Urgroßtante Emily und Tilda hielten zwei große bunte Spitztüten in den Armen.

Die waren oben zwar mit einem hübschen Band verschlossen. Aber man konnte es im Innern bei jeder Bewegung verheißungsvoll rascheln hören.

Billy raunte Benny zu: „Das sind unsere Schultüten.“

„Klasse“, freute sich Benny.

Und dann ging es den Heckenrosenweg hinab ins Dorf.

Die Schule befand sich gleich auf der anderen Flussseite. Direkt neben der winzigen Dorfbibliothek.

Was ausgesprochen praktisch war, wo Billy und Benny doch schon bald mehr oder weniger fließend lesen können würden.

An der frisch reparierten Brücke erwartete Molly den Trupp. „Ach, ist das nicht aufregend?“, schniefte sie.

Denn wie immer, wenn es ein bisschen anrührend zuging, floss bei Molly die eine oder andere Träne.

Tilda hakte sie unter und tröstete sie. „Aber Liebes, da muss man doch nicht weinen“, sagte sie.

Aber ganz im Stillen war ihr ebenfalls ein bisschen wehmütig zumute.

Jetzt waren Billy und Benny, ihre kleinen Hörnchenzwillinge, plötzlich große Jungs. Nun, beinahe jedenfalls. Du liebe Güte, wie die Zeit verging!

Aber Billy und Benny hatten gar keine Zeit für trübe Gedanken.

Der Schulhof quoll förmlich über von Schulanfängern und ihren Familien. Denn die waren allesamt versammelt, um den großen Tag mitzuerleben.

Als sich das Stimmengewirr legte, rief der Schulrektor alle Kinder bei ihrem Namen auf.

Das entsprechende Kind kam dann nach vorn und stellte sich auf die Stufen vor dem Eingang.

Dann hielt der Rektor eine kleine Rede. Die wollt ihr aber nicht hören, oder?

Er sagte, dass nun ein großer und sehr wichtiger Abschnitt im Leben der Schulkinder beginnen würde und noch eine Menge ungeheuer bedeutsamer Dinge mehr. Aber das interessierte die nagelneuen Schulkinder nicht. Sie wollten nicht mehr auf der Treppe stehen, sondern endlich in die Schule hinein!

Billy und Benny konnten es kaum noch erwarten, ihren Klassenraum zu sehen.

„Hoffentlich darf ich am Fenster sitzen“, seufzte Benny.

Er wurde nämlich sehr schnell unglücklich, wenn er nicht hinausschauen konnte.

Der kleine Karl Maulwurf ging zwischen den Zwillingen.

„Vielleicht sitzen wir alle drei nebeneinander“, überlegte er.

„Ach, Frau Silberpfennig wird das schon machen.“

Billy und Benny verdrehten die Augen.

Denn Karl sprach schon seit Tagen praktisch nur noch von Frau Silberpfennig. Er hatte sie nämlich schon einmal gesehen, als er mit seiner Mama auf dem Wochenmarkt einkaufen gewesen war. Und sie war…

„… sooo nett“, schwärmte Karl schon wieder.

Billy pustete genervt ein Stäubchen vor sich her.

„Du übertreibst immer so“, wollte Billy gerade zu dem Maulwurf sagen, als Frau Silberpfennig den Raum betrat.

Und was soll ich sagen? Sie sah wirklich nett aus.

Das fand Billy jedenfalls. Und Benny sagte: „Donnerwetter.“

Leider sagte er das ein bisschen zu laut. Jedenfalls so laut, dass alle, auch Frau Silberpfennig, es beim besten Willen nicht überhören konnten.

Edna stand im Flur mit den übrigen Eltern und seufzte: „Wenn das mal gut geht.“

Nun, es ging gut.

Frau Silberpfennig lächelte ihre nagelneue Klasse an.

Es war übrigens die Klasse 1b. Die Klasse 1a saß im Nebenraum.

Frau Silberpfennig stellte sich vor, und dann sollten auch alle Kinder ihre Namen sagen. Manche waren ein bisschen schüchtern.

Die kleine Sophie hatte ihren Namen vor lauter Aufregung sogar ganz und gar vergessen.

Glücklicherweise fiel er ihr aber später wieder ein.

