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Wir suchen uns ein Stück vom Glück

Eine Geschichte von Neele, mit Illustrationen von Marta Balmaseda, erschienen im Arena Verlag.

Eines Morgens saßen Maus und Maulwurf gemeinsam vor ihrem Haus und ließen sich die Sonne auf den Bauch scheinen.

Da sagte die Maus zum Maulwurf: ,,Alle reden davon, das Glück zu finden." ,,Was ist das denn, das Glück?", fragte der Maulwurf.

,,Ich weiß es nicht", sagte die Maus. ,,Aber wenn man eins hat, soll es einem besser gehen." ,,Aha", sagte der Maulwurf und gähnte gemütlich.

Die Maus holte Stift und Papier und malte ein glitzerndes Glück, damit sie nicht vergaß, wonach sie suchen musste.

,,Du wirst sehen: Wenn ich eins gefunden habe, wird es für uns ganz wunderbar", sagte sie zu dem Maulwurf und lief los.

Zuerst kam sie zum Geschäft der Eule. ,,Hallo", sagte die Maus, ,,ich hätte gerne ein Glück."

Die Eule lachte. ,,Glück kann man nicht kaufen. Aber wenn man reicht ist, kommt das Glück von ganz allein." Schnell sah die Maus hinter den Tresen, ob dort ein Glück stand, aber da war nur die Eule.

,,Dann bist du wohl nicht reich?", fragte sie. ,,Leider nicht", sagte die Eule. ,,Aber du kannst mal den Fuchs fragen."

Also ging die Maus zum Fuchs, denn jeder wusste, dass der Fuchs unheimlich viel Geld hatte.

,,Guten Morgen!", grüßte die Maus. ,,Ich habe gehört, dass zu dir ein Glück gekommen sein soll. Kannst du mir eins abgeben?"

Der Fuchs überlegte. ,,Leider nein. Ich mag zwar viel besitzen, Glück haben aber nur die, die bestimmen dürfen. Frag doch mal unseren Waldvorsitz, den Bären." ,,Das mache ich", sagte die Maus und freute sich.

Beim Bären angekommen, musste die Maus lange warten, weil so viele Tiere des Waldes mit ihren Fragen zum Bären kamen.

Als die Maus endlich an der Reihe war, erklärte sie: ,,Hallo, ich habe gehört, dass du ein Glück hast, weil du so viel bestimmen kannst."

,,Glück?", brummelte der Bär. ,,Sieh dir doch mal die vielen Tiere an, die etwas von mir wollen! Ich habe gar keine Zeit für Glück. Am besten, du gehst zum alten Dachs, der hat nichts zu tun und ganz viel Zeit."

Die Maus seufzte und machte sich auf den Weg.

,,Hallo!" Die Maus klopfte beim alten Dachs an die Tür, und es dauerte etwas, bis er sie geöffnet hatte. ,,Was willst du?", krächzte er.

,,Ich habe gehört, dass ein Glück bei dir ist, weil du so viel Zeit hast", sagte die Maus. ,,Kann ich vielleicht auch eins haben?" ,,Glück?" Der Dachs rieb sich die Augen. ,,Sieh mal, kleine Maus, ich bin schon sehr alt und kann nicht mehr viel tun. Glück haben die, die jung sind und ihr Leben noch vor sich haben. Wie der Waschbär zum Beispiel!"

,,Na gut", sagte die Maus und machte sich wieder auf den Weg. Doch langsam taten ihr die Pfoten schon weh vom vielen Laufen.

Der Waschbär bewunderte gerade sein Spiegelbild im Bach. ,,Guten Tag, Waschbär!", sagte da eine Maus zu ihm, die neben seinem Spiegelbild auftauchte. ,,Kannst du mir vielleicht helfen? Der Dachs hat gesagt, dass das Glück zu denen kommt, die noch jung sind. Kannst du mir eins abgeben?"

,,Stimmt,", sagte der Waschbär mit einem zufriedenen Blick auf sein Spiegelbild. ,,Ich bin jung und schön. Aber leider bin ich im Wald wenig bekannt. Das Glück kommt zu denen, die alle kennen."

