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Verkühl dich täglich - Teil 1

Diese Geschichte wird in 2 Teilen erzählt. Hier kommt Teil 1!

Willkommen in (meiner) unserer Geschichte

Es fängt immer an, wenn die Badehosenzeit aufhört.

Nein, nicht das mit der Schule. An die kann man sich ganz gut gewöhnen.

Ich meine etwas, an das man sich überhaupt nicht gewöhnen kann.

Ich meine die Strumpfhosen und langen Unterhosen und Fäustlinge und Handschuhe und Strick- und Fleecemützen und Ohrenschützer und Stirnbänder und Stulpen und Schals. Die Loops natürlich auch!

Das alles braucht kein Mensch. Außer, er ist Nordpol-Forscher.

Nur blöd, dass die großen Großen die Sache völlig anders sehen!

Kaum wird das erste Blatt ein bisschen bunt, wickeln sie uns ein wie die Mumien im alten Ägypten. Wobei es dort ziemlich sicher noch keine Strumpfhosen gab. Sonst hätte sich damals schon jemand dagegen gewehrt. So wie wir letztes Jahr.

Wir, das sind Nelly, Sophie, die Zwillinge (Felix und Emil) und ich, der Pauli. Wir gehen alle in dieselbe Klasse und sind außerdem Freunde. Und die Idee mit dem Verein war von mir.

Aber ich erzähle das jetzt am besten der Reihe nach. Für den Fall, dass ihr uns alles nachmachen wollt.

Das dürft ihr ausnahmsweise! Weil wir gemeinsam noch stärker sind und das Wollzeugs dann irgendwann ganz aus der Welt verschwindet. Hoffentlich!

1.

Also, vorigen Herbst. Da haben die großen Großen wieder mal den Sommer in den Schrank gepackt und den Winter rausgelassen.

Für meine Oma waren diese Schrank-Tausch-Tage immer wie Weihnachten. Weil alles wieder auftauchte, was sie je an Wollzeugs verbrochen hatte.

Und das war enorm viel. Sie strickte damals dauernd, wenn sie nicht gerade schlief. Ein richtiger Strick-Aholic, meine Oma!

Ich hatte das mit dem Wollzeugswaschen und lüften und stopfen natürlich gleich mitgekriegt. Es hatte schließlich ein ganzes Wochenende gedauert!

Am Montagmorgen dann tat ich extra unauffällig. Ich wollte unbedingt ohne Mumienoutfit aus dem Haus. Vielleicht das letzte Mal in diesem Jahr! Leider hatte ich Pech.

Omas Nase war schon an der Luft gewesen und hatte einen Beschluss gefasst: ,,Du nimmst besser eine Mütze, Paulilein! Man verkühlt sich immer dann am meisten, wenn man es am wenigsten erwartet."

Genau, bei fast 20 Grad im Schatten. Ganz bestimmt!

Wenn es wenigstens nur die Mütze gewesen wäre! Doch da waren obendrein noch die Fäustlinge und ein extrem ekeliges Halsmonster, das eben erst fertig geworden war. Siebenmal so lang wie ich und mit riesigen Taschen an den Enden. Für die Hände, weil die konnten angeblich nie warm genug eingepackt sein.

Während Oma wickelte und wickelte, vermisste ich kurz meine Eltern. Die waren gerade irgendwo in England, irgendwelche Spezialschafe streicheln.

Außerdem wollten sie Tonnen von Wolle kaufen. Nicht nur für Oma. Mama und Papa machen das beruflich!

Manchmal frage ich mich, ob ich als Baby vielleicht vertauscht worden bin.

Wahrscheinlich hätten mir meine Eltern ohnehin nicht geholfen, sondern mir zusätzlich noch die Unterwäsche des Grauens verpasst.

Ihr wisst schon, dieses Ganzköperding, das die Cowboys in den alten Wildwestfilmen tragen, wenn sie in die Badewanne steigen!

Fühlt sich an wie ein Sack voller Flöhe und ist außerdem heiß wie ein Backofen.

Ohne die Unterwäsche des Grauens war ich zumindest mittelgut gelaunt, als ich in der Klasse ankam.

Auf jeden Fall besser als Nelly. Die pfeff erte gerade ihre Bommelmütze in die Ecke und motzte: ,,Wie mich das nervt, dieses unglaublich sch…eußliche Zeug!" Dabei zerrte sie wie verrückt an ihrem Loop.

