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Ein Geburtstagsfest für Lieselotte

Eine Geschichte von Alexander Steffensmeier mit eigenen Illustrationen, erschienen im Fischer Verlag.

An diesem Morgen war Lieselotte schon beim Melken ganz aufgeregt. Heute war schließlich ihr Geburtstag! Und auf den freute sich Lieselotte schon seit Wochen.

Lieselotte wusste schon ganz genau, was heute alles passieren würde. Denn die Geburtstagsfeiern auf dem Hof verliefen immer gleich. So wie letzte Woche, als das Huhn mit der Kappe Geburtstag hatte.

Schon am Vormittag hatte die Bäuerin einen großen Apfelkuchen gebacken.

Im Garten wurden Girlanden aufgehängt und mit der Fahrradpumpe Luftballons aufgepustet.

Der Postbote kam nach der Arbeit mit Lieselotte auf den Hof und hatte einen großen Briefumschlag mit einer Glückwunschkarte dabei.

Für den Kaffeetisch holte die Bäuerin den schönen blauen Geburtstagsstuhl vom Dachboden.

Und das Geburtstagskind musste die ganze Zeit so tun, als würde es nichts davon bemerken, und ganz überrascht wirken, wenn alle zum Gratulieren kamen.

Und dann wurde endlich gefeiert!

Auch beim Postaustragen musste Lieselotte die ganze Zeit an ihre Geburtstagsfeier denken.

An der Abzweigung zum Hof sagte der Postbote aber bloß: „Mach es gut, Lieselotte! Ich muss heute schnell nach Hause, ich habe noch sooo viel zu tun ...“

Lieselotte schaute ihm verwundert nach. Hatte der Postbote etwa ihren Geburtstag vergessen? Aber die Bäuerin würde ihn bestimmt noch daran erinnern.

Dann trabte sie zurück zum Hof. Aber was war das? Der Garten war ja noch nicht geschmückt! Keine einzige Girlande und kein winziger Luftballon waren zu sehen.

Hatten etwa alle ihren Geburtstag vergessen?

Beunruhigt steckte Lieselotte ihren Kopf in die Werkstatt. Die Fahrradpumpe stand einsam in der Ecke. Niemand blies damit Luftballons auf.

In der Küche las die Bäuerin in ihrer Zeitschrift. Niemand hatte einen Apfelkuchen gebacken.

Und der blaue Geburtstagsstuhl stand noch auf dem Dachboden. Niemand hatte ihn abgestaubt und heruntergeholt.

Unauffällig versuchte Lieselotte herauszufinden, ob ihr Geburtstag überhaupt im Kalender markiert war. Aber die Bäuerin hatte den gerade von der Wand genommen, um etwas darin einzutragen.

Ob sich die Bäuerin wohl an den Geburtstagskuchen erinnern würde …

… wenn sie einen Apfel sah?

Und wenn Lieselotte einfach allen sagte, dass heute ihr Geburtstag war?

„Nein“, dachte Lieselotte. „So etwas macht man nicht.“

Vielleicht könnte sie die anderen auch ganz unauffällig daran erinnern …

Von ihrer letzten Geburtstagsfeier hatte Lieselotte noch den Blumenstrauß und einen Luftballon aufbewahrt. Wenn sie diese Sachen hervorholte, würden bestimmt alle sofort an ihren Geburtstag denken.

Aber die Blumen waren ganz verwelkt. Und der Luftballon auch.

Immerhin hatte Lieselotte im Schrank ihren Partyhut gefunden. Stolz ging sie damit auf den Hof hinaus. Aber niemandem schien etwas aufzufallen.

Dann baute sie einen großen Geburtstagskuchen aus Sand. Aber niemand sah hin.

Und wenn sie mit ihrem Geschenk vom letzten Jahr spielte? Allerdings hatte sie da einen Drachen bekommen.

Und heute gab es keinen Wind.

Aber davon ließ sich Lieselotte nicht entmutigen.

Während Lieselotte mit ihrem Drachen über die Wiese rannte, sah sie plötzlich, dass die Bäuerin mit dem Traktor vom Hof fuhr. Sie musste Lieselottes Geburtstag tatsächlich vergessen haben.

Enttäuscht und in Drachenschnur gewickelt schaute Lieselotte ihr nach.

Dann würde sie ihren Geburtstag eben alleine feiern, beschloss Lieselotte. Trotzig suchte sie in der Küche ein paar Sachen dafür zusammen.

Als Ersatz für den Geburtstagskuchen nahm sie sich etwas Zwieback.

Der Kaktus war ihr Blumenstrauß, und eine Kerze fand sie auch.

Dann trottete Lieselotte zu ihrem Lieblingsplatz am Bach.

Und dann wurde endlich gefeiert.

„Da bist du ja, Lieselotte!“

„Wir haben dich schon überall gesucht“, sagte die Bäuerin. „Was machst du denn hier so alleine? Du hast doch nicht etwa gedacht, wir hätten deinen Geburtstag vergessen? Dabei haben wir sogar eine ganz besondere Feier für dich geplant! Weil es in den letzten Tagen so warm war, wollen wir heute nämlich mal woanders feiern …“

An dem kleinen See hinter dem Haus des Postboten war die Kaffeetafel aufgebaut. Überall hingen Girlanden und Luftballons.

Der Postbote schnitt den großen Geburtstagskuchen an, den er heute für Lieselotte gebacken hatte. Gerührt setzte sich Lieselotte ins Gras.

Und dann wurde endlich gefeiert!

Ende der Geschichte! Hab einen spannenden Tag!

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