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Tilda Apfelkern. Viel Wirbel im Heckenrosenweg (Kapitel 7-12)

Hier kommt Teil 2 der Geschichte. Teil 1 findet ihr im Geschichtenregal.

Das Beste für die Gäste

In null Komma nix waren alle Gäste untergebracht. Und dass das ursprünglich nicht so geplant war, ließ Tilda sie selbstverständlich nicht merken. Immerhin war sie eine perfekte Gastgeberin.

Als alle Herrschaften im Laufe der Abendstunden von ihren Wanderungen ins Mäusehaus zurückkehrten, fanden sie das behaglichste Ferienzuhause vor, das man sich überhaupt nur vorstellen konnte.

„Wenn es Fragen oder Probleme gibt, findet ihr mich in der Küche“, versprach Tilda ihren Gästen.

Nach dem anstrengenden Tag wollte sie eigentlich einen gemütlichen Abend verbringen. So, wie sie es immer tat.

Sie saß jedoch kaum am Küchentisch und studierte eines ihrer Rezeptbücher, als ihr einfiel, dass sie zwar ein Sechsgästefrühstück geplant hatte, aber ein Zwölfgästefrühstück brauchte.

„Du liebe Güte, Schnecki!“, rief Tilda entsetzt. „Was soll ich jetzt machen? Einkaufen kann ich um diese Uhrzeit nicht mehr.“

Nun, Schnecki konnte da nicht wirklich weiterhelfen. Aber Edna Eichhorn konnte es. Sie lieh Tilda ein paar Eier, Tomaten und Pilze.

„Damit komme ich zurecht, Edna. Vielen Dank“, sagte Tilda.

„Läuft denn alles rund bei dir?“, wollte Edna noch wissen.

Und Tilda sagte: „Oh sicher. Es gibt keinerlei Probleme.“

Das nahm Tilda jedenfalls an. Als sie aber wieder nach Hause kam, hockte einer der Gäste schniefend am oberen Treppenabsatz, während sich der arme Schnecki ganz verschreckt unter der Garderobe versteckte.

„Du liebe Güte", rief Tilda. „Was ist denn passiert?“

„Diese Schnecke“, schniefte der Gast und deutete mit einem Finger auf Schnecki. „Die muss sofort raus. Ich …“ An dieser Stelle nieste er entsetzlich. „Ich habe eine Schnecken-Allergie.“

„Davon habe ich ja noch nie gehört“, gestand Tilda und blickte ihren ruhigen Hausgenossen staunend an.

Der schaute ängstlich zurück. Tilda würde den guten alten Schnecki doch wohl nicht vor die Tür setzen?

„Das tut mir natürlich leid“, versicherte Tilda ihrem Gast. „Aber ich kann Schnecki nicht ausquartieren.“

„Das muss aber sein“, protestierte der Gast.

„Unfug“, entschied Tilda. „Schnecki bleibt bei mir in der Küche. Und du gehst jetzt am besten in dein Zimmer. Dann wird es schon gehen.“

Hm, so hatte Tilda sich die Sache eigentlich nicht vorgestellt.

Sie wollte doch nur ein paar Zimmer vermieten, Komplimente für ihr köstliches Frühstück bekommen und so weiter.

Na ja, das waren sicher nur Startschwierigkeiten.

Das dachte Tilda immer noch, als wenig später aus dem oberen Flur ein Klirren erklang.

Ganz genau so, als hätte irgendwer die alte und darum ungemein kostbare Bodenvase zerbrochen.

Tilda eilte die Treppe hinauf und sah, wie ein Gast seinen Wanderstock aus den Resten der Vase zog.

„Das war ein Versehen“, versicherte er. „Ich wollte mich nur kurz umdrehen, und schon …“

Da half nun alles Jammern nichts, die Vase war hin. So was kommt vor. Leider.

Tilda räumte die Scherben weg und wollte sich dann endlich erholen. Immerhin hatte sie einen langen und anstrengenden Tag hinter sich.

Aber was soll ich sagen? Daraus wurde nichts.

Denn in Tildas Wohnzimmer hatten zwei der Gäste es sich vor dem Kamin bequem gemacht. Eigentlich sollten sie das nicht. Denn die Gäste hatten wohl ein Zimmer, nicht aber Tildas ganzes Haus gemietet.

Tilda überlegte noch, wie sie den beiden das beibringen sollte, als jemand „Überschwemmung!“ brüllte.

Schon flitzte Tilda erneut die Treppe hinauf. Bereits auf den ersten Stufen kam ihr das Wasser entgegen.

„Das Wasser im Waschbecken läuft einfach nicht richtig ab“, beschwerte sich ein Gast.

„Das kann es auch nicht, wenn du deine alten Wandersocken in den Abfluss stopfst“, erklärte Tilda.

„Wie soll ich die denn sonst sauber bekommen?“, fragte der Gast zurück.

Und Tilda verdrehte nur die Augen. Das heißt, zunächst wischte sie das Wasser auf und schaffte den ruinierten Flurteppich aus dem Haus. Danach verdrehte sie die Augen.

„Gibt’s noch mehr Eier?“, fragte der nächste Gast, als Tilda wieder in die Küche kam.

