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Der falsche Karl

Eine Geschichte von Jasmin Schaudinn, mit Illustrationen von Jutta Berend, erschienen bei ellermann im Dressler Verlag.

Morgens bin ich immer der Erste im Kindergarten.

Manchmal der Zweite, aber meistens der Erste.

Es ist dann noch ganz leise und riecht nach Putzmittel.

Mama trägt mich auf dem Arm in die Garderobe und zieht mir die Hausschuhe an.

Natürlich kann ich das eigentlich alleine, also laufen und Hausschuhe anziehen, aber morgens sind meine Beine und meine Hände noch so verschlafen, da schaff ich das nicht.

Wenn wir in meine Maulwurfgruppe kommen, ist es noch schummrig düsterdunkel, weil nur die kleine Lampe an ist.

Bei der Lampe am Tisch sitzt dann meine Olga und schreibt Listen.

Mama trägt mich zu ihr, und Olga sagt:

„Da bist du ja endlich, Emil! Mein Schoß wartet schon auf dich!“

Und dann sagt Mama: „Viel Spaß heute, ich hab dich lieb!“

Und ich sag gar nichts, weil mein Mund noch viel zu müde ist, und dann setzt Mama mich auf Olgas Schoß.

So geht das, wenn man im Kindergarten der Erste ist.

Ich sitz dann gemütlich auf Olgas Schoß, und Olga schreibt ihre Listen und trinkt Kaffee, und mein Mund und meine Beine und Hände können ganz in Ruhe wach werden.

So muss das morgens sein, sonst ist alles falsch.

Und heute Morgen ist es komplett falsch.

Als Mama mich in die Maulwurfgruppe trägt, sitzt dort Karl.

Karl ist der neue Erzieher. Keine Olga weit und breit.

„Wo ist denn Olga?“, fragt Mama.

Das würde mich allerdings auch interessieren.

„Olga hat Urlaub. Ich bin Karl und habe diese Woche Frühdienst“, sagt Karl.

Ich klammere mich ganz doll an Mama.

Wenn Olga nicht da ist, bleibe ich auch nicht hier!

„Wollen wir was spielen?“, fragt Karl.

„Ja, das wär’ doch schön!“, antwortet Mama.

Das wäre überhaupt nicht schön!

Das ist falsch und geht ganz anders!

Aber obwohl alles falsch ist, muss Mama jetzt los zur Arbeit.

Sie trägt mich in die Leseecke und setzt mich auf das Sofa statt auf Olgas Schoß.

„Vielleicht lest ihr ein Buch?“, schlägt Mama vor, aber ich dreh mich weg und drück meinen Kopf in das Kissen.

„Viel Spaß heute, ich hab dich lieb!“, sagt Mama und geht weg.

Ich atme in das Kissen und kugele mich zusammen wie ein Igel.

„Guten Morgen! Entschuldigung, du da?", höre ich plötzlich eine komisch fiepsige Stimme.

Ich hebe den Kopf aus dem Kissen.

Auf der Sofalehne sitzt ein Maulwurf. Ein Stofftiermaulwurf.

„Ich bin Kurt. Bin ich hier richtig in der Maulwurfgruppe?“, fiept es.

Ich nicke.

„Weißt du, ich bin neu hier. Ich wohne bei Karl, aber er nimmt mich jetzt immer mit in den Kindergarten.“

Hinter dem Sofa taucht Karls Kopf auf.

„Möchtest du Kurt mal halten?“, fragt er.

Ich nicke wieder.

„An seinem Kopf gekrault werden mag er besonders gern!“, erzählt Karl.

Vorsichtig kraule ich Kurt am Kopf.

Er fühlt sich ganz weich an.

„Mensch, der mag dich aber. Sonst sitzt der nie so lange still“, sagt Karl.

Ich mag Kurt auch.

Karl erzählt, dass Kurt bei ihm zu Hause viel Blödsinn macht.

Dann sagt er, dass der kleine Maulwurf ganz aufgeregt war, weil er im Kindergarten noch niemanden kennt.

„Bringst du Kurt morgen wieder mit zum Frühdienst?“, frage ich, denn meine Stimme ist schon ein bisschen aufgewacht.

„Ich komm nur mit, wenn du mich wieder hältst und am Kopf kraulst!“, fiept Kurt.

„Ja, mache ich!“, verspreche ich.

Ist ja klar, dass er das will.

Mich kennt er jetzt ja schon ein bisschen.

Morgen braucht er gar nicht aufgeregt zu sein.

Ende der Geschichte! Hab einen spannenden Tag!

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