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Warum fallen Vögel beim Schlafen nicht vom Baum?

Am Abend sind Mama und Papa eingeladen.

Das findet Ben toll. Denn nun kann er bei seinem Cousin Alexander schlafen.

Darauf freut er sich schon den ganzen Tag. Alexander ist nämlich schon acht und darf ganz alleine zur Schule gehen!

Ben dagegen wird noch jeden Morgen von Mama in den Kindergarten gebracht. Wie ein Baby! Dabei ist er doch schon fünf!

Außerdem hat Alexander einen ganz tollen Wellensittich: Der heißt Olli, ist himmelblau und absolut zahm.

Wenn Alexander ihn auf seine Schulter setzt, kann er mit ihm durch die ganze Wohnung laufen, ohne dass Olli wegfliegt.

Und wenn’s ihm langweilig wird, knabbert er Alexander ganz vorsichtig am Ohr.

Kein Wunder, dass Ben auch gern einen Wellensittich hätte.

Aber Mama sagt immer nur: „Vielleicht, wenn du ein bisschen älter bist. So wie Alexander. Dann bist du auch alt genug, um ihn selbst zu versorgen."

Ach, wenn Ben doch nur schon größer wäre!

„Olli kann ein neues Kunststück“, nuschelt Alexander mit der Zahnbürste im Mund. „Willst du es sehen?“

„Oh ja!“, ruft Ben.

Als sie wieder im Kinderzimmer sind, führt Alexander seinen Zeigefinger zu seiner Schulter, und schon springt Olli vom Schlafanzug auf den Finger.

Dann setzt Alexander ihn vorsichtig auf seinem Schreibtisch ab.

Aus der Schreibtischschublade nimmt Alexander ein kleines Wägelchen heraus und setzt es auf den Schreibtisch.

Sofort stürzt Olli zu dem kleinen Wägelchen, packt mit dem Schnabel die Lenkstange und fährt damit los. Ben und Alexander biegen sich vor Lachen.

Da kommt Tante Sabine, Alexanders Mutter, ins Zimmer und sagt: „So, die Herren, Zeit, schlafen zu gehen. Und Olli kommt jetzt in den Käfig."

„Schon?“, fragt Alexander enttäuscht.

„Ihr könnt ja noch eine Kassette hören“, schlägt Alexanders Mama vor.

„Die kenne ich doch schon alle!“, sagt Alexander gelangweilt, als er Olli in den Käfig setzt.

„Wetten, nicht?“ Seine Mama zieht eine nigelnagelneue Kassette aus der Hosentasche.

„Super!", ruft Alexander begeistert. Schnell legt er die blaue Decke mit den goldenen Sternchen über den Vogelkäfig und sagt: „Gute Nacht, Olli.“

Kaum ist Olli unter der Decke verschwunden, springt Alexander ins Bett und ruft: „Ich schlafe an der Wand.“

Dabei wirft er ein paar Stofftiere vom Bett auf den Boden. „So, jetzt haben wir genug Platz.“

„Toll!“, sagt Alexanders Mutter. „Dann kann’s ja losgehen.“

Und während sie die Kassette einlegt, machen Ben und Alexander es sich im Bett gemütlich.

Wenig später lauschen die beiden gespannt einer tollen Detektivgeschichte.

Ein bisschen gruselig ist es auch. Es geht nämlich um ein altes Schloss, aus dem nachts merkwürdige Geräusche kommen. Mit Taschenlampen machen sich ein paar Kinder auf, um diesem Geheimnis auf die Spur zu kommen.

Und während die beiden zuhören, schallen Käuzchenrufe und andere seltsame Geräusche durchs dunkle Zimmer. Ben und Alexander sind mucksmäuschenstill.

Und auch Olli sagt keinen Ton. Am liebsten würde Ben wie Olli unter der Decke verschwinden. Aber das traut er sich nicht. Was soll denn dann Alexander von ihm denken!

Doch langsam, aber sicher, quasi wie von Geisterhand, rutscht die Bettdecke der beiden immer höher. Bis zu den Nasenspitzen. Und das auf beiden Seiten! Zum Glück geht die Geschichte gut aus, und die beiden können beruhigt einschlafen.