Er hielt einen schmutzigen Teller in der Hand. Ganz offensichtlich hatte er sich eine ganze Pfanne voller Rührei gemacht, denn auf der Spüle türmten sich die leeren Eierschalen.

„Aber die waren doch für das Frühstück gedacht!“, rief Tilda entsetzt.

„Was? Es gibt kein Frühstück?!“, riefen die übrigen Gäste. Auf irgendeine Art und Weise hatten sie nämlich allesamt mitbekommen, was sich in der Küche zugetragen hatte.

„Das ist unverschämt. Betrug!“, schnauzten sie. „Uns wurde ein Frühstück versprochen. Das steht sogar auf dem Schild!“

„Ja, aber …“, stammelte Tilda hilflos. „Immer mit der Ruhe. Mir fällt schon etwas ein.“

„Hoffentlich“, sagte ein Gast. „Pünktlich um acht Uhr morgen früh will ich mein Frühstück. Sonst verpasse ich den Bus.“

„Wir auch“, nickten die anderen.

„Ojemine“, seufzte Tilda.

Daran hatte sie ja gar nicht gedacht. Wenn die Gäste um acht frühstücken wollten, musste Tilda ja schon viel früher aufstehen, um dieses Frühstück zu machen. Dann sollte sie jetzt aber schleunigst ins Bett und schlafen!

Bei einem laut aufgedrehten Radio im Nebenraum schläft es sich allerdings nicht gut.

Das mussten Tilda und auch der arme Schnecki feststellen. Dem schlug diese ganze Pensionssache inzwischen so auf den Magen, dass er sogar den feinsten Salat liegen ließ.

Das ging wirklich alles zu weit, fand Tilda.

Und so konnte man gleich am nächsten Morgen eine wirklich müde Kirchenmaus zum Gartentor stapfen sehen, wo sie ungemein entschlossen ein Schild abnahm.

„Na, was macht die Pension Apfelkern?“, fragte Rupert, wobei er übrigens zufrieden grinste.

„Die ist geschlossen“, verkündete Tilda. Und grinste erleichtert zurück.

Riesen-Gerüchte

Molly klang aufgeregt. Ja, sie klang sogar ganz ungeheuer aufgeregt, als sie Tilda am Telefon berichtete, was sie gerade erfahren hatte.

„Immer mit der Ruhe, Liebes“, sagte Tilda. „Wenn du so schnell redest, verstehe ich kein Wort.“

„Entschuldige“, seufzte Molly. „Aber es ist, ach, es ist … oh Tilda, es ist schrecklich. Man hat ihn wieder gesehen.“

„Wen?“, fragte Tilda.

„Den Riesen natürlich“, antwortete Molly, als könne es gar keine andere Möglichkeit geben.

Tilda schüttelte den Kopf, doch gleichzeitig rieselte ihr ein kalter Schauer über den Rücken. Dieser Riese beschäftigte die Leute in den Hügeln nun schon eine geraume Weile.

In den Hügeln um das kleine Dorf erzählte man sich nämlich seit Urzeiten eine alte Legende.

Nach dieser lebte ein Riese vor vielen Hundert Jahren in einem Haus an der Küste.

Der Riese soll natürlich groß gewesen sein. Das gehört sich so für einen Riesen. Außerdem soll er furchtbar unheimlich gewesen sein. Und auch noch Schafe geraubt haben, um sie am Spieß zu braten.

Eines Tages nun hatte der Riese es gewagt, die wunderschöne Tochter des Grafen zu erschrecken. Was ihr vermutlich nicht sehr gefiel.

Jedenfalls kam der Graf mit seinen Leuten angeritten, hielt dem Riesen ein Schwert unter die große Nase und drohte:

„Wir haben genug davon, uns von dir erschrecken, berauben oder gar braten zu lassen. Ich bin der Graf und muss meine Grafschaft beschützen. Und darum befehle ich dir, fortan in den Höhlen zu wohnen. Da kannst du kein Unheil mehr anrichten. Und solltest du dich daraus hervorwagen, wirst du es bereuen.“

An dieser Stelle wedelte der Graf vermutlich erneut mit seinem Schwert. Denn der Riese verschwand tatsächlich in den Höhlen. Und er kam nie mehr heraus, wenn man der Legende glauben wollte.

Vorsichtshalber ging seither auch niemand mehr in die Höhlen hinein.

Und obwohl das Ganze nun schon ein paar Jahrhunderte her war, glaubten einige Leute felsenfest, man könnte den Riesen in den Höhlen klagen hören. Vor allem natürlich in der Nacht.

Tilda jedenfalls war froh und dankbar, dass die Kirche und ihr Haus nicht direkt an der Küste und damit in der Nähe der Höhlen lagen.

Aber nun erzählte Molly, dass ein Fischer behauptete, er hätte den Riesen nicht nur gehört, er hätte ihn auch … gesehen! Von seinem Boot aus.

Schon am nächsten Tag stand die Zeitung voll mit allem, was überhaupt einmal irgendwer irgendwann und irgendwo über diesen Riesen gesagt, geschrieben und gesungen hatte. ( Jaja, es gab sogar ein paar schauerliche Lieder über dieses Ungetüm.)

Seitdem tauchten immer mehr Leute auf, denen riesenhafte Schatten im Morgennebel begegneten, wobei sie sich entsetzlich erschraken.

