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Vater erzählt von grünen Menschen

Mirle lag mit dem Bauch auf dem Fußboden und spielte mit ihrem Stoffpferd.

„Wie war’s in der Schule?“, fragte der Vater.

„Die Lehrerin hat gesagt, dass es Menschen mit ganz verschiedenen Hautfarben gibt.“

„Das ist noch nicht lange so“, sagte der Vater. „Früher waren die Menschen alle grün.“

„Waas“, kreischte Mirle, „grün?!“

Manchmal hielt sie ihren Vater für etwas verrückt.

Der Vater lehnte sich im Sessel zurück, stopfte seine Pfeife und erzählte: „Auf einer Weltbestimmerkonferenz saßen die Weltbestimmer beisammen und bestimmten: So kann es nicht weitergehen. Schluss mit dem Grün, wir brauchen verschiedene Hautfarben!

Und warum verschiedene Hautfarben? Das kam so: Die Menschen auf der ganzen Welt waren grün. Sie hatten nicht nur grüne Haut, sondern auch grüne Haare. Und danach suchten sie auch die Farbe ihrer Kleidung aus. Welche Farbe war das wohl?“

„Gelb“, sagte Mirle. Der Vater sah sie an.

„War ’n Scherz, Papa“, sagte Mirle, „natürlich grün, das wolltest du doch sagen, oder?“

„Ja, grün“, sagte der Vater. „Man kleidete sich sehr geschmackvoll Ton in Ton, alles in Grün. Hellgrün, dunkelgrün, sommergrün, herbstgrün. Andere Farben waren aus der Mode gekommen. Um die grüne Tischtennis-Platte versammelten sich grüne Menschen und dazwischen hüpfte der grüne Ball hin und her. Ein grünes Gewusel, man sah nur noch Grün vor Augen und manch ein Tischtennisspieler verlor bei dem vielen Grün den Verstand.“

„Wow“, sagte Mirle, die auf dem Fußboden herumturnte und gerade eine Kerze machte. „Wow.“

„Wenn“, so fuhr der Vater fort, „wenn an einem Sonntagnachmittag die Menschen in den Park strömten, um Federball zu spielen und zu grillen, waren sie kaum zu erkennen. Der Rasen war grün, das Laub der Bäume, die Sträucher. Das brachte Probleme. Wenn die Menschen aufeinander zukamen, erkannten sie sich gegenseitig häufig erst zu spät. Es gab ein Gerempel, ein Geschubse und Gefluche. ›Können Sie denn nicht aufpassen, Sie Flegel‹, hörte man jemanden rufen. ›Selber Flegel‹, rief der andere dann zurück. Der Tumult war enorm.“

„Kann ich mir vorstellen“, lachte Mirle und probierte einen Spagat.

„Die Insekten dachten“, erzählte der Vater weiter, „die Menschen würden zum Park dazugehören, und ließen sich auf ihnen nieder. Ebenso die Vögel. So trugen die Parkbesucher die Vögel auf ihren Köpfen spazieren. Die Vögel fanden das sehr bequem. So bequem, dass sie sich langsam das Fliegen abgewöhnten. Ihre Flügel verkümmerten, sie wurden immer dicker und konnten schließlich gar nicht mehr fliegen.“

„Auweia“, murmelte Mirle, die gerade versuchte, ein Bein um den Kopf zu legen.

„Auch das Essen war grün“, fuhr der Vater fort. „Nicht nur die Erbsen, die Bohnen und der Salat. Man färbte auch andere Gerichte grün ein. Jetzt stell dir mal vor, du isst morgens grüne Brötchen mit grüner Erdbeermarmelade, mittags grüne Spaghetti mit grüner Tomatensoße und abends dann grüne Bratkartoffeln.“

„Iiiigitt!“ Mirle verzog das Gesicht und streckte die Zunge raus.

„Ja, genau“, sagte der Vater, „das fand niemand besonders schön. Im Gegenteil. Keiner mochte mehr essen. Deine Tante Elsie kriegte keinen Bissen mehr runter. Sie wurde immer dünner und dünner und keiner ihrer Röcke passte ihr mehr.“

Mirle machte einen Purzelbaum und versuchte, sich vorzustellen, wie Tante Elsie wohl so ganz dünn ausgesehen haben mochte, aber es gelang ihr nicht recht.

„Überall herrschte Appetitlosigkeit. Und so setzten sich die Weltbestimmer zusammen, um das Problem zu lösen. Sie entschieden, dass es mit dem Grün ein Ende haben sollte. Als Erstes sollte es mal unterschiedliche Hautfarben geben. Dann wurde literweise Farbe angerührt, alle Häuser kriegten einen neuen Anstrich, es gab wieder Röcke mit Mustern drauf und Blumensträuße in Rot, Gelb, Blau, Rosa und Orange.“

„Und bunte Sachen wie mein T-Shirt!“, rief Mirle und hüpfte mit ihrem kunterbunten Hemd mit den vielen Streifen drauf durchs Wohnzimmer, hüpfte ihrem Vater auf den Schoß und gab ihm einen Gutenachtkuss.

Dass die Lieblingsfarbe ihres Vaters Grün war, das wusste Mirle schon lange. Aber dass er daraus auch eine Gutenachtgeschichte machen konnte! Im Bett betrachtete sie noch ein Weilchen ihre Bettwäsche, auf der goldene Monde auf blauem Hintergrund zu sehen waren. Dann träumte sie von einem grünen Eis, das nach Vanille schmeckte.

Ende der Geschichte! Hab einen spannenden Tag!

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