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Das ist meins!

Eine Geschichte von Sabine Cuno illustriert von Ana-Maria Weller, erschienen im arsEdition Verlag.

Anna klingelt bei Oma Leih. Sie ist nicht ihre richtige Oma, sondern eine „Leih-Oma“, wie Mama sagt. Denn eigentlich ist sie eine Nachbarin, die sich viel um Anna gekümmert hat, als ihr kleiner Bruder Paul zur Welt kam. Aber für Anna ist sie einfach die „Oma Leih“, und sie besucht sie, sooft sie kann.

Heute auch. Und Paul? – „Der wollte wieder nicht mit!“ Anna weiß, dass dies ein bisschen geschwindelt ist, denn in Wahrheit will sie nicht, dass ihr Bruder mitkommt. Anna will Oma Leih nämlich am liebsten ganz für sich haben.

Die beiden sind auf dem Dachboden. Anna staunt, was da alles steht und hängt! Eine alte Uhr, alte Bücher, ein chinesischer Papierschirm, ein Tropenhelm, große Truhen, ein Vogelkäfig aus Bambus ... Und zwischen alldem entdeckt Anna eine schöne Schachtel.

In der Schachtel liegen zwei Bündel Briefe und darunter ein Stapel bunter Papierbögen. Anna nimmt sie heraus. Alle Regenbogenfarben liegen vor ihr.

Oma Leih erinnert sich: „Als mein Mann noch lebte, war er oft lange Zeit auf Reisen. Damals habe ich ihm viele Briefe geschrieben ... und immer auf diesem Papier! Weißt du, ich mag den Regenbogen sehr, und ich glaube, dass er die Menschen verbindet."

Oma Leih schenkt Anna einen Teil von ihrem Regenbogenpapier.

„Mama, Paul, schaut mal, was Oma Leih mir geschenkt hat!", ruft Anna schon in der Haustüre.

Glücklich breitet sie die bunten Papiere auf dem Tisch aus. Sie freut sich, was sie damit alles machen kann: Blumen, Deckchen mit Lochmuster, eine Schachtel bekleben, ein Geschenk einpacken, und sie kann darauf malen oder schreiben ...

Paul würde gerne Schiffchen und Flieger daraus falten und er möchte auch etwas von dem schönen Papier haben. Aber Anna will nichts abgeben. „Das ist meins!“, sagt sie. Schließlich hat SIE das Papier von IHRER Oma Leih bekommen!

Paul bettelt ... ANNA GIBT NICHTS HER.

Paul weint … ANNA BLEIBT HART.

Paul wird wütend ... Er grapscht sich blitzschnell ein paar Bögen und rennt davon.

Anna rennt ihm nach ... Sie brüllt vor Zorn und sie nennt ihn „Paule-Jaule“ – das mag er überhaupt nicht.

Paul rast die Treppe hoch ... Anna hinterher. Schon ist Paul auf dem Balkon ... Bevor Anna ihn erreicht, hat er das Papier zerrissen ... Er wirft es in die Luft und herunter schweben regenbogenbunte Schnipsel. Anna kreischt voller Wut und rennt in den Garten.

Schluchzend kniet Anna zwischen den bunten Papierchen. Mama tröstet sie und dann sammeln sie gemeinsam alle Schnipsel in eine kleine Holzkiste.

Beim Schlafengehen muss Anna noch einmal weinen. Da stellt Mama die kleine Kiste neben das Bett und sagt leise: „Anna, leg deinen Kummer jetzt zu den Regenbogenschnipseln, und morgen, wenn du das Kistchen aufmachst, wird alles wieder gut!"

Am nächsten Morgen ist Anna im Kindergarten. Als alle Kinder ihre Brote auspacken, merkt sie, dass sie ihre zu Hause vergessen hat. Anna findet es ganz schlimm, dass um sie herum alle essen. Noch nie hatte sie solchen Hunger!

Oh, wie schön ist es da, dass Marlene ihre Banane mit ihr teilt. Noch nie hat eine Banane so gut geschmeckt!

„Marlene war heute so nett zu mir!", erzählt Anna auf dem Nachhauseweg. „Ich hatte als Einzige nichts zu essen. Da hat Marlene ihre Banane mit mir geteilt ... und das fand ich richtig lieb von ihr!“

„Ja", nickt Paul. „Das ist nämlich schlimm, wenn andere was haben und selber hat man nichts!“

Nach dem Mittagessen will Anna basteln. Nachdenklich hält sie ihre restlichen bunten Papiere in der Hand. Sie denkt an Oma Leih und an den Regenbogen. Da kommt ihr eine Idee: Sie will für Oma Leih ein Regenbogenbild machen ... und zwar aus dem Regenbogenpapier!

Man könnte ihn aus Papierschnipseln aufkleben, schlägt Mama vor. Schnell holt Anna die kleine Holzkiste. Ja, das ist gut! – Aber auch ganz schön viel Arbeit! Vielleicht mag Paul ihr helfen? Oh ja, das macht er gerne ... denn das Papier in Schnipsel reißen, das kann er wirklich supergut!

Mama nimmt einen Malblock und zeichnet einen großen Bogen vor. Anna teilt ihr Papier mit Paul.

„Eins für dich, eins für mich!“, sagt sie und Blatt für Blatt bekommen beide gleich viel von jeder Farbe.

Dann kleben sie eifrig Papierschnipsel auf. Und damit sie sich dabei nicht in die Quere kommen, fängt jeder an einem Ende des Bogens an.

So entsteht er Reihe für Reihe, Farbe um Farbe ... bis sie sich in der Mitte treffen und der Regenbogen fertig ist. Ein bisschen schief ist er geworden ... und wunderschön!

Darunter malen sie noch ein Haus und Blumen und einen Baum. Und zuletzt malt Paul sich an das eine Ende und Anna malt sich an das andere Ende vom Regenbogen.

Als Anna später bei Oma Leih klingelt, ist sie nicht alleine: Paul steht neben ihr. Glücklich und stolz überreichen die beiden das Regenbogenbild. Und Oma Leih freut sich darüber so sehr, dass ihre Augen ganz nass glitzern ...

Ende der Geschichte! Schlaf schön!

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