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Versöhnungskuchen

Eine Geschichte von Katja Reider illustriert von Kerstin Völker, erschienen im Loewe Verlag.

Leonie ist bei Oma Hanna zu Besuch. Für eine ganze Woche! Erst nächsten Sonntag wird Papa sie wieder abholen. Da haben die beiden viel Zeit füreinander!

Gleich heute früh hat Oma mit Leonie einen Pflaumen­kuchen gebacken. „Hmm …!“ Leonie schnuppert.

Ob der Kuchen so gut schmeckt, wie er duftet? Bestimmt! Endlich ist Kaffeezeit. Oma hat den Tisch draußen auf der Terrasse gedeckt und Leonie sitzt schon in Startposition.

„Oma, wo bleibst du denn?“, ruft sie ungeduldig. Leonie schaut sich um. Auf der Terrasse nebenan sitzt eine ältere Frau und blättert in einer Zeit­schrift.

Leonie winkt freundlich hinüber, aber die Frau scheint sie nicht zu bemerken. Sie reagiert jedenfalls nicht.

Da ist Oma Hanna endlich. „Lass mal, Leonie!", sagt sie leise. „Die Frau Möller von nebenan und ich … na ja, wir kommen nicht so gut miteinander aus.“

Sofort ist Leonies Neugier geweckt. „Warum denn nicht?“, fragt sie.

Oma winkt ab. „Ach, das ist eine alte Geschichte: Als Mara, meine Collie-Hündin, noch lebte, da hat Frau Möller mal behauptet, Mara habe ein Häufchen vor ihre Garage gesetzt. Dabei stimmte das gar nicht! So was hätte Mara nie gemacht, weißt du! Na ja, und da haben Frau Möller und ich uns gestritten. Und seitdem …“ Oma macht eine unbestimmte Handbewegung.

„… seitdem redet ihr nicht mehr miteinander?“, fragt Leonie ungläubig.

Oma Hanna nickt. „Seit fast fünf Jahren. Aber ich habe mich daran gewöhnt! – Oje, jetzt habe ich ganz vergessen, Sahne zu schlagen! Warte, das mache ich noch schnell, ja?“

Kaum ist Oma wieder in der Küche verschwunden, schiebt Leonie kurz entschlossen ein großes Stück Kuchen auf einen Teller und geht damit zum Gartenzaun. Sie holt tief Luft, bevor sie laut hinüberruft: „Mögen Sie vielleicht auch ein Stück Kuchen? Er ist mit Streuseln!“

Frau Möller auf der anderen Seite des Zauns blickt erstaunt auf. Nur zögernd legt sie ihre Zeitschrift beiseite und kommt näher. „Ja, also … ich weiß nicht …“, sagt sie unsicher.

Auffordernd hält ihr Leonie den Teller hin. „Pflaumenkuchen! Sogar noch ein bisschen warm! Wir haben ihn selbst gebacken!“

„Tja, dann … Also gut! – Vielen Dank, Kleine!“ Mit ­puterrotem Gesicht greift die Nachbarin nach dem Kuchen­­teller und verschwindet damit fluchtartig in ihrem Häuschen.

Als Oma Hanna kurz darauf mit einer großen Schüssel Schlagsahne zurückkommt, sitzt Leonie schon wieder auf ihrem Platz. „Na, hast du doch schon ein Stück verputzt?“, fragt Oma und zeigt lächelnd auf die große Lücke im Pflaumen­kuchen.

„Hmm“, macht Leonie undeutlich und senkt den Blick auf ihren Teller.

Als Oma und Leonie später beim Abendbrot sitzen, läutet es plötzlich.

„Nanu, wer kann das denn noch sein?“, wundert sich Oma und eilt auch schon zur Tür. „Oh! Frau Möller!?“, hört Leonie Oma Hanna im Flur erstaunt ausrufen.

Vorsichtig linst Leonie durch den Türspalt. Tatsächlich, Omas Nachbarin!

„Entschuldigen Sie die Störung, Frau Wagner!", hört Leonie die Besucherin sagen. „Ich wollte Ihnen nur rasch Ihren Teller zurückbringen. Der Pflaumenkuchen war wirklich wunderbar, vielen Dank noch mal! – Tja, und als ich eben diesen Gemüsestrudel hier fertig hatte, da dachte ich, … dass der vielleicht auch Ihrer Enkelin schmecken würde.“

„Oh … äh … danke, sicher!", hört Leonie Oma Hanna stammeln. „Das ist wirklich nett von Ihnen!“

„Gern geschehen", sagt Frau Möller, „und grüßen Sie die Kleine von mir!“

„Das mache ich. Danke!“

Die Tür wird geschlossen. Leonie schlüpft schnell wieder auf ihren Platz. Ob Oma jetzt wütend ist?

Nein, Oma Hanna lächelt, als sie Frau Möllers Gemüsestrudel auf den Tisch stellt.

„Manchmal seid ihr Kinder viel klüger als wir Erwachsenen!“, sagt sie und schneidet sich lächelnd ein Stück vom Gemüsestrudel ab.

Ende der Geschichte! Schlaf schön!

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