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Dünenschweine

Jo mochte das Meer nicht. Vielleicht, weil er nicht besonders gut schwimmen konnte. Manchmal kam es ihm vor wie ein riesiges nasses Tier, das ihn einfach wegschlabbern wollte.

Aber Jo liebte den Strand. Wo sonst konnte man meterhohe Sandburgen bauen, mit Türmen und Gräben, Muscheldächern und langen Gängen, in denen es wunderbar kühl war, wenn Jo die sonnengebratenen Arme reinsteckte?

Jo buddelte leidenschaftlich gern. Zu Hause zogen ihn die Nachbarskinder damit auf, dass er immer noch im Sandkasten spielte, aber das interessierte Jo nicht.

Eines Tages, die Ferien hatten gerade angefangen, holte ihn sein Großvater morgens ab und fuhr mit ihm ans Meer.

Es war noch früh, als sie ankamen, und der Strand war fast leer.

Jo suchte sich einen Platz nah am Wasser und legte sein Werkzeug zurecht: Eimer, Schaufeln, Gießkanne, ein paar verschieden dicke Stöcke.

Dann machte er sich an die Arbeit, während sein Großvater im Liegestuhl hinter der Zeitung verschwand.

Als der Strand sich langsam füllte, hatte Jo einen Burgberg aufgeschüttet, der fast einen Meter hoch war. Der Graben drum herum war so tief und breit, dass Jo darin knien konnte.

Sorgfältig klopfte er den Berg oben platt, formte Mauern mit Zinnen darauf, Treppen, Tore und vier dicke Türme.

Dann fing er an, in den Berg hinein einen unterirdischen Gang zu graben. Das war immer das Allerbeste.

Jo stellte sich die Gewölbe vor, in die der Gang hinabführte: geheimnisvolle Schatzkammern und Verliese, in die der Burgherr seine Feinde warf.

Jos Finger gruben und gruben. Er holte immer mehr feuchten Sand aus der Tiefe. Als sein Arm schon bis zur Schulter in dem kühlen Gang steckte, berührten seine Finger plötzlich etwas Weiches.

Jo zog den Arm so hastig zurück, dass er ein Riesenloch in den Berg riss.

Schnell klopfte er den Sand wieder fest und schob den Arm vorsichtig noch einmal in das Loch.

Da! Da war es wieder. Weich und pelzig. Jo versuchte, nach dem Etwas zu greifen, aber es kratzte ihn mit winzigen Krallen. Erschrocken riss er die Hand zurück und lugte in das dunkle Loch.

Augen leuchteten ihm entgegen, schmal und grün.

Und plötzlich schoss ein kleines pelziges Gesicht aus dem Loch, sah sich hastig um und wisperte: „Hast du Sonnencreme?“

Sprachlos hielt Jo dem Pelzgesicht die Flasche hin.

„Die Sorte mögen wir nicht“, wisperte es und verschwand wieder in der sandigen Tiefe.

Jo starrte auf die Burg, als hätte ihm das Etwas seine Schaufel auf den Kopf gedroschen.

„He“, flüsterte er in den dunklen Gang hinein. „Seid ihr Sandhamster oder so was?“

Irgendwas tuschelte in der Tiefe. Dann tauchte das kleine Pelzgeschöpf wieder auf. „Dünenschweine!“, nuschelte es. „Wir sind Dünenschweine. Hast du zufällig Salzstangen?“

Jo zuckte bedauernd mit den Schultern. Das Dünenschwein rümpfte verächtlich die Nase und verschwand.

„He, wartet!“, rief Jo leise in den Gang hinein. „Ich könnte euch was bauen.“

Und ohne eine Antwort abzuwarten, fing er an. Erst baute er eine hohe Mauer aus Sand und Steinen um den Burggraben herum, aber sehr viel Sichtschutz brachte die nicht.

Da steckte Jo Stöcke oben zwischen die Burgtürme und hängte sein Handtuch so darüber, dass es wie ein Baldachin die Burg und den Gang verbarg.

Dann schob er vorsichtig Kopf und Schultern unter das Tuch und flüsterte in den dunklen Gang hinein: „Ihr könnt ruhig rauskommen. Bitte! Keiner kann euch sehen. Heiliges Ehrenwort!“

Eine ganze Weile rührte sich nichts. Doch dann krochen, vorsichtig schnuppernd, drei kleine pelzige Wesen aus dem Gang.

Sie kletterten den Burgberg hinauf, stiegen über Jos Mauern und begannen, in der Burg herumzustöbern.

Sie liefen die Treppen rauf, die Jo mit Wasser und Sand geformt hatte, und bestiegen die Türme, als hätten sie schon immer auf der Burg gewohnt.

Leider brach ein Turm zusammen und ein Dünenschwein rollte den Burgberg runter…

Aber Jo konnte es auffangen, bevor es unter dem Tuch hervorkullerte. Er klopfte ihm den Sand aus dem Pelz, setzte es vorsichtig zurück auf den Burghof und wollte ihm gerade zum Trost einen kleinen Sandsessel formen, da hob jemand das Handtuch hoch.

Schnell wie Kugelblitze huschten die Dünenschweine in den Gang zurück.

„Na, mein Junge“, sagte Jos Großvater. „Wollen wir ein Eis essen gehen?“

„Och nee, ich buddel lieber“, antwortete Jo. „Aber du könntest mir Salzstangen mitbringen.“

„Salzstangen?“ Sein Opa hob erstaunt die Augenbrauen – und stapfte davon.

Jo aber verschwand wieder unter dem Handtuch. „Salzstangen kommen gleich!“, wisperte er in den Tunneleingang. „Bleibt in Deckung, bis ich euch rufe!“

Er hatte gerade drei Sessel und einen Sandtisch auf den Burghof gebaut, da lugte sein Opa wieder unters Handtuch.

„Nicht schlecht, die Burg“, sagte er und ließ die Salzstangentüte in den Graben plumpsen.

„Danke, Opa“, sagte Jo. „Und tschüss!“ Dann zog er das Handtuch schnell wieder zu.

Ein Dünenschwein streckte schon schnüffelnd die Nase aus dem Tunnel. „Es hat geknistert!“, lispelte es. „Ganz deutlich.“

Jo grinste und legte drei Salzstangen auf den kleinen Sandtisch. Blitzschnell saßen die Schweine auf den Sesseln.

„Mann, solche wie euch hätte ich gern in meinem Sandkasten“, murmelte Jo, während er ihnen beim Knabbern zusah.

„Gibt’s da Sand?“, schmatzte das dickste Schwein.

„Aber klar!“, flüsterte Jo schnell. „Und für Salzstangen würd ich natürlich auch sorgen.“

Die Dünenschweine begannen, leise miteinander zu tuscheln.

Fünf Minuten später rüttelte Jo seinen schnarchenden Opa wach. „Ich will nach Hause“, sagte er.

Sein Opa nahm überrascht die Zeitung vom Gesicht. „Jetzt schon?“

„Unbedingt!“, erklärte Jo. „Ich glaub, ich krieg einen ganz schrecklich scheußlichen Sonnenbrand. Und außerdem muss ich zu Hause im Sandkasten noch was bauen.“

Da stand sein Opa mit einem Seufzer auf und packte seine Sachen zusammen. „Salzstangen, Sonnenbrand, was ist heute bloß los mit dir?“, murmelte er.

Das Schmatzen der drei Dünenschweine in Jos Rucksack hörte er zum Glück nicht.

Ende der Geschichte! Hab einen spannenden Tag!

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