Das sah ziemlich wild aus, weil ihre Haare noch dazu in alle Richtungen vom Kopf abstanden. Wie wenn man versehentlich einen Zitteraal anfasst und dann komplett elektrisch aufgeladen ist.

Mützen machen komische Sachen mit Mädchenhaaren.

Wenn Nelly so drauf ist, hilft nur eines: ein irrer Lachanfall. Zum Glück waren Sophie, Felix, Emil und ich Meister im Erzeugen von irren Lachanfällen.

Wir legten unsere nordpolmäßig eingepackten Köpfe schief und flöteten im Chor: ,,Nelly, das ist nur zu deinem Besten. Sonst verküüühlst du dich womöglich noch!"

Volltreffer!

Nelly prustete los: ,,Hört bloß auf damit, ihr klingt total gruselig. Genau wie die großen Großen!"

Eine Zeit lang lachten wir, dass die Schweißperlen nur so spritzten. Bis den Zwillingen das Megapeinliche unter ihren Hosen einfi el. Sie zupft en an sich herum und maulten. Dass wir uns endlich wehren und eine Bande gründen sollten. Eine, die extrem gegen das ganze Wollzeugs ist.

,,Dann kann uns niemand mehr etwas anhaben", sagte Felix trotzig.

Und sein Bruder Emil ergänzte: ,,Genau, anhaben. Schon gar keine Thermo! Strumpf! Hosen!"

Wobei das so nicht ganz stimmte. Weil der Lukki, der damals mit uns in die Klasse ging, war sogar Bandenanführer und musste trotzdem eine megapeinliche Strumpfhose anziehen. Deswegen sah er aus wie ein Yeti im Winterpelz, obwohl er eigentlich dünn war wie ein Streichholz.

Ich fand, dass die Idee mit dem Wehren ein guter Plan war. Nur: Die hunderttausendste Bande zu gründen, das fand ich langweilig. Wir fünf sollten etwas haben, was keiner hat. Zumindest keiner in unserer Klasse!

Leider kam genau in diesem Moment unsere Lehrerin herein und ich musste das Denken auf später verschieben.

Als ich nach der Schule mein Wollzeugs vom Garderobenhaken nahm, fiel mir der Verein von Sophies Onkel ein. Ein Verein ist wie eine Bande für Erwachsene, nur besser.

Das interessierte die Zwillinge gleich brennend. „Was für eine Bande, äh, was für ein Verein?“, fragten sie Sophie.

Die wollte zuerst nicht so recht damit rausrücken. Weil der Onkelverein mit Meerschweinchen zu tun hatte. (Dicken, extrafl auschigen Meerschweinchen. Wie das Ding, das ich mir gerade über den Kopf stülpte. Wahrscheinlich war ich auch deshalb darauf gekommen.)

Die Tierchen waren aber nur ein Teil der Peinlichkeit. Der andere war der Vereinsname: „Die Puschelwuschels – Verein der Schweinbacher Meeresbiologen." Ganz im Ernst!

Damit hatten wir den zweiten irren Lachanfall des Tages. Oder besser: Nelly, Felix, Emil und ich hatten ihn.

Ich rief dazwischen, dass wir uns natürlich anders nennen würden, weil es bei uns um etwas Ernsthaft es ging. Etwas wirklich Wichtiges. Leider machte das alles noch viel schlimmer.

„Genau!", kreischten die Zwillinge. „Wie wär’s mit: Die fantastischen Frostbeulen? Oder: Die triefenden Tropfnasen?“

„Nein, nein, nein", schrie Nelly. „Lieber: Die eingefrorenen Eisbären! Oder vielleicht … Die streikenden Stricknadeln. Die bibbernden …“

Während sich die einen vor Lachen nicht mehr einkriegten und die andere die beleidigte Leberwurst spielte, überlegte ich fieberhaft hin und her. Dabei kam heraus, dass wir kleinen Großen absolut selber entscheiden konnten, wann und wo und wie wir uns verkühlen wollten. Und dann war das mit dem Namen plötzlich so was von logisch, dass ich mir vorkam wie das reinste Genie.

Sich selbst zu loben, geht normalerweise gar nicht, aber …

VERKÜHL DICH TÄGLICH

war und ist trotzdem ein wirklich guter Name! Kein kindischer Babybandenname, sondern ein richtig erwachsener Vereinsname. Die Mädels waren jedenfalls gleich voll dafür.