Benny war nicht ganz so schüchtern. „Ich bin Benny Eichhorn“, verkündete er. „Und ich möchte gerne am Fenster sitzen.“

Alle hielten die Luft an.

„Bitte“, fügte er hinzu.

Frau Silberpfennig antwortete: „Na, dann setzt du dich am besten gleich hier vorne hin. In die erste Reihe. Dann sitzt du direkt am Fenster.“

„Und er sitzt auch direkt vor dem Lehrerpult“, kicherte Billy.

Da Billy ebenfalls gern am Fenster sitzen wollte, musste er am Tisch hinter Benny sitzen.

Karl setzte sich neben ihn. Aber wer würde wohl den freien Platz neben Benny bekommen?

Natürlich kannten Billy, Benny und Karl die meisten Kinder in ihrer Klasse. Immerhin lebten sie ja alle mehr oder weniger im selben Dorf.

Aber dann kam ein Hasenmädchen an die Reihe, das sie vorher noch nie gesehen hatten.

Sie hieß Sally, sah genauso pfiffig aus wie Benny und passte alles in allem irgendwie gut zu ihm.

Sally nahm ihren Ranzen, stellte ihn neben Bennys Tisch und erklärte: „Ich setze mich hierhin.“ Was sie dann auch tat.

Natürlich kicherten die anderen Kinder der 1b. Aber sie hörten schon bald wieder damit auf.

Sally störte das Getuschel nicht. Sie reichte Benny die Pfote und sagte: „Ich habe schon ’ne Menge von dir gehört, Benny Eichhorn.“

„Äh … danke?“, stammelte Benny verlegen.

„In der Pause denken wir uns eine Geheimsprache aus, in Ordnung?“, flüsterte Sally, und Benny starrte sie mit großen Augen an.

Da fing Sally an zu lachen. Sie lachte so herrlich, dass Benny einfach mitlachen musste.

Und weil die Fenster alle offen standen, hörten auch die anderen vor der Tür und auf dem Schulhof das Lachen.

„Die scheinen eine Menge Spaß zu haben“, schmunzelte Rupert zufrieden.

„Ja, das klingt so“, nickte Tilda. „Und so soll es auch sein … am ersten Schultag.“

Alles muss raus

Von den Hörnchen, den aufregenden Ereignissen in der Schule und vor allem von Sally werden wir schon bald wieder hören, denke ich.

Aber jetzt sollten wir uns noch einmal um die Pension Heckenhäuschen kümmern.

Da herrschte nämlich ein buntes Treiben.

Beinahe jeden Tag, oder besser gesagt jede Nacht, zogen Gäste ein und aus. Und allesamt waren sie begeistert.

Warum auch nicht. Sie wurden mit Tildas Frühstücksköstlichkeiten mehr als üppig versorgt. Und Edna tat wirklich alles, um das kleine Haus an der Gartenmauer ordentlich und sauber zu halten. Als Gast schätzte man diese Dinge!

Da die meisten Besucher nur eine Nacht blieben, musste Edna fast täglich die Betten neu beziehen.

Und das wiederum bedeutete jede Menge Wäsche.

Das Waschen war auch kein Problem. Denn Edna schrubbte die Laken ja nicht von Hand. Aber mit dem Trocknen konnte es Schwierigkeiten geben.

Klar, bei gutem Wetter flatterte die Wäsche an den langen Leinen, die kreuz und quer durch den Garten gespannt waren.

Das sah eigentlich ganz hübsch aus, fanden alle. Außer Rupert. Der vermisste den freien Blick auf die Kirche und Tildas Haus.

Ganz anders sah es aus, wenn das Wetter mal schlecht war. Dann konnte die Wäsche natürlich nicht im Garten trocknen. Trotzdem war sie ja da. Genauso viel und genauso nass.

„Was kann man da machen?“, überlegte Edna laut. Es war nämlich Regen angesagt.

„Tja, was?“, setzte Tilda nach. „Wo könnte man die Wäsche trocknen, wenn es regnet?“

Die beiden saßen nach getaner Arbeit auf der Bank vor der Pension und blickten Rat suchend umher.