Tatsächlich waren auch ein paar Schafe verschwunden. Und der Nachfahre des alten Grafen hatte sich sogar für die Zeitung fotografieren lassen. Kurz und gut: Der Riese war offenkundig wieder da. Jedenfalls, wenn man daran glauben wollte.

Und das tat Molly. Die arme Postmaus traute sich nach Einbruch der Dunkelheit kaum noch aus dem Haus.

Womöglich war sie vor lauter Sorge wieder einmal ein bisschen grauer geworden.

Tilda hingegen sagte: „Aber Liebes, das ist doch nur eine Legende! Eine Geschichte eben, alles Unfug!“

„Du hast leicht reden“, protestierte Molly. „Du wohnst ja auch weit genug weg.“

Da hatte Molly streng genommen recht. Denn das Dorf lag tatsächlich ein gutes Stück näher an der Küste als der Heckenrosenweg.

Das konnte Tilda zwar nicht ändern. Aber sie konnte dafür sorgen, dass ihre arme Freundin sich nicht mehr so grauenvoll fürchten musste.

„Du kommst am besten zu mir“, schlug Tilda vor.

„ICH soll den ganzen Heckenrosenweg entlanggehen? Allein?!", rief Molly in den Hörer. „Nie und nimmer!“

Tilda dachte kurz, aber angestrengt nach, machte gelegentlich „Hmhmhm" oder „Tststs“ und hatte schließlich eine Idee. „Ich habe es mir überlegt“, verkündete sie.

„Molly, bleib du nur schön zu Hause. Rupie und ich werden zu dir kommen. Und dann besprechen wir, wie es weitergeht.“

„Wie es …", Molly schluckte, „… weitergeht?“

Doch das hörte Tilda nicht mehr. Sie stürzte sich voller Eifer auf die neue Aufgabe.

Zunächst einmal musste natürlich Rupert unterrichtet werden. Immerhin sollte er ja wissen, dass ihm ein handfestes Abenteuer bevorstand. Denn ein Abenteuer würde es werden, was Tilda Apfelkern plante, das ahnte Rupert gleich, als Tilda so aufgeregt vor seiner Tür stand.

Ihr könnt es eine Expedition nennen, eine Spurensuche oder sogar eine Monsterjagd, wenn ihr mögt. Aber ein Abenteuer würde es auf jeden Fall.

Wer Tilda kannte, wusste, dass sie niemals ein Abenteuer plante, ohne für genügend Proviant zu sorgen. Sie packte außerdem Decken, ein Zelt, Taschenlampe, Streichhölzer, eine Landkarte und alles ein, was man eventuell oder ganz sicher bei einer Expedition, Spurensuche oder Monsterjagd benötigte. Also konnte doch praktisch gar nichts schiefgehen.

Na ja, eines würde schon schwierig werden. Nämlich, wenn Rupert bei der Expedition dafür verantwortlich war, den Weg zu suchen.

Das tat der Igel zwar leidenschaftlich gern, aber eben nicht besonders gut.

Glücklicherweise war die Küste von der Kirche aus schon zu sehen und der Weg dahin igelleicht zu finden.

„Bereit?“, fragte Tilda, als sie später mit Schnecki am Gartentor auf Rupert wartete.

„Und wie“, brummte der Igel.

„Los, Rupie, dann wollen wir mal sehen, wie groß so ein Riese wirklich ist“, sagte Tilda entschlossen.

Aber zunächst mussten die drei erst einmal ins Dorf, um Molly einzusammeln.

Höhlenforschung

Kurz darauf betraten Tilda und Rupert in allerbester Laune den kleinen Dorfladen und klopften an Mollys Wohnungstür unter dem Postschalter.

Molly öffnete auch sofort und sah aus wie ein Häufchen Elend.

„Du wirst dich doch nicht derartig vor diesem Riesen fürchten, hm?“, fragte Tilda.

„Doch“, gestand Molly kleinlaut.

Da nahm Tilda ihre Freundin vorsichtshalber kurz in den Arm.

Auch Rupert klopfte ihr beruhigend auf die Schulter.

„Das Ganze ist ein Märchen“, versicherte Tilda.

„Eine Legende“, verbesserte Rupert. „Es ist eine Legende. Und an denen ist meistens irgendetwas Wahres dran, meine Liebe.“

„Oh Himmel“, jammerte Molly.

Und Tilda verkündete: „So, jetzt reicht es. Wir sehen in diesen Höhlen nach. Es muss doch herauszufinden sein, was mit diesem Riesen los ist, verflixt!“

Molly jammerte noch ein „Oh nein“, denn sie wollte wirklich nicht in die Höhlen. Aber verpassen wollte sie das Abenteuer auch nicht.

Und so machten sich die vier Freunde auf den Weg ans Meer. Der war, wie gesagt, von ein paar Windungen abgesehen, so gerade, dass sogar Rupert sich nicht verlaufen konnte.

Schon am späten Vormittag hatten sie die Stelle erreicht, an der die Weiden einfach endeten. Die Küste fiel so senkrecht ab, dass Tilda den Strand erst sehen konnte, als sie fast an der Klippe stand.

Tief unten donnerte die Brandung.

Menschen hätten sicher eine der steilen Treppen genutzt, um hinunterzukommen.

