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Xenia, die Wetterhexe

Eine Geschichte von Ursel Scheffler mit Illustrationen von Anna Karina Birkenstock, erschienen im arsEdition Verlag.

Es war einmal eine tüchtige kleine Wetterhexe, die hieß Xenia. Eines Abends kam sie todmüde von der Arbeit zurück. Sie hatte drei Gewitter, einen Sturm, einen Hagelschauer und einen Orkan gehext. Sie hatte Bauern die Ernte verhagelt, ein Schiff zum Kentern gebracht, sieben Bäume umgeworfen und fünf Dächer abgedeckt. Sie war erschöpft, aber sehr zufrieden mit ihrer Arbeit.

„Melissa, Rochus!”, rief sie, als sie mit einem Windstoß durch die Türe ihrer grün bemoosten Hütte fegte. „Brrr! Mir ist kalt! Setzt Teewasser auf! Richtet mein Fußbad! Bringt die Pantoffeln!” Aber keines ihrer Besentiere rührte sich.

Weder die rote Katze noch der schwarze Rabe waren irgendwo zu sehen. „Wo steckt ihr? Ich weiß, dass ihr hier seid!”, rief sie ärgerlich. „Muss man denn immer alles selber machen? Wozu hab ich euch eigentlich?”

Da fiel ihr Blick auf das Schild an der Schlafkammer. Da stand in großen roten Buchstaben: WIR STREIKEN!!

„Soso, ihr streikt also? Das könnte euch so passen!”, murmelte sie und öffnete die Tür.

Die Katze lag in ihrem Schlafkorb. Der Rabe hockte auf der Gardinenstange. Beide taten, als ob sie schliefen.

„Na wartet!”, murmelte Xenia und lächelte listig.

„Euch krieg ich!”

Sie ging in die Küche zurück, klapperte mit den Töpfen und rief nach einer Weile mit honigsüßer Stimme: „Aufstehn, Kinderchen! Es gibt eure Leibspeise!” Die beiden fielen auf ihren Trick herein und kamen in die Küche.

„Setzt euch schon mal an den Tisch, damit ich euch bedienen kann”, sagte Xenia.

Die Katze und der Rabe sahen sich unsicher an. So viel Freundlichkeit war verdächtig! Xenia holte den Hexenkessel vom Herd und sagte: „Es gibt heute leckere Krötenspinnenschlangenschleimsuppe!”

„Igittigitt”, rief die Katze Melissa. „Ich hasse Krötenspinnenschlangenschleimsuppe!”

„Ich will Pommes mit Mayo!”, krächzte der Rabe Rochus.

„Gegessen wird, was auf den Tisch kommt!”, sagte die Hexe Xenia streng.

„Wir streiken!”, rief der Rabe.

„Wir protestieren!”, ergänzte die Katze.

„Wir demonstrieren!”, krächzte der Rabe.

„Und nach dem Essen räumt ihr euer Zimmer auf!”, befahl die Hexe.

„Wir wollen Chaos!”, sagte die Katze.

„Durcheinander ist cool”, sagte der Rabe und flatterte davon.

„Scher dich zum Teufel!”, rief die kleine Wetterhexe ärgerlich.

„Dann geh ich auch!”, sagte die Katze Melissa.

Sie reckte die Nase in die Luft und stolzierte davon.

Xenia riss das Fenster auf und rief wütend hinterher: „Ihr braucht gar nicht wiederzukommen! Ich werde mir Besentiere hexen, die tausendmal tüchtiger sind als ihr!”

Erschöpft sank sie auf ihren Hocker und nahm ein Fußbad. Wunderbar ruhig war es jetzt im Haus! Während sie mit den Zehen im Schaum spielte, überlegte sie, welches Besentier wohl am praktischsten sei.

Es sollte möglichst wenig Ähnlichkeit mit Melissa und Rochus haben. Also keinesfalls rot oder schwarz! Keinesfalls Fell oder Federn! Und aufräumen sollte es können. Und ein großes Maul sollte es haben, in das viel Krötenspinnenschlangenschleimsuppe passte.

Grün ist eine hübsche Farbe, dachte sie, als sie das moosgrüne Handtuch nahm und die Füße abtrocknete. Dann blätterte sie weiter in ihrem Hexenbuch. Da fand sie die Lösung auf Seite dreizehn und hexte sich – Hokuspokus – ein ordentliches kleines Krokodil.

Das kleine Krokodil war sehr höflich und liebenswert. Es räumte auf, fegte die Stube und aß literweise Krötenspinnenschlangenschleimsuppe, ohne zu kleckern. Allerdings war es ziemlich ungeschickt. Vor allem bei der Gartenarbeit. Es zertrampelte die Beete und sein gefräßiges Maul machte auch vor Salat und Kohlköpfen nicht halt.

„Ich räume doch bloß auf”, sagte es zerknirscht, als Xenia es mit einem Maul voller bester Salatköpfe erwischte.

„Wie soll das enden?”, seufzte die kleine Wetterhexe nach einer Weile. „Du kleines Großmaul frisst mir noch die Haare vom Kopf!”

An einem Herbstmorgen, als das Krokodil sieben Gläser Himbeermarmelade und fünf frisch gebackene Brotlaibe verschlungen hatte, jagte die kleine Wetterhexe den immer hungrigen Vielfraß aus ihrem Haus.