Nur Emil und Felix drucksten komisch rum: „Moment mal, wir wollen uns nicht verkühlen. Wir kriegen dann immer schlimme Ohrenschmerzen mit Fieber und …"

„Genau das ist der Witz an der Sache, ihr Mützenhirnis", rief Sophie feixend.

Die Zwillinge starrten sie an, als hätte sie gerade eine Handvoll extrem glitschiger Regenwürmer geschluckt.

„Also, noch mal zum Mitschreiben!", wiederholte Sophie. (Wenn sie sauer ist, macht sie gerne einen auf allwissend.) „Unser Verein heißt VERKÜHL DICH TÄGLICH. Nur wir tun genau das Gegenteil. Versteht ihr? Wir werden dem Wollzeugs was husten und dabei nicht einmal die kleinste Gänsehaut bekommen. Das ist ironisch gemeint.“

„Aha.“ Ganz sicher waren sich die Zwillinge nicht. Sie hielten trotzdem die Daumen hoch und damit war unser Verein gebongt.

Nun brauchten wir nur noch ein Vereinslokal, ein bisschen was an Ausrüstung und ein geheimes Passwort an der Tür.

Das Passwort war schnell gefunden. Nur werde ich es euch hier ganz bestimmt nicht verraten. Da wäre ich schön doof!

Wegen der Ausrüstung wollte jeder von uns zu Hause schauen. Besonders Nelly, bei der gab es sowieso alles doppelt und dreifach. Die Frage, wo wir uns treffen wollten, war dann schon wesentlich komplizierter.

Sophie war für irgendwas in der Nähe von der Schule. Klar! Die Zwillinge für etwas, was möglichst weit von der Schule weg war. Auch klar! Nelly dachte an etwas Ungewöhnliches und ich an etwas im Freien. Schwierig!

Bis uns der Eissalon Titanic einfiel. Der war von allem und jedem gleich weit weg. Dass er schon Winterpause machte, störte uns nicht, im Gegenteil! So würden wir die ganze Terrasse für uns haben.

Ein Vereinslokal ohne Dach, das noch dazu mit Eis zu tun hatte. Ungewöhnlicher und mehr im Freien ging es wohl kaum für den Verein VERKÜHL DICH TÄGLICH!

Die allererste Vereinssitzung haben wir gleich für den nächsten Nachmittag ausgemacht. Ihr könnt euch vorstellen, wie aufgeregt wir waren.

2.

Der Dienstag begann noch schlimmer als der Montag.

Für mich mit einer Wollstrumpfhose (offenbar war gestern einfach noch keine trocken gewesen). Für die Zwillinge mit Bärenfellmützen (obwohl eigentlich Baseballkappen-Wetter war). Für Nelly mit Schneestiefeln (die bei jedem Schritt schmatzende Geräusche von sich gaben). Und für Sophie mit einem Muff (der sie von oben bis unten müffelig machte).

Das alles wäre noch immer irgendwie zum Aushalten gewesen, wenn wir nicht genau gewusst hätten, was die großen Großen noch alles im Kasten hatten. Und dass es nur noch eine Frage der Zeit war, bis sie damit rausrücken würden. Es bestand also dringender Handlungsbedarf!

Gleich nach der Schule nahmen wir Kurs auf den Eissalon Titanic. Dort angekommen stampfte Nelly mit ihren Füßen auf – Schmatz! Schmatz! – und brüllte: „Los geht’s, Leute!“

Sie zerrte an ihrem linken Schneestiefel und schleuderte ihn in hohem Bogen von sich. Den rechten gleich hinterher. „VERKÜHL DICH TÄGLICH!“

Das war unser Stichwort. Schon flogen sie durch die Luft , die Strumpfhosen und langen Unterhosen und Fäustlinge und Handschuhe und Strick- und Fleecemützen und Ohrenschützer und Stirnbänder und Stulpen und Schals und Loops.

Sophies Muff natürlich auch. Außerdem die Bärenfellmützen, obwohl sie gar nicht aus Wolle waren. Aus richtigem Fell von richtigen Bären aber genauso wenig. Zum Glück!

Bald lag auf dem Platz vor dem Eissalon ein riesiger, dampfender Haufen. Und wir fühlten uns viel besser. Irgendwie total befreit.

Damit ihr euch jetzt nichts Falsches vorstellt: Wir waren am Ende natürlich nicht komplett nackig. Alles, was kein Wollzeugs war, hatten wir entweder anbehalten oder wieder angezogen.

Die T-Shirts und Jeans und so weiter. Sonst hätten die Leute sicher noch blöder aus der Wäsche geschaut, als sie es sowieso schon taten!