Aber den eher kleinen Leuten aus dem Heckenrosenweg genügten die unzähligen Felsvorsprünge und Grasbüschel, um sicher in die Tiefe zu gelangen.

Unten warteten der schöne Kiesstrand und die endlose See.

Möwen kreisten, um in der Steilwand zu landen. Übrigens mit lautem Spektakel.

Die Luft roch salzig. Und man musste aufpassen, nicht von den Wellen erwischt zu werden.

Tilda hatte all das natürlich schon viele Male gesehen. Dennoch fand sie es immer wieder herrlich.

„Du liebe Güte“, sagte sie. „Das ist doch großartig. Ist es doch? Rupert? Molly, Liebes, hm?“

Molly nickte zwar, konnte aber den Blick nicht von den Höhlen abwenden, die ein Stück weiter in östlicher Richtung wie große gähnende Mäuler in der Steilküste klafften.

Sogar von hier aus war ein unheimliches Heulen zu hören.

„Das ist er“, flüsterte Molly und begann zu zittern. „Das ist der Riese.“

„Nun, das werden wir ja sehen“, entschied Tilda und stapfte unerschrocken voran.

Euch kann ich es ja sagen: Ganz unerschrocken war sie gar nicht. Aber das durfte sie Molly nicht zeigen. Außerdem konnte es nicht klug sein, sich vor etwas zu fürchten, das es womöglich gar nicht gab.

Je näher sie den Höhlen kamen, desto unangenehmer wurde das Klagen. Es wurde zwar nicht lauter, dröhnte aber umso tiefer in den Ohren.

Schließlich standen die vier direkt vor der größten und düstersten Öffnung. Tapfer erklommen sie die letzten Felsen, betraten die Höhle und wurden von der Dunkelheit verschluckt.

Es roch nach Meer und Schlamm. Der Boden war nass und schlüpfrig. Nirgends ein trockener Fleck. Nein, das war kein sehr behaglicher Ort.

„Ich würde auch jammern und klagen, wenn ich hier leben müsste“, flüsterte Tilda.

Sie hatte unterdessen eine Taschenlampe angeknipst und leuchtete in die Höhle hinein. Das Ende war nicht auszumachen.

„Weiter“, sagte Rupert. Er ging jetzt voran.

Die Mäuse blieben dicht hinter ihm.

Nur Schnecki verstand all die Aufregung nicht. Er fand es eigentlich ganz nett hier. Schnecken lieben feuchten Stein. Und auf Sonnenschein konnte Schnecki sowieso verzichten.

So kroch er gut gelaunt hinter den anderen her und wartete, welcher Unfug seinen Freunden als Nächstes einfallen würde.

Zu beiden Seiten an den Höhlenwänden waren immer wieder Nischen und Spalten im Halbdunkel auszumachen.

Womöglich gelangte man dort in die anderen Höhlen. Aber das kümmerte die vier nicht. Denn diese hier wurde die Riesen-Höhle genannt. Genau hier sollte das Ungetüm hausen.

Irgendwann verengte sich der Gang. Die Decke schien immer tiefer zu hängen. Und schon bald sah es aus, als würde es nicht weitergehen.

Aber dann fiel Tilda ein Felsbrocken auf. Er war ungefähr so groß wie ein Fußball und beinahe ebenso kugelrund.

„Ich wette, der ist des Rätsels Lösung“, sagte sie. „Rupie, leuchte doch mal die Wand hier ab.“

Ruperts Taschenlampe erfasste jeden Zentimeter der Felswand und traf schließlich auf ein Loch etwa zweimäusehoch über dem Boden. Es war ebenfalls kugelrund und fußballgroß.

„Meinst du, der Felsbrocken gehört in das Loch?“, mutmaßte Molly.

„Ohne jeden Zweifel“, antwortete Tilda. „Es kann nur so gewesen sein. Irgendwann ist er herausgeplumpst. Und seitdem …“

„… pfeift der Wind durch das Loch in der Felswand“, ergänzte Rupert.

„Wie bei einer Flöte. Nur viel, viel größer.“

„Und viel unheimlicher“, bibberte Molly. Allerdings bibberte sie schon weniger als vorhin.

„Möglich“, verkündete Tilda hochzufrieden.

„Aber das hier ist die Erklärung für das unheimliche Klagen. Es ist nur ein Felsloch. Kein Riese. Bist du nun beruhigt, Liebes?“

„Ein bisschen“, sagte Molly. „Können wir trotzdem wieder gehen? Ich finde es grässlich in dieser Höhle.“

„Sicher", lachte Tilda. „Schließlich habe ich Kuchen, Tee und Sandwiches im Rucksack. Das schreit nach einem Picknick am Strand.“

Damit verließen sie die Höhle.

Schnecki kroch wieder hinterher. Er konnte sich nur über seine Freunde wundern.

Da zogen sie los, um einen Riesen zu finden, und bestaunten stattdessen ein olles Felsloch in der Wand.

Aber der riesige Schatten, der sich in die Felsnische gleich hinter ihnen duckte, war ihnen scheinbar vollkommen egal.

Nun, das mochte verstehen, wer will, dachte Schnecki … und freute sich auf das Picknick.

Neuer Versuch

Eines schönen Tages saßen Tilda, Molly und Edna auf dem kräftigen Ast vor Ednas Haustür und nähten an einer Tischdecke. Sie genossen Tee mit Haselnussplätzchen und plauderten vergnügt vor sich hin.