Die Maus dachte nach. Da fiel ihr nur der Zaunkönig ein. Mit seiner Stimme erfüllte er den ganzen Wald und jeder schwärmte von ihm.

Schnell verabschiedete sie sich vom Waschbären, doch der war so mit sich beschäftigt, dass er das gar nicht bemerkte.

Bald kam die Maus zur höchsten Tanne des Waldes. Von weit oben erklang der märchenhafte Gesang des Zaunkönigs.

,,Hallo!", rief die Maus atemlos. ,,Du singst so schön, und jeder kennt dich. Ist dir ein Glück zugekommen?"

,,Glück? Glück? Glück?", zwitscherte der Zaunkönig, und die Maus lauschte verzaubert. ,,Jeder mag mich nur wegen meiner Stimme. Ich weiß nie, ob mich jemand ohne meine Stimme mögen würde. Glück haben die, die so geliebt werden, wie sie sind. Am besten, du besuchst die Eichhörnchen."

Obwohl die Maus dem Zaunkönig gern noch länger zugehört hätte, musste sie weiter.

Als die Maus bei den Eichhörnchen angekommen war, saßen die auf zwei unterschiedlichen Ästen vor ihrem Kobel. ,,Entschuldigung", sagte die Maus, ,,der Zaunkönig hat mir gezwitschert, dass ihr ein Glück gefunden habt, weil ihr euch liebt. Könnt ihr mir vielleicht auch eins geben?"

,,Ach", sagte Herr Eichhorn, ,,wir lieben uns ja, aber deswegen streiten wir uns auch manchmal. Das Glück kommt nur zu denen, die nie streiten." ,,Ja", nickte Frau Eichhorn, ,,versuch es doch mal bei den Kaninchen auf der Lichtung. Die teilen alles miteinander, und bei ihnen ist es immer lustig."

Die Maus war müde, aber sie wollte doch so sehr das Glück finden. Also machte sie sich noch einmal auf den Weg.

,,Hallo?", rief die Maus in den Kaninchenbau. Sofort sprangen zehn Kaninchen daraus hervor und tollten auf der Wiese herum.

Dann kamen gleich nochmal zehn hinterher. Es war gar nicht leicht, mit einem Kaninchen allein zu sprechen.

,,Du lebst mit deiner Familie und all deinen Freunden zusammen", sagte die Maus schließlich zu einem mit besonders langen Ohren. ,,Ich habe gehört, dass deshalb viel Glück zu dir gekommen ist. Kannst du mir eins davon abgeben?"

Das Kaninchen schüttelte seine langen Ohren. Dann flüsterte es ganz leise, damit die anderen es nicht hören konnten: ,,Ich mag sie ja alle, aber ich habe NIE meine Ruhe! Vielleicht fragst du mal die Eule nach dem Glück? Die kennt sich mit allem aus."

,,Da war ich schon", sagte die Maus traurig.

Die Maus konnte vor Müdigkeit kaum noch ihren Kopf halten, und sie wusste nicht, wo sie weiter nach einem Glück suchen sollte. Deshalb beschloss sie, wieder nach Hause zu gehen.

Die Sonne stand schon tief. Hoffentlich würde sie es bis zum Anbruch der Dunkelheit zurück zum Maulwurf schaffen! So lange war die Maus unterwegs gewesen, und jetzt konnte sie ihm nicht mal ein Glück mitbringen. Das Herz wurde ihr mit einem Mal ganz schwer.

Zu Hause angekommen, wartete der Maulwurf schon auf die Maus. ,,Na?", fragte er. ,,Hast du ein Glück für uns gefunden?" ,,Leider nicht", seufzte die Maus. ,,Dabei habe ich überall gesucht."

,,Das macht nichts", sagte der Maulwurf und klopfte auf den Platz in der Abendsonne neben sich. ,,Uns hat doch vorher nichts gefehlt."

Die Maus setzte sich und lehnte ihren Kopf erschöpft an den Maulwurf. Ein leichter Sommerwind fuhr durch ihre Schnurrbarthaare, und der Maulwurf legte einen Arm um sie. Und als ihre müden Augen zufielen, war ihr fast so, als ob die in ihrem Augenwinkel etwas aufblitzen sah...

Ende der Geschichte! Hab einen spannenden Tag!

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