Die sind ja vor Neugierde fast gestorben, als wir bloß unser Vereinslokal einrichteten. Weil Sophie über Nacht richtig tolle Wimpel gebastelt hatte, mit unserem Vereinsnamen auf der einen und unserem geheimen Passwort auf der anderen Seite. (Was beweist, dass sie nicht immer ein Superhirn ist.)

Das mit dem Passwort war aber nicht wirklich schlimm, weil unser Vereinslokal ja ohnehin keine Tür hatte. Dafür einen Baum in der Mitte. Dort hängten wir das Wetterhäuschen hin, das Nelly mitgebracht hatte. Mit der Dirndlfrau für Sonne und dem Lederhosenmann für Regen, Eis und Schnee.

Einfach perfekt, wenn man sich täglich verkühlen wollte!

Wir waren sozusagen mitten in unserer ersten Vereinssitzung, als plötzlich jemand „Donnerwetter Blitz!", rief und dann: „Ihr werdet euch noch …!“ (Ihr wisst schon was.)

Dieser Jemand war die Heiße Hilde. Die hat einen Dackel namens Heinz und eine Imbissbude gleich gegenüber vom Eissalon. Außerdem redet sie ungefähr so, als wäre sie aus dem 20. Jahrhundert direkt in die Jetztzeit gebeamt worden.

Ich meine, wer sagt heutzutage noch „Donnerwetter Blitz" und solche Sachen? Egal.

Für uns hieß es nun jedenfalls: schön ruhig und höflich bleiben. Nur keine Panik auf der Titanic, lieber alles in Ruhe erklären.

Das übernahm Emil. „Wir sind jetzt eine Bande für Erwachsene!", platzte er heraus. „Wir tragen überhaupt kein Wollzeugs mehr, niemals wieder, und kriegen trotzdem keine Ohrenschmerzen. Damit du es weißt.“

Na ja, so richtig ruhig und höflich war das zwar nicht, aber offenbar war es gut genug erklärt. Denn Hilde sagte nur: „Soso. Nun denn. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt!", und kümmerte sich wieder um ihr Geschäft.

Der Einzige, dem danach noch nicht alles klar war, war Felix. Er starrte eine halbe Ewigkeit auf das Imbissbudenschild und fragte sich, ob die Heiße Hilde wirklich Heiße Hilde hieß.

„Vergiss es", murmelte Emil. Irgendwie weiß er immer, worüber sein Bruder gerade grübelt. „Das ist garantiert ein ausgedachter Name!“

„Echt, das geht?“

„Sicher geht das! Klingt außerdem viel besser als einfach nur Hilde!"

Darauf nickte Felix und grübelte noch ein wenig weiter. Zwischendurch redete er mit sich selbst und grinste dabei übers ganze Gesicht. Kein Zweifel: Felix mützenloses Hirn war gerade dabei durchzudrehen.

Wir wollten ihm schon einen Kübel mit Wasser über den Kopf schütten, da tippte sich der Zwilling mit dem Zeigefinger auf die Brust.

„Ich: Frostiger Felix.“ Dann zeigte er auf mich. „Du: Polarer Pauli.“

Das klang zwar ziemlich schräg, trotzdem begriffen wir sofort, worauf er hinauswollte. Felix, Pauli, Nelly, Emil und Sophie waren Geschichte!

Ab jetzt waren wir der Frostige Felix, der Polare Pauli, die Nasskalte Nelly, der Eisige Emil und die Stürmische Sophie. Das klang nach echten Helden, nach echtem Abenteuer und vor allem genau so, wie wir es später in der Zeitung, im Internet und überhaupt lesen wollten. Wir hatten nämlich auf jeden Fall vor, mit unserem Verein total berühmt zu werden.

Vor dem Berühmtwerden musste allerdings noch etwas mit dem Wollzeugsberg passieren. Auf der Titanic-Terrasse konnte er nicht bleiben, so viel stand fest.

Die Zwillinge waren für Verbrennen. Nur das hätte wahrscheinlich schrecklich gestunken und der Heißen Hilde die Kunden vergrault.

Also beschlossen wir, die Sachen zu verteilen. Weil die großen Großen ja auch immer sagen, dass Teilen so eine gute Sache ist.

Die Nasskalte Nelly hat sich gleich meine Strumpfhose herausgefischt und ist Richtung Park losgerannt. Dabei hat sie die Strumpfhose wie ein Lasso über dem Kopf kreisen lassen. Wir liefen eilig hinterher, jeder mit so viel Wollzeugs in der Hand, wie er tragen konnte.