„Wir haben es wirklich schön hier“, sagte Molly.

„Schade, dass das so wenige Leute wissen“, nickte Edna. „Man müsste viel öfter ein paar Gäste einladen.“

Bei diesen Worten zuckte Tilda merklich zusammen. Denn sie hatte die Geschichte mit ihrer Pension noch immer nicht ganz verdaut.

„Ach, das ist keine gute Idee“, sagte sie.

Doch Edna schien anderer Meinung zu sein. „Im Gegenteil. Ich fand die Vorstellung ganz und gar wunderbar, bei uns eine Frühstückspension zu betreiben. Jedenfalls würde ich mich hier als Gast pudelwohl fühlen.“

„Aber das ist furchtbar viel Arbeit“, gab Tilda zu bedenken. „Du musst immer da sein und hast keinen Moment Ruhe … in deinem eigenen Haus!“

„Ach, das bekomme ich schon irgendwie hin“, versicherte Edna.

„Du?!“, riefen Tilda und Molly wie aus einem Munde. „Seit wann willst du denn eine Pension aufmachen?“

„Nun“, begann Edna, „demnächst gehen Billy und Benny ja in die Schule. Und dann hätte ich doch ein bisschen mehr Zeit. Außerdem will ich keine Gäste in MEINEM Haus unterbringen. Ich dachte, wir könnten eines der alten Häuser an der Gartenmauer herrichten. Ihr wisst doch, wie wir es damals für Urgroßtante Emily gemacht haben. Dort könnten die Leute in Ruhe schlafen. Und morgens bekommen sie ein Frühstück. Das wäre doch wunderbar, hm?“

Molly sah Tilda förmlich an, dass sie bereits eine fertige Speisekarte im Kopf hatte.

Und tatsächlich verkündete Tilda: „Edna, wenn du dich um die Zimmer kümmern würdest, könnte ICH doch das Frühstück machen. Dann wäre es gar nicht so furchtbar viel Arbeit. Wir teilen sie uns einfach. Wie findest du die Idee?“

„Großartig!“, jubelte Edna.

Gesagt, getan. Noch am gleichen Tag stromerten die Freunde durch den großen Garten, um ein geeignetes Häuschen zu suchen, das sie in eine Pension verwandeln konnten.

Von diesen Häusern gab es tatsächlich eine ganze Reihe im Garten. Irgendwer hatte sie einmal gebaut und dann wieder aufgegeben. Womöglich waren sie zu klein geworden, oder der Bewohner wollte doch lieber am Strand leben.

Jedenfalls fand Rupert ein herrliches kleines Häuschen unter der Weißdornhecke gleich an der Gartenmauer.

Die Wände mussten natürlich gestrichen werden. Und ein oder zwei Butzenscheiben waren zerbrochen. Aber das war alles schnell repariert. Robin, Billy und er erledigten das.

Benny, Edna und die Mäuse trugen all die Möbel herbei, die nicht mehr gebraucht wurden, und im Handumdrehen waren die neuen Zimmer gemütlich eingerichtet.

Dann kümmerten sie sich um die Dekoration. Immerhin sollten die Gäste sich nicht nur wohlfühlen. Sie sollten so begeistert sein, dass sie die Pension am Heckenrosenweg weiterempfahlen und womöglich wiederkamen.

Die Freunde hielten sich an Tildas ursprünglichen Plan. Drei Zimmer mit jeweils zwei Betten sollte es geben. Damit konnten bis zu sechs Gäste unterkommen. Das war genug.

Die Zimmer befanden sich allesamt im Obergeschoss. Ein Bad gab es am Ende des Flures, und das Frühstück wollten Tilda und Edna im ehemaligen Wohnzimmer servieren. Vor dem Kamin.

„Wir müssen noch „1" bis „3“ an die Zimmertüren schreiben“, sagte Edna.

Aber Benny schüttelte den Kopf. „Das ist doch langweilig“, fand er. „Die Zimmer sollten lieber Namen haben. Wie … äh … ja, wie ,Riesen-Höhle‘ zum Beispiel. Oder irgendeine andere Sehenswürdigkeit aus unserer Gegend.“

„Du liebe Güte. Das ist ein großartiger Gedanke!“, jubelte Tilda. „Denk dir schnell ein paar Sachen aus. Es könnten natürlich auch Vogelnamen sein oder Pflanzen.“

„Oder Kuchenrezepte“, lachte Molly. „Das würde noch am besten zu dir passen, Tilda.“

Urgroßtante Emily hatte unterdessen ein paar Bücher in die Regale gestellt. Womöglich wollte ein Gast lesen.

Außerdem kam eine Keksdose in jedes Zimmer. Darin sollten täglich frisch gebackene Plätzchen sein.

Heißer Tee und Kakao würden stets unten im Kaminzimmer bereitstehen. Nach einer Wanderung durch kalten Wind oder womöglich Regen würden die Gäste einen heißen Schluck sicher zu schätzen wissen.

„Was wird es denn zum Frühstück geben, Tildaleinchen?“, erkundigte sich Emily, während sie die passenden Gardinen zur Tagesdecke aufhängte.

