jetzt drucken

Wilde Drachen

Eine Geschichte von Katja Frixe, mit Illustrationen von Sandra Kissling, erschienen im cbj Verlag.

„Bahn frei, Kartoffelbrei!“, schreit Oskar und rast mit dem Roller voll Karacho den Hügel hinunter.

Naoko und Moritz springen zur Seite.

„Bitte nicht so wild“, sagt Maria, als der Roller stehen bleibt.

„Das macht aber Spaß“, antwortet Oskar und fährt noch eine Runde über den Kindergarten-Spielplatz.

Dann steht er wieder oben am Hügel.

„Achtung, Achtung, hier kommt Oskar!“, ruft er diesmal und saust nach unten.

Leider übersieht er den Stock, der mitten auf dem Weg liegt.

Als er darüberfährt, kippt der Roller um, und Oskar landet auf dem Boden.

Sofort kommen Maria und ein paar Kinder angelaufen.

„Hast du dir wehgetan?“, fragt die Erzieherin.

„Nein", antwortet Oskar, rappelt sich auf und düst gleich wieder los.

„Stopp!“, ruft Maria. „Ich möchte etwas mit dir besprechen, Oskar.“

Oskar hält an.

Maria hockt sich vor den Roller.

„Ich habe ein bisschen Angst, wenn du so schnell unterwegs bist“, erklärt Maria.

„Nicht nur um dich, sondern auch um die anderen Kinder. Ihr solltet aufeinander Rücksicht nehmen, damit sich niemand verletzt.“

„Aber ich passe doch auf!", sagt Oskar und will an Maria vorbeifahren.

„Meine Mama sagt immer, der wilde Oskar ist nicht zu bremsen“, erzählt Naoko und kichert.

Maria steht auf und streichelt Oskar über den Rücken.

„Sei einfach ein bisschen vorsichtig, ja?"

Oskar nickt und fährt weiter.

Er ärgert sich.

Alle reden nur davon, wie wild er ist.

Dabei ist er auch immer ganz lieb zu Pünktchen, kann sich die kompliziertesten Sachen merken, seinen Namen schreiben, sich alleine anziehen und noch vieles mehr.

Jetzt steht er ein drittes Mal auf dem Hügel.

„Eins, zwei, drei, ich komme!“, ruft er und düst los.

Der Weg nach unten kommt ihm dieses Mal irgendwie länger vor – und plötzlich verändert sich die Umgebung.

Um Oskar herum ist kein Spielplatz mehr, sondern eine felsige Landschaft.

Ehe er sich’s versieht, saust Oskar mit seinem Roller mitten in einem Busch.

„Autsch!“, sagt er und befreit sich von Ästen und Blättern.

Wo ist er denn hier gelandet?

Die Felsen um ihn herum sind riesig.

In einem entdeckt er eine Öffnung, die wie ein Höhleneingang aussieht.

Oskar hat schon ein paar Abenteuer im Kindergarten Wunderbar erlebt.

Doch da ist er immer irgendjemandem begegnet – und hier ist weit und breit niemand, oder?

„Haaaallooooo!“, ruft er und lauscht in die Ferne.

Da hört er ein wütendes Fauchen.

Schnell springt er zurück in den Busch, denn das klang nicht gerade freundlich!

Oskar behält den Höhleneingang fest im Blick – oh, jetzt schießen Qualmwolken heraus!

Kurz darauf erscheinen zwei Drachen mit bläulich schillernden Schuppen.

Sie breiten ihre Flügel aus und erheben sich in die Lüfte.

Oskar hat schon immer davon geträumt, mal einen echten Drachen zu treffen.

Diese beiden sehen allerdings nicht so nett aus.

Als sie verschwunden sind, traut er sich wieder aus dem Busch hervor und schiebt seinen Roller vorwärts.

Er läuft und läuft, ohne dass etwas geschieht.

Was ist das hier für ein langweiliges Abenteuer?

„Hiiiiiilfe!“, ruft plötzlich eine Stimme. „Ist da jemand?“

„Ja“, antwortet Oskar, ohne zu wissen, woher die Stimme kam.

„Ich heiße Tajo!“, sagt die Stimme. „Und ich stecke fest! Hier unten!“

„Wo denn unten?" Oskar sieht sich suchend um.

Bis er schließlich einen tiefen Riss im Boden entdeckt.

Vorsichtig schleicht er sich an.

Ui! Da steckt ein Drache fest.

Einer mit bläulich schillernden Schuppen!

Oskar springt zurück.

„Was ist denn?“, fragt Tajo. „Willst du mir nicht helfen?“

Oskar weiß nicht, was er tun soll.

Die anderen beiden Drachen waren schon ein bisschen unheimlich.

Was, wenn dieser hier auch gleich wütend faucht und anfängt, Feuer zu speien?

„Hallo? Bist du noch da?“, fragt der Drache.

Oskars Herz pocht schnell.

Soll er all seinen Mut zusammennehmen?

Aber was, wenn das eine Falle ist?

Während Oskar noch überlegt, dringt aus dem Spalt ein Schluchzen.

„Wenn Mama und Papa das rauskriegen, sind sie stinksauer“, heult Tajo.

„Sie sind bestimmt schon losgeflogen und suchen nach mir.“

„Ähm, ja", sagt Oskar.