Bis der ganze Berg vor der Titanic geschmolzen war und alles einen neuen Besitzer gefunden hatte.

„Kalt? Uns? Niiie!“, jubelten wir zum Abschied. (Das war übrigens unser mittlerweile ohnehin nicht mehr geheimes Passwort.) Wir konnten es kaum erwarten, nach Hause zu kommen und zu sehen, wie stolz die großen Großen auf uns sein würden.

Daheim dann passierte etwas Erstaunliches: Die großen Großen waren gar nicht stolz auf uns.

Sie wurden sogar ziemlich ungemütlich. Oma ließ mir sofort eine dampfende Wanne ein und kippte eine ganze Flasche Erkältungsbad hinein. Danach musste ich die extradicken Notfallsocken anziehen und ab ins Bett, obwohl es draußen noch hell war.

Während der ganzen Prozedur sagte Oma kein Wort mehr als unbedingt nötig. Nur: Baden! Schlafen! Sofort!

Mist! Der selbst gestrickte Meterschal! Ich hatte keine Sekunde daran gedacht, dass in so einem Schal nicht nur jede Menge Wolle, sondern auch jede Menge Liebe und Arbeit steckt.

Kein Wunder, dass Oma so verschnupft war. Klarer Fall von beleidigter Strick-Aholic-Ehre! Doch geschenkt ist bekanntlich geschenkt und wiederholen ist gestohlen.

Außerdem konnten wir unseren Plan mit dem Verein nur durchziehen, wenn wir absolut keine Kompromisse eingingen. Selbst wenn sich die großen Großen auf den Kopf stellen würden.

Und das taten sie. Besonders die Zwillingseltern. Die waren noch säuerlicher als meine Oma, weil die bärenlosen Fellmützen an scheinend ziemlich teuer gewesen waren. Die Zwillinge bekamen mächtig Ärger und einen Löffel Lebertran. Einen für jeden.

Die Mädels traf es allerdings auch nicht besser. Eigentlich hätte Sophie ja bei Nelly übernachten dürfen. Damit war es jetzt vorbei. Dafür kriegte Sophie eine ganze Handvoll Hokuspokus-Grippekügelchen in den Mund gestopft und musste, genau wie ich, sofort ins Bett. In ihr eigenes!

Und Nelly durfte eine doppelte Portion Hühnersuppe in sich hineinschlürfen, obwohl sie Suppe hasst. Weil Hühnersuppe angeblich die beste Medizin ist, wenn man sich erkältet hat. Nur: Wer, bitteschön, hatte sich hier erkältet? Wir wussten schließlich, was wir taten!

3.

Wenn die großen Großen beschließen durch zugreifen, gibt es kein Pardon.

In unserem Fall kam es sogar richtig dick. Ich sage nur: Ersatz-Wollzeugs, dreifach gewickelt. Anscheinend sollten wir ein für alle Mal verstehen, dass mit dem Verkühlen keineswegs zu spaßen ist. Genauso wenig wie mit den großen Großen im Allgemeinen.

Für mich galt das besonders. Sonst hätte mir meine Oma wohl kaum die Unterwäsche des Grauens und die beheizbaren Schuhsohlen rausgelegt. Was extra hart war, weil unser Hausmeister gleichzeitig beschlossen hatte, schon mal die Heizung aufzudrehen.

Der Einzige, der sich bei diesen Bedingungen pudelwohl fühlte, war unser finnischer Austauschschüler Pyry. Kein Wunder, der hat ja auch einen Saunatick.

Wir fünf haben den Vormittag jedenfalls nur überlebt, weil wir tapfer an den Nachmittag gedacht haben. An befreite Zehen und einen belüfteten Kopf!

„Kalt? Uns? Niiie!“ Diesmal schafften wir einen Berg, der vermutlich der echten Titanic eine Riesenangst eingejagt hätte.

Er taugte allerdings auch ganz gut als Sofa, also ließen wir ihn liegen. Gemütlich lümmelten wir herum und prüften die Wetterhäuschen-Lage. Wenn man ganz genau hinsah, konnte man bereits ein Stück Lederhosenmann sehen.

Nelly verzog das Gesicht. ,,Wetten, wir sitzen bald im Skianzug in der Schule!"