„Na ja, das Übliche“, sagte Tilda. „Vorweg Müsli und Obst. Dann Rühr- oder Spiegelei mit gebackenen Bohnen in Tomatensoße, gegrillten Tomaten und Champignons – oder Haferbrei mit Zimt. Und schließlich Pfannkuchen mit Ahornsirup. Wie gesagt, das Übliche.“

„Keinen Toast?“, fragte Benny entsetzt.

„Aber doch. Selbstverständlich“, entschuldigte sich Tilda. „Wie konnte ich den nur vergessen. Natürlich gibt es Toast! Mit einer Auswahl bester, selbst gemachter Marmeladen, versteht sich.“

„Na, das klingt doch nach Erfolg“, freute sich Edna.

Schon bald hatten sie sich auch auf die Namen für die drei Zimmer geeinigt.

Eines hieß „Haselnuss", für Edna Eichhorn. Das zweite hieß „Apfel", für Tilda Apfelkern. Und das dritte sollte „Erdbeere“ heißen. Weil alle Freunde aus dem Heckenrosenweg die roten Früchte liebten.

Die Pension selbst sollte übrigens den Namen „Heckenhäuschen“ bekommen.

Inzwischen hatte sich sogar Rupert von der Begeisterung der anderen anstecken lassen und hängte eigenhändig das hübsche Schild neben das Gartentor.

Immerhin sollten die Gäste ja wissen, wo sie sich zukünftig am allerwohlsten fühlen würden. Nämlich in der Pension Heckenhäuschen.

Wertierchen in Not

Erinnert ihr euch noch an Humphrey, das Wertierchen?

Nun, dann wisst ihr sicher noch, dass er eines Tages im Dorfladen aufgetaucht war und ein bisschen Schrecken verbreitet hatte.

Das wollte er zwar nicht. Es war ihm aber auch nicht ganz unrecht. Immerhin war der kleine Kerl nach eigener Überzeugung verflucht, sehr unglücklich und überhaupt.

Seitdem wohnte Humphrey jedenfalls auf Ruperts Dachboden, der gleichzeitig Ednas Keller war. Also mitten im Stamm der alten Eiche.

Gelegentlich kam Humphrey mal hervor, plauderte ein bisschen mit den Freunden oder machte sich irgendwie nützlich. Aber meistens, da musste man ganz ehrlich sein, schlief er.

Eines Tages nun war der Himmel bedeckt, und die Sonne ließ sich nicht blicken. Solch ein Wetter liebte Humphrey, und er summte in den Garten hinaus. Wie immer gesellte er sich gleich zu Rupert.

„Schön, dich zu sehen, alter Knabe“, begrüßte Rupert seinen merkwürdigen Untermieter. Oder musste es in diesem Fall „Obermieter“ heißen? Humphrey wohnte schließlich ÜBER Rupert. Egal. Humphrey hatte ganz offenbar etwas auf dem Herzen. Und das schien deutlich wichtiger zu sein.

„Du siehst nicht sehr glücklich aus“, stellte Rupert fest.

„Das bin ich auch nicht“, gestand Humphrey. Und noch bevor Rupert weiterfragen konnte, brach das Wertierchen in Tränen aus.

Schon wieder, dachte Rupert. Das kam nämlich öfter vor. Ja, um ganz ehrlich zu sein, war der gute Humphrey ein bisschen weinerlich. Doch dieses Mal schien ihm tatsächlich ganz und gar elend zu sein.

Rupert ließ die Gurken Gurken sein und widmete sich dem kleinen Unglückstierchen. „Na, was quält dich denn so?“, fragte er.

Aber Humphrey druckste nur verlegen herum. Fast, als wäre ihm peinlich, was ihn doch so bedrückte.

Rupert fragte noch zweimal nach, bis Humphrey erklärte: „Ich habe Heimweh! Ich möchte nach Hause.“

„Aber du bist doch hier zu Hause“, antwortete Rupert erstaunt.

Denn als Humphrey damals in den Heckenrosenweg kam, hatten sich die Freunde alle nur erdenkliche Mühe gegeben, den kleinen Fremdling hier willkommen zu heißen.

Und Humphrey wusste das auch zu schätzen. Ganz bestimmt. Deswegen war ihm sein Heimweh ja gleich doppelt unangenehm.

„Ich meine mein richtiges Zuhause“, schniefte Humphrey. „Ich vermisse die nebligen Berge, die waldigen Täler. Ich vermisse den Duft von daheim. Verstehst du, es gefällt mir wirklich gut bei euch. Ihr seid alle so nett und bestimmt die besten Freunde, die ich mir wünschen könnte. Aber … ich … möchte nach Hause.“

„Hm“, sagte Rupert. Das war eine ernste Sache. Er selbst hatte sein ganzes Leben in diesem Garten, ja, sogar in diesem Haus verbracht. Und er mochte sich gar nicht vorstellen, seine Heimat einmal verlassen zu müssen. Wieso sollte es Humphrey da anders gehen?

Das Problem war nur, dass Humphreys ursprüngliches Zuhause nicht gerade um die Ecke lag.

Er stammte nämlich aus den Karpaten. Einem der wildesten und ursprünglichsten Gebirgszüge in Europa. Und eben furchtbar weit weg.