„Das glaube ich auch. Zumindest sind gerade zwei Drachen aus der Höhle dort hinten gekommen. Die hatten nicht gerade die beste Laune.“

Tajo heult auf.

„Sie haben mir schon tausendmal gesagt, dass ich nicht immer so wild sein soll und ich irgendwann schon sehen werde, was ich davon habe. Und das habe ich jetzt davon. Buhuuuuuu!"

Oskar wird hellhörig. Das kommt ihm irgendwie bekannt vor.

„Was hast du denn angestellt?", fragt er zögernd und beugt seinen Kopf wieder über den Spalt.

„Ich wollte ein paar neue Flugtricks ausprobieren“, erklärt der Drache.

„Steilflug Richtung Boden und dann ganz kurz vorher abdrehen. Leider bin ich voll Karacho in diesen Spalt gerauscht, und seitdem stecke ich fest.2

Er zögert einen Moment. Dann kichert er. „Aber es hat richtig Spaß gemacht. Und ich würde es immer wieder tun.“

Oskar muss grinsen.

„Verstehe“, sagt er.

„Ich mag es auch am liebsten wild. Meine Eltern und die Erzieher im Kindergarten finden das allerdings nicht so gut.“

„Na ja", sagt Tajo.

„Manchmal haben sie natürlich recht. Wie man an mir sieht.“

„Hast du dir wehgetan?", fragt Oskar.

„Nein", entgegnet der Drache. „Es ist allerdings sehr unbequem. Könntest du mich bitte, bitte, bitte befreien?“

Oskar muss nicht länger überlegen.

Dieser Drache ist zwar wild, aber bestimmt nicht gefährlich.

Er streckt seine Hand aus, und Tajo ergreift sie mit seiner Pranke.

„Uuuuufz", macht Oskar, weil er sich so anstrengt.

Tajo bewegt sich keinen Zentimeter.

„Fester!", ruft der Drache.

„Du musst mithelfen!“, erwidert Oskar.

Endlich tut sich etwas:

Tajo rutscht nach oben – erst nur ein winziges Stückchen, und dann immer weiter.

Schließlich hat Oskar es geschafft:

Der Drache steht auf wackligen Beinen neben ihm.

„Danke“, sagt Tajo.

„Ohne dich würde ich jetzt noch feststecken.“

„Du hast Glück, dass ich so wild und furchtlos bin", meint Oskar lachend.

Tajo nickt. „Das ist manchmal gar nicht verkehrt.“

„Und was machen wir jetzt?", fragt Oskar.

„Eigentlich bin ich hier, um ein Abenteuer zu erleben.“

„Na dann, nichts wie los", sagt Tajo. „Für ein Abenteuer bin ich immer zu haben. Willst du eine Runde auf mir fliegen?“

Oskar reißt die Augen auf. „Ja, klar!“

Er klettert auf Tajos Rücken, und dieser erhebt sich in die Lüfte.

„Juchhu!“, jubelt Oskar. „Höher! Schneller!“

„Soll ich auch einen Looping machen?“, fragt Tajo.

„Logisch“, antwortet Oskar. „Dann gut festhalten!“

Der Drache beschleunigt das Tempo, schießt schräg nach oben und liegt dann eine Kurve.

Oskar wird ein kleines bisschen schlecht, aber gleichzeitig kribbelt es vor lauter Aufregung in seinem ganzen Körper.

„Achtung, Landeanflug!“, ruft Tajo schließlich und setzt wieder auf dem Boden auf.

„Das war richtig gut!“, findet Oskar.

„Wenn du willst, düsen wir jetzt eine Runde auf meinem Roller den Berg hinunter.“

„Auf jeden Fall“, sagt Tajo.

Als sie oben am Hügel stehen, stellt sich der Drache hinter Oskar auf den Roller.

„Bist du bereit?“, fragt Oskar.

„Aber so was von!“, ruft Tajo, und schon rasen sie nach unten.

Sie werden immer schneller und schneller, doch den Drachen scheint das nicht zu stören.

Er juchzt begeistert.

„Achtung, Busch in Sicht!“, ruft Oskar, doch er schafft es nicht auszuweichen.

Mit einem Rums landen sie in den Ästen.

Schon wieder. Für heute hat Oskar davon erst mal genug.

„Oskar? Alles in Ordnung?“

Das ist nicht Tajos Stimme, sondern Marias.

Oskar ist wieder im Kindergarten.

Der Drache leider nicht.

„Alles in Ordnung“, antwortet er und steht auf.

„Und weißt du was, Maria? Manchmal ist wild sein ziemlich toll. Wenn man dadurch drachenstarke Freunde findet.“

Maria zwinkert ihm zu. „Verstehe. Dann hast du wohl gerade ein kleines Abenteuer erlebt, was?“

Oskar schüttelt den Kopf.

„Das war kein kleines Abenteuer“, erklärt er. „Sondern ein riesengroßes.“

Ende der Geschichte! Hab einen spannenden Tag!

Oder noch nicht genug vorgelesen?

Hier findest du weitere Geschichten.

weiterlesen

Lesezeichen hinzugefügt

Du hast für diese Geschichte auf diesem Gerät ein Lesezeichen gesetzt. Wenn du sie das nächste Mal öffnest, kannst du an der markierten Stelle fortfahren.

ok, verstanden