„Dann ziehen wir den eben auch aus", grinsten die Zwillinge. „Wir sind schließlich nicht irgendwer, sondern der Verein VERKÜ HL DICH TÄGLICH.“

„Ja, aber wäre es nicht besser, wir müssten die Sachen erst gar nicht anziehen?"

Natürlich! Nur: Wie sollte das gehen?

Sofort ratterte Sophies Hirn los. Wir konnten es richtig hören.

„Die großen Großen glauben nur Sachen, die sie auch bewiesen bekommen. Richtig? Also müssen wir ihnen unser Nichtverkühlen beweisen. Dann – und erst dann – werden sie uns ein für alle Mal in Ruhe lassen."

Das leuchtete uns ein. Was wir brauchten, war ein absolut erwachsenentauglicher Plan!

Plötzlich begannen Felix und Emil gleichzeitig, in ihren Rucksäcken herumzuwühlen. Im üblichen Chaos fanden sie eine zerdrückte Banane, ein lauwarmes Kirschkernkissen (hundert Punkte, wenn ihr erratet, wer ihnen das reingeschmuggelt hatte) und – tataaa! – ein Fieberthermometer.

,,Damit werden wir ab jetzt jeden Tag unsere Temperatur messen."

„Unter der Zunge, nicht ›popal‹!“

„Und wir werden alles aufschreiben. Als Beweis, versteht ihr."

„Für den Fall, dass jemand unseren Verein für Blödsinn hält."

„Ich fang schon mal an.“

Gerade als sich Felix das Thermometer in den Mund steckte, tauchte die Heiße Hilde auf. Sie hatte eine Thermoskanne und Heinz dabei. Der Hund sah aus wie ein Hot Dog, was perfekt zu Hilde und ihrem Imbiss passte.

„Ojemine!“, rief sie und runzelte ihre Stirn, was wiederum perfekt zu den Dackelfalten von Heinz passte. „Da ist es schon, das dicke Ende. Und ich dachte, ihr wolltet euch nicht verküüühlen?"

„Keine Sorge, haben wir nicht und werden wir nicht!", nuschelte der Frostige Felix mit dem Fieberthermometer im Mund. „Wir messen nur immer unser Nichtfieber, weil wir das mit dem Nichtverkühlen beweisen wollen.“

„Dann ist es ja gut", sagte die Heiße Hilde und stellte ihre Thermoskanne ab. Die war giftgrün und sah ziemlich gefährlich aus. „Und damit es auch so bleibt, habe ich euch einen Wundertrank gebraut. Vorsicht ist bekanntlich die Mutter der Porzellankiste und wer kalte Hände hat, braucht ein heißes Herz. Da beißt die Maus keinen Faden ab.“

Wir hatten keine Ahnung, was uns die Imbissbudenfrau damit sagen wollte. Es konnte jedoch nicht schaden, zu protestieren: „Kalt? Uns? Niiie!"

Dummerweise war Hilde schon auf dem Rückweg zu ihren Würstchen und hörte uns nicht mehr.

Jetzt mal ehrlich: Was würdet ihr tun, wenn euch jemand ein Warmhalteding mit gruseligem Inhalt in die Hand drückt?

Wir wollten auf keinen Fall unhöflich sein, wo Hilde doch für eine große Große ziemlich nett war. Andererseits hatten wir von unseren Eltern eingetrichtert bekommen, dass man von Fremden besser nichts annehmen sollte. Und das glaubten wir ihnen ausnahmsweise sogar.

Wir verhielten uns also erst mal möglichst unauffällig, sortierten unseren Wollzeugsberg neu und machten jeder mindestens drei Nichtfiebermessungen, die Sophie notierte. Bis ich irgendwann beschloss, dass die Heiße Hilde eigentlich keine Fremde war.

Ich schraubte den Deckel von der Thermoskanne ab und schnupperte vorsichtig hinein. Der Inhalt roch nicht besonders giftig. Okay. Also goss ich ein wenig davon in den Becher, hielt mir sicherheitshalber die Nase zu und nahm einen Schluck. Gar nicht übel!

Wenn uns das Gebräu tatsächlich die großen Großen vom Hals hielt, würden wir Hilde die Ehrenmitgliedschaft im Verein VERKÜHL DICH TÄGLICH anbieten. (Vorausgesetzt, Heinz durfte weiterhin ohne Hundepulli auf die Straße.)

Ende Teil 1. Wie es mit dem Verein der kleinen Großen weitergeht, erfahrt Ihr nächste Woche!

Ende der Geschichte! Hab einen spannenden Tag!

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