„Tja, alter Knabe. Das Herz will, was das Herz will. Dagegen kann man nichts tun“, erklärte Rupert. „Wenn du nach Hause willst, dann musst du dahin. Die Frage ist nur: Wie bekommen wir dich dahin?“

Wie schon so oft genau im richtigen Moment betrat Tilda den kleinen Garten zwischen den Eichenwurzeln. Sie hatte Zimtschnecken gebacken und wollte Rupert zu einer kleinen, köstlich klebrigen Pause überreden.

„Oh Humphrey, du bist auch da“, freute sich Tilda. „Wie gut, dass ich genügend Schnecken dabeihabe. Ich könnte euch auch einen Tee dazu … aber, du liebe Güte! Was hast du denn?“

Erst jetzt bemerkte Tilda, dass Humphrey völlig zerknirscht aussah. Die Zimtschnecke nahm er natürlich trotzdem.

Rupert berichtete kurz, was passiert war, und dann saßen die drei grübelnd über ihren Teebechern.

Zunächst sagte keiner ein Wort. Immerhin konnte man nicht gut gleichzeitig essen, denken und auch noch sprechen.

Aber dann erklärte Tilda plötzlich: „Im Grunde gibt es da nichts zu überlegen. Wir müssen Humphrey nach Hause bringen.“

„Klar", nickte Rupert. „Aber wie?“

„Mit dem Schiff“, antwortete Tilda. „Soweit wir wissen, ist Humphrey ja auch mit einem Schiff hierhergekommen. Als blinder Passagier mit einer Ladung Konservendosen. Also können wir ihn auch mit dem Schiff nach Hause bringen. Wir brauchen nur ein Segelboot.“

„Und jemanden, der es bedienen kann“, fügte Rupert skeptisch hinzu.

„Na, das kannst DU doch machen, Rupie“, entschied Tilda. „Du hast doch schon sooo viele Bücher gelesen. Dabei hast du doch garantiert auch gelesen, wie man über das Meer segelt, hm?“

„Schon“, räumte Rupert ein. „Aber das ist vielleicht nicht unbedingt dasselbe, meine Liebe.“

„Ach, papperlapapp, Rupie“, schwärmte Tilda. „Stell dir das doch nur mal vor: der Wind und die endlose See, unerschrockene Seevögel und dramatische Sonnenuntergänge, glitzernde Fischschwärme und fremde Küsten mit hübschen Städten und funkelnden Lichtern. Ach, ich kann das alles schon sehen, hören und riechen!“

„Ich auch“, schwärmte Humphrey gleich mit.

„Aha“, nickte Rupert. „Seht, hört und riecht ihr auch die tosenden Stürme über der Nordsee, die Wellen, hoch wie der Kirchturm, seht ihr die Sandbänke und Felsriffe, die unter der Wasseroberfläche lauern, und … und, ja, und die Piraten, die uns ans Leder wollen?“

„Ts, Piraten“, lachte Tilda. „Also wirklich, Rupie. Dass du immer so furchtbar übertreiben musst. Wir fahren doch nur mal kurz zur See. Humphrey kommt endlich wieder nach Hause, und wir erleben ein wunderbares Abenteuer. Du wirst schon sehen, das wird aufregend!“

„Das wird es“, versicherte Rupert mäßig begeistert. „Zweifellos, meine Liebe.“

Eine Seefahrt, die ist stürmisch

Wie immer, wenn Tilda Apfelkern sich etwas ganz fest vorgenommen hatte, machte es überhaupt keinen Sinn, sie davon abbringen zu wollen.

Molly und die Hörnchen waren schnell informiert und begeistert von den Reiseplänen. Urgroßtante Emily wollte allerdings lieber im Heckenrosenweg bleiben.

„Irgendjemand muss sich schließlich um die Pension kümmern“, erklärte sie.

Und Robin fügte hinzu: „Ich bin, ehrlich gesagt, auch nicht besonders seetauglich.“

Also bestand die Mannschaft aus Rupert, Humphrey, Tilda, Molly, den drei Eichhorns und natürlich Schnecki.

Es war auch nicht so schwer, ein schönes Segelboot auszusuchen. Es dauerte allerdings eine Ewigkeit, den Besitzer davon zu überzeugen, es an die Freunde zu vermieten.

Irgendwann war aber auch das geschafft, die Vorräte waren verstaut und die gemütlichen Kojen bezogen. Und dann ging es endlich los!

Rupert steuerte das Segelboot bemerkenswert sicher aus dem kleinen Hafen heraus.

Die offene See lag wie ein glatter Spiegel vor ihnen. Ein paar Wolken zeigten sich am schier endlosen Horizont, aber die Sonne strahlte dennoch freundlich auf die Mannschaft der LUCY herab. So lautete nämlich der Name ihres Bootes.

„Siehst du, Rupie, sogar das Wetter spielt mit“, strahlte Tilda zufrieden. „Jetzt kann praktisch gar nichts mehr passieren.“

Nun, womöglich wart ihr ja schon einmal auf See. Oder jedenfalls AN der See. Wenn ja, dann wisst ihr sicher, dass man sich auf eines ganz sicher verlassen kann. Nämlich, dass man sich auf das Wetter eben NICHT verlassen kann.

In einer Minute strahlt die Sonne vom Himmel. Und in der nächsten scheint besagter Himmel mit dem Wüten der ganzen Welt auf einen herabzustürzen.