Am nächsten Morgen wird Alexander von einem dumpfen Knall geweckt. Sofort ist er hellwach: „Ben? Was machst du denn auf dem Fußboden?"

„Ich bin aus dem Bett gefallen“, antwortet Ben verlegen.

„Hast du dir wehgetan?“, fragt Alexander.

„Nö, geht schon“, antwortet Ben und wirft ein Stofftier in Richtung Alexander. „Ich bin ja weich gefallen.“

Sofort ist eine wilde Stofftier-Kissenschlacht im Gange.

„Na-na-na-na-na. Ben ist aus dem Bett gefallen“, singt Alexander.

Ben will Alexander ablenken und fragt schnell: „Warum fällt Olli eigentlich beim Schlafen nie von der Stange?"

„Das liegt an seinem Greifreflex“, antwortet Alexander.

„Was ist denn das?“, fragt Ben.

„Den haben alle Vögel. Vögel haben nämlich einen Reflexpunkt auf der Fußsohle. Landen sie auf einem Ast oder einer Stange und berühren diesen Punkt, wird ganz automatisch der Greifreflex ausgelöst, und die Zehen umklammern fest den Ast. Um die Spannung über längere Zeit oder im Schlaf zu halten, gibt es aber noch einen anderen Trick."

„Und welchen?“, fragt Ben gespannt.

„Den Sehnentrick. Warte, ich zeig’s dir!“, sagt Alexander und springt aus dem Bett. Mit einem Vogelbuch in der Hand kommt er zurück und liest vor:

„Bei Vögeln verläuft eine Sehne vom Oberschenkelmuskel über das Knie weiter das Bein hinunter bis zu den Zehen. Setzt sich ein Vogel auf einen Ast, beugt er automatisch seine Knie. Durch sein Körpergewicht spannt sich nun die Sehne, welche die Zehen wie mit einem Gummiband fest zusammenzieht. Will der Vogel weiterfliegen, macht er ein paar Flügelschläge, damit sich seine Beine wieder strecken und sein Körpergewicht nicht mehr auf die Sehne drückt. Das entspannt die Sehne, und die Zehen können loslassen."

Ben staunt. Alexander kann ja richtig toll vorlesen! Aber ganz verstanden hat er es nicht.

„Guck mal, hier sind auch noch Zeichnungen. Da ist die Sehne ganz dick in Rot eingezeichnet", sagt Alexander.

Ben sieht sich die Bilder an. Bei der ersten Zeichnung fliegt ein Vogel gerade auf einen Ast zu. Seine Beine und Zehen sind gestreckt.

Auf der zweiten Zeichnung ist er gelandet. Nun sind seine Beine eingeknickt und seine Zehen fest um den Ast gekrallt.

Jetzt hat Ben es verstanden und fragt: „Und Olli? Macht der das auch so?"

„Na klar!“, antwortet Alexander.

„Aber wieso kippt Olli beim Schlafen nicht nach vorne oder hinten?“, fragt Ben nachdenklich.

„Weil Vögel im Becken noch ein zweites Gleichgewichtsorgan haben. Und das verhindert das Umkippen. Sieh mal, hier ist es auch eingezeichnet."

Alexander hält Ben noch einmal das Buch unter die Nase. „Siehst du?", fragt er, und Ben nickt.

Da steckt Alexanders Mama den Kopf ins Zimmer und sagt: „Guten Morgen, ihr beiden! Frühstück ist fertig."

Sofort flitzen die beiden in die Küche.

„Und was machen wir heute noch?“, fragt Ben, als er ins Brötchen beißt.

„Heute ist Samstag“, antwortet Alexander und verzieht das Gesicht.

„Ja und? Was ist denn daran so schlimm?“, fragt Ben.

Alexander seufzt. „Samstags muss ich Ollis Käfig sauber machen.“

Nun verzieht auch Ben das Gesicht. Und plötzlich findet er es gar nicht mehr so schlimm, keinen Wellensittich zu haben. Im Gegenteil. Manchmal ist es sogar richtig schön, erst fünf zu sein!

Ende der Geschichte! Hab einen spannenden Tag!

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