„Also, ich trockne meine Wäsche an Regentagen auf dem Dachboden. Da ist es immer luftig und trocken“, erklärte Tilda. „Aber mein Dachboden ist für all die Bettwäsche viel zu klein.“

„Eigentlich nicht", antwortete Edna. „Er ist nur viel zu voll.“

„Du liebe Güte“, seufzte Tilda. „Soll ich etwa schon wieder mein Haus entrümpeln?“

„Sollst du“, entschied Edna. „Und dieses Mal machen wir es richtig.“

„Was soll das denn heißen“, fragte Tilda. Sie ahnte nämlich nichts Gutes.

„Ist doch klar“, antwortete Edna. „Jetzt muss wirklich alles raus!“

„Du liebe Güte“, seufzte Tilda erneut.

Und weil das für solch eine große Aufgabe nicht reichte, sagte sie noch einmal: „Ach du liebe Güte!“

Besonders viel Entrümplungslust hatte Tilda, ehrlich gesagt, nicht.

Und sie hätte auch jede Menge besserer Dinge zu tun gehabt, als auf dem Dachboden herumzuwühlen.

Andererseits ging es um die Pension. Jetzt war sie schon mal eröffnet, da sollte sie natürlich auch laufen.

Außerdem hatten Edna und Tilda sich vorgenommen, nicht einfach irgendeine Frühstückspension zu betreiben. So weit kennen wir unsere Freunde aus dem Heckenrosenweg inzwischen, nicht wahr?

Nein, die Pension Heckenhäuschen sollte DIE Unterkunft schlechthin werden.

Die Pension, in der man unbedingt genächtigt und gefrühstückt haben musste, wenn man diese Gegend besuchte.

Und wer weiß, womöglich würden die beiden Damen ja früher oder später eine schöne Auszeichnung oder Urkunde über den Kamin im Frühstückszimmer hängen können.

„Ach, eine Auszeichnung für die hübschesten Zimmer …“, schwärmte Edna.

„Und eine Urkunde für das fabelhafteste Frühstück …“, träumte Tilda hinterher.

Das würde die Pension Heckenhäuschen wirklich perfekt machen.

Aber dazu gehörte eben stets saubere Bettwäsche. Aprilfrisch, wenn möglich.

Und das wiederum, wir wissen es schon, hieß: Dachboden entrümpeln.

Normalerweise hätten Billy und Benny sich begeistert auf diese Aufgabe gestürzt. Aber die waren ja in der Schule.

Molly war am Postschalter ebenfalls unabkömmlich.

Rupert setzte Kartoffeln, Robin und Rosalind hatten bereits wieder ein Nest gebaut, und Urgroßtante Emily fühlte sich einfach zu müde, um schwer zu schuften.

„Wir kriegen das auch allein hin“, beschloss Edna.

„Wenn du meinst“, sagte Tilda.

Sie konnte es gut leiden, wenn Edna solche Dinge sagte. Sie klang dann immer so, als KÖNNTEN ihre Pläne gar nicht schiefgehen. Was sie in aller Regel übrigens auch nicht taten. Und so machten die beiden Freundinnen sich ans Werk.

Zunächst hatten sie geplant, das Gerümpel vom Dachboden in den zweiten Stock zu schaffen. Von dort in den ersten und so weiter.

Aber das hätte sehr lange gedauert, und Tildas Haus wäre dabei sicherlich vollständig verwüstet worden.

Und vor allem wäre all das Gerümpel auf seinem Weg durch die verschiedenen Stockwerke vermutlich auf irgendeine wundersame Weise in ebendiesen Stockwerken verschwunden.

Eine Kiste hätte hier Platz gefunden, ein Schränkchen hätte sich in jener Ecke gut gemacht und so weiter.

Versteht ihr, was ich damit meine? All das alte Zeug wäre zwar vom Dachboden verschwunden, aber Tilda wäre es noch immer nicht los gewesen.

So oder ganz ähnlich lief das Entrümpeln im Hause Apfelkern nämlich normalerweise ab.

Aber damit sollte jetzt Schluss sein, das hatte Edna ja bereits angekündigt.

„Wir werfen das Zeug einfach aus dem Giebelfenster, Tilda“, sagte Edna.

Und sie hörte sich an, als würde sie keinen Widerspruch dulden.