Das wusste Tilda leider nicht. Rupert ahnte es womöglich. Aber es war Billy, der plötzlich von seinem Ausguck am Bug, also am vorderen Ende des Bootes, herangesaust kam und rief: „Rupert, da kommt ein Seemonster.“

Edna sagte: „Aber Billy, erzähl keine Märchen.“

„Da kommt wirklich etwas“, rief nun auch Benny, genauso aufgeregt wie sein Bruder. „Das kann nur ein Monster sein.“

„Edna, übernimm doch mal das Ruder“, bat Rupert und griff zum Fernrohr. Er hatte nämlich gelesen, dass erfahrene Kapitäne so etwas taten. Er blinzelte den Horizont entlang, konnte zunächst nichts entdecken, fiel dann aber beinahe um vor Schreck.

„Nun?“, wollte Tilda ungeduldig wissen. „Was ist?“

„Die Jungen haben recht. Aber da kommt kein Monster, sondern ein Monstersturm! Wir müssen sofort zurück in den Hafen“, erklärte Rupert.

Übrigens hatten die Freunde ein paar Segelhandgriffe und nautische Begriffe lernen müssen, bevor Rupert mit ihnen hinausfahren wollte. Er hatte sie sogar einen Test schreiben lassen! Und wie sich jetzt zeigte, war das eine ausgezeichnete Idee gewesen.

Denn nur, weil jeder wusste, was er zu tun hatte, war die LUCY im Nu wieder im Hafen. Wohl und unbeschadet.

Auch an Land hatte man die unheilvolle Wolkenwand bemerkt und bereitete sich auf den heranrasenden Sturm vor.

„Aber was machen wir denn jetzt?“, fragte Molly. „Wir schaffen es doch nie und nimmer vor dem Sturm nach Hause.“

„Das müssen wir doch auch gar nicht“, sagte Tilda.

„Wir haben doch alles, was wir brauchen. Die LUCY ist doch sozusagen ein schwimmendes Ferienhaus für uns. Guck nicht so ängstlich, Molly, Liebes. Lass es draußen doch stürmen. Wir sitzen schön in unserer Küche. Oder Kombüse, wie es an Bord heißt. Und dann machen wir es uns bei Tee und Gebäck gemütlich. Na, wie klingt das?“

„Spitze“, riefen Billy und Benny. Die waren nämlich heilfroh, dass ihr aufregendes Seeabenteuer nun doch noch nicht beendet war.

„Aber …“, stammelte Humphrey. Ihm war die Enttäuschung allerdings deutlich anzusehen. „Aber ich komme doch jetzt gar nicht nach Hause.“

„Abwarten“, tröstete Tilda. „Kein Sturm dauert ewig. Irgendwann geht auch dieser hier vorüber, und wir sehen weiter.“

Dann fing es an. Zunächst kamen nur ein paar Böen von der See herangesaust. Die LUCY legte sich merklich auf die Seite, und Tilda musste aufpassen, den Tee nicht zu verschütten.

Bald folgten die ersten Wellen. Noch nicht sehr hoch. Aber hoch genug, um das hübsche Segelboot ordentlich auf und ab zu wirbeln.

„Du liebe Güte“, sagte Tilda zu Rupert. Sie flüsterte, um die anderen nicht zu beunruhigen. „Vielleicht war es doch keine so gute Idee, an Bord zu bleiben. Hoffentlich hält das Schiff das Getöse aus, Rupie.“

„Das Boot“, verbesserte Rupert. „Die LUCY ist ein Boot. Und ein stabiles dazu. Mach dir keine Sorgen, meine Liebe. Wir sind hier drinnen ganz sicher.“

„Na, dann hätten wir doch ebenso gut auf See bleiben können“, vermutete Tilda.

Doch Rupert schüttelte bedächtig den Kopf. „Wir sind sicher, weil wir im Hafen liegen“, erklärte er und deutete auf die See.

„Da draußen sind die Wellen sicher schon haushoch. Und die Böen werfen solch ein Boot umher wie ein Papierschiffchen. Es war viel zu gefährlich, einfach so loszusegeln. Viel zu gefährlich.“

„Hm“, sagte Tilda. Sie war schon ein bisschen enttäuscht. Aber sie wusste, dass sie sich in diesen Dingen auf Rupert verlassen konnte.

Rupert setzte sich nun neben Humphrey. Er legte ihm den Arm um die schmalen Schultern und begann:

„Hör zu, alter Knabe, wir haben es dir zwar versprochen. Aber wir können dich nicht über die See zurückbringen. Auch wenn du die nebligen Gipfel und waldigen Täler deiner Heimat noch so sehr vermisst. Aber wir werden uns eine andere Möglichkeit ausdenken.“

„Danke“, antwortete Humphrey. Dann deutete das Wertierchen hinaus, wo inzwischen die Welt unterging, wie man so schön sagt.

„Und in der Zwischenzeit“, sagte er, „ist es hier erst einmal wild genug. Na, dann holt mal die Spielkarten raus.“

Ende von Teil 2. Schaffen es die Freunde, Humphrey sicher nach Hause zu bringen? Das erfahrt ihr in der nächsten Woche.

Ende der Geschichte! Hab einen spannenden Tag!

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