Dann holte die kleine Wetterhexe ihr Zauberbuch und sah unter „B wie Besentiere“ nach. „Es wäre gut, wenn mir das neue Besentier bei der Apfelernte helfen könnte”, überlegte die kleine Wetterhexe. Im letzten Jahr hatte sie einen Sturm als Erntehelfer verwendet. Aber da bekamen die Äpfel im Winter alle faule Stellen.

Ein Pflücktier oder ein Leitertier sollte es sein! Ein Affe oder eine Giraffe? Ein Affe war ihr zu frech und eine Giraffe hatte einen zu langen Hals. Ihr Blick fiel auf einen kleinen Elefanten. Das war eine gute Idee. Mit seinem langen Rüssel kam er bis in die obersten Äste der Apfelbäume. Und schlafen konnte er in der Scheune neben dem Haus. So zauberte sie sich – Hokuspokus – einen kleinen Elefanten ...

Der kleine Elefant erwies sich als sehr sanftmütig und hilfreich. Behutsam pflückte er die Äpfel vom Baum und legte sie in die Obstkörbe. Er holte Wasser und putzte die Fensterscheiben. Er schleppte Feuerholz für den Winter herbei. Die kleine Wetterhexe konnte ungestört ihrer Arbeit nachgehen. Sie flog zum Nordpol und in die Berge und hexte die ersten Schneewolken und Winterstürme, und wenn sie nach Hause kam, prasselte schon das Feuer im Kamin, den der kleine Elefant von außen beheizte.

Eines Tages, als Xenia mit einem Schneesturm wieder nach Hause fegte, lag der kleine Elefant krank in seinem Heubett in der Scheune. Er hatte Husten und Halsweh.

„Es wird mir hier zu kalt!”, klagte er. „Das halt ich nicht aus. Kannst du mich bitte in ein Sonnenland hexen?”

Da hexte die kleine Wetterhexe den erkälteten Elefanten – Hokuspokus – in eine warme Ecke von Afrika.

Jetzt war sie wieder allein. Das gefiel ihr gar nicht.

Sie holte ihr Zauberbuch und blätterte darin. Diesmal sollte es ein ganz besonderes Tier sein. Es sollte schwarz sein wie Rabe Rochus und ein Fell haben wie Katze Melissa. Und es sollte nicht kleiner als der Rabe und nicht größer als die Katze sein, damit es im Winter bei ihr im Haus leben konnte.

Gesagt, getan, gezaubert, gehext: Hokuspokus – saß neben ihr auf der Ofenbank ein hübscher, pelziger kleiner Geselle. Sein Fell war glatt und glänzend. Man sah, dass er es regelmäßig putzte. Er hatte blanke Augen, die von einem weißen Fellrand umgeben waren und sie neugierig anschauten. Er hatte Pfoten, denen man ansah, dass er sich an einem Besen gut festhalten konnte.

„Ich heiße Putorius. Meine Freunde nennen mich Pups”, sagte der Kleine und rieb Ohren und Schnauze zutraulich an Xenias Arm.

„Komischer Name! Egal: Wenn du sauber und fleißig bist und Krötenspinnenschlangenschleimsuppe isst, ohne zu meckern und zu kleckern, werden wir gut miteinander auskommen. Da bin ich mir ganz sicher.”

„Hoffentlich”, sagte der kleine Fellgeselle und seufzte.

Beim Abendessen benahm sich Pups tadellos. In der Nacht durfte er in Katze Melissas Schlafkorb neben dem Ofen liegen. Am nächsten Morgen erledigte er den Abwasch und räumte die Küche auf.

„Pups, du bist ein Glücksgriff!”, rief die kleine Wetterhexe begeistert und hexte vor Freude ein nettes kleines Gewitter.

Als es draußen donnerte und blitzte, bekam Pups Angst und verkroch sich unter der Ofenbank. Plötzlich verbreitete sich ein Höllengestank im Raum, der sogar eine unerschrockene Hexe wie Xenia fast um den Verstand brachte.

„Raus mit dir, du altes Stinktier!”, brüllte sie, als sie erkannte, wer da so bestialisch stank.

Sie riss die Tür auf und jagte den stinkenden Iltis hinaus. Traurig und allein saß die kleine Hexe auf ihrem Küchenhocker. Jetzt tat es ihr leid, dass sie ihre alten Besentiere fortgejagt hatte. Da klopfte es.

„Herein, wenn’s kein Stinktier ist!”, brummte Xenia.

Draußen vor der Tür standen – völlig durchweicht – Melissa und Rochus.

„Dürfen wir reinkommen?”, fragte Melissa kleinlaut.

„Schön, dass ihr wieder da seid”, rief Xenia fröhlich. Und dann kochte sie Pfannkuchen mit Apfelmus, Kirschtorte und Pommes mit Mayo und alles, was die beiden gerne mochten.

„Nirgends ist es so schön wie zu Hause!”, sagte Rochus und schmatzte.

„Stimmt”, sagte Melissa und nahm sich noch einen Pfannkuchen. „Selbst wenn es ab und zu mal Krötenspinnenschlangenschleimsuppe gibt!”

„Aber nur ganz manchmal”, sagte Rochus.

„Ihr wisst doch: Gegessen wird, was auf den Tisch kommt!”, rief Xenia und kicherte, wie nur eine Hexe kichern kann. „Gute alte Freunde vermisst man doch sehr, auch wenn man sich manchmal über sie ärgert.“

Ende der Geschichte! Hab einen spannenden Tag!

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