„Die Sachen sind doch alle sowieso schon mehr oder weniger kaputt. Und was dann da unten ankommt, kannst sogar DU nicht mehr gebrauchen.“

„Aber Rupert …“, antwortete Tilda.

„Ach, der hat heute nur seine Kartoffeln im Kopf“, lachte Edna.

Nun müsst ihr euch vorstellen, wie verdutzt die Nachbarn guckten, als plötzlich ganz einfach so alte Mäntel, Schachteln, Dosen, kaputtes Spielzeug, sogar ein kleiner Sessel und so weiter aus Tildas rundem Giebelfenster segelten.

„Wie kann man nur so unglaublich viel Kram anhäufen?“, fragte sich Tilda zum x-ten Mal.

„Du warst es ja nicht allein“, tröstete Edna ihre Freundin. „Immerhin haben doch schon Dutzende und Dutzende von Apfelkernmäusen ihr Zeugs in diesem Haus hinterlassen.“

„Stimmt“, nickte Tilda. Sie fand es geradezu herrlich, sich all den Kram vom Hals zu schaffen.

Später wollte sie ihn übrigens mit dem Handwagen zum Schrottplatz transportieren.

Da durfte Rupert übrigens auch nicht mit. Normalerweise brachte er nämlich mehr Schrott her als hin. Also zurück als weg. Ach, ihr wisst schon.

Der Dachboden war jedenfalls gegen Mittag leer.

„Du liebe Güte. Das ist ein wirklich schöner Raum“, bemerkte Tilda hochzufrieden.

„Ist es", stimmte Edna zu. „Komm, hängen wir die Wäscheleinen auf.“

Leichte Verspätung

Die Hörnchenzwillinge hatten nun schon ihre dritte Schulwoche hinter sich.

Jeden Morgen nach dem Frühstücken und Zähneputzen setzten sie ihre Ranzen auf, trafen sich am Gartentor mit dem kleinen Karl und liefen den Heckenrosenweg zum Dorf hinab.

In der Schule begrüßten sie ihre Klassenkameraden, setzten sich an ihre Tische, und dann ging es los.

Die Kinder machten das inzwischen wie die alten Hasen. Und wo wir gerade von Hasen sprechen: Was machte eigentlich Sally?

Ihr wisst ja noch, dass das kleine Hasenmädchen sich gleich am ersten Tag neben Benny gesetzt hatte.

Benny hatte natürlich angenommen, dass er sich jetzt furchtbar langweilen würde.

Denn während Billy und Karl am Tisch hinter ihm den größten Spaß hatten, musste er womöglich irgendwelche Mädchensachen machen.

Aber erstens waren Mädchensachen gar nicht langweilig. Und zweitens war vor allem Sally so ganz und gar nicht langweilig. Und das sollte Benny schon sehr bald herausfinden!

Eines Morgens kamen die drei Jungs in die Schule und setzten sich auf ihre Plätze.

Sally war noch nicht da. Dabei wohnte sie auf der anderen Seite des Flusses, gleich neben der Brücke.

Sie hatte es also nicht weit bis zur Schule. Und normalerweise saß sie immer schon auf ihrem Platz und sagte: „Hallo, Benny Eichhorn.“

Aber jetzt war ihr Platz leer. Die Schulglocke läutete sogar schon zum zweiten Mal. Und das bedeutete, dass eigentlich alle Kinder auf ihren Plätzen sitzen sollten.

„Wo bleibt sie denn nur?“, fragte Karl leise.

„Keine Ahnung“, antwortete Benny.

„Vielleicht ist sie heute krank?“, vermutete Billy.

„Quatsch", sagte Benny. „Sally wird doch nicht krank.“ Und er klang, als wäre er sich da absolut sicher.

Nun, das letzte Läuten der Schulglocke verklang, und Frau Silberpfennig betrat den Klassenraum.

Als alle ganz still waren, sagte Frau Silberpfennig: „Guten Morgen.“

Die ganze Klasse 1b antwortete ihr. „Guten Morgen, Frau Silberpfennig!“

„Wo ist denn Sally?“, fragte Frau Silberpfennig. Sie hätte natürlich sowieso als Nächstes geprüft, ob alle anwesend waren. Aber da Sally ja in der ersten Bank, also direkt vor dem Lehrerpult sitzen sollte, fiel der leere Platz sofort auf.

„Die ist bestimmt krank“, sagte Billy wieder.

„So?“, staunte Frau Silberpfennig. „Das ist aber merkwürdig. Ihre Eltern haben Sally gar nicht abgemeldet. Na ja, wir warten ein paar Minuten. Sie wird schon noch kommen.“

„Kann sie doch nicht, wenn sie krank ist“, erklärte Karl.

„Sally wird nicht krank“, sagte Benny wieder. Er klang jetzt richtig ärgerlich. Warum glaubten die anderen ihm bloß nicht?

In der ersten Stunde hatten die Kinder Kunstunterricht. Da wurde gemalt, gezeichnet, gebastelt und all diese herrlichen Dinge.

Und weil sie gerade das Märchen vom „Hahn auf dem Mist“ gehört hatten, sollten die Kinder einen Hahn malen. Mit bunten Schwanzfedern, einem roten Kamm auf dem Kopf und natürlich einem Misthaufen unter den Füßen. Genau so, wie sie es im Märchen gehört hatten.

„Ich fange mit dem Mist an„, sagte Karl. „Das macht bestimmt Spaß.“

Billy zeichnete ebenfalls munter drauflos.

Nur Benny konnte sich nicht konzentrieren.

Er wusste natürlich, wie ein Hahn aussah. Und er hätte zweifellos einen ganz spitzenmäßigen Gockel gezeichnet.

Wenn er sich nicht ständig hätte fragen müssen, wo denn Sally steckte.

Denn egal, was die anderen sagten, sie war nicht krank.

Außerdem hatte Frau Silberpfennig recht. Wenn Sally tatsächlich nicht hätte kommen können, dann hätten ihre Eltern doch Bescheid gesagt.

Benny stand auf und ging zu Frau Silberpfennig. „Sollen wir nicht lieber mal nachsehen, wo Sally bleibt?“, fragte er.

„Ich rufe gleich bei ihr an, Benny“, versprach Frau Silberpfennig. „Sicher ist Sally heute tatsächlich krank. Vielleicht hat sie einen Schnupfen.“

„Sally wird nicht krank“, sagte Benny noch einmal und wollte sich gerade auf seinen Platz setzen.

Ihr wisst ja sicher noch, dass er ganz unbedingt am Fenster sitzen wollte.

Und jetzt zeigte sich auch, wie klug das war.

Denn von hier aus konnte Benny nicht nur den Schulhof und die Wiese mit dem Schaukelbaum sehen. Er konnte sogar bis zum Fluss schauen.

Und ihr könnt euch nicht vorstellen, was er da entdeckte. Da kam doch tatsächlich Sally!

Aber statt über die Brücke zu laufen, wie es alle anderen taten, schipperte Sally mit einem kleinen Boot quer über den Fluss!

Und Sally steuerte ihr Gefährt so schnell und sicher, als hätte sie noch nie etwas anderes gemacht.

„Da kommt sie ja!“, rief Benny.

Er klang übrigens viel erfreuter, als er eigentlich wollte, weswegen Billy und Karl sofort kicherten.

Aber Benny war das egal. Er sah durch das Fenster zu Sally hinüber.

Die war nämlich inzwischen am diesseitigen Ufer angelangt, täute ihren Kahn am Stamm einer Weide fest, hopste mit einem Satz über den Lattenzaun, flitzte über den Hof, in die Klasse und japste atemlos: „Es tut mir leid, Frau Silberpfennig. Ich habe verschlafen und musste mich dann so furchtbar beeilen.“

„Schon in Ordnung“, lächelte Frau Silberpfenning. „Wir sind ja froh, dass du jetzt da bist.“

Sally setzte sich und sagte wie immer: „Hallo, Benny Eichhorn.“

„Hallo", antwortete Benny. „Tolles Boot.“

„Danke“, grinste Sally.

„Die anderen haben gedacht, du wärst heute krank“, sagte Benny.

„Blödsinn", flüsterte Sally. „Ich werde doch nicht krank.“

Benny lachte. „Das hab ich auch gesagt.“

Ende von Teil 3. Nächste Woche gibt es den vierten und letzten Teil über die Freunde aus dem Heckenrosenweg.

Ende der Geschichte! Hab einen spannenden Tag!

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