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Schnarchnasenalarm

Eine Geschichte von Lucy Astner illustriert von Julian Meyer, erschienen im Esslinger Verlag.

In einer besonders stürmischen Nacht sind Kalle Körnchen und sein Frechdachs Flick mal wieder im Traummobil des Sandmanns unterwegs und verteilen Schlafsand und Traumblasen an die Kinder.

Auf der langen Reise aus dem Schlummerland wurden die beiden Freunde bereits mächtig durchgeschüttelt. Kalle friert und sehnt sich nach seiner Hängematte. Wie schön wäre es, jetzt zu schlafen und in einem süßen Traum zu versinken? Seufzend blickt er auf den großen Weidenkorb zu seinen Füßen: Noch immer schimmern darin eine Handvoll Träume, die verteilt werden müssen. Sein Nickerchen muss also warten …

„Siehst du schon das nächste Haus?“, ruft Kalle Flick durch den Sturm zu.

Der Frechdachs blickt durch das goldene Fernglas des Sandmanns und nickt aufgeregt: „Vi-Va-Volle Fahrt voraus – auf zum nächsten Haus!"

Kalle Körnchen runzelt die Stirn. „Geht es vielleicht etwas genauer? Müssen wir nach rechts oder nach links?"

Flick kneift die Augen zusammen und späht wieder durch das Fernglas. „Links! Auf jeden Fall nach links! Nein, warte! Doch eher nach ri-ra-rechts!"

Kalle kommt ganz durcheinander. „Was denn nun? Links oder rechts?"

„Geradeaus!", verkündet Flick vergnügt. „Das nächste Haus liegt eindeutig geradeaus!“

Kalle seufzt und verdreht die Augen. „Bist du sicher, dass wir nicht im Kreis fliegen?"

Der Frechdachs schnappt nach Luft. „Wenn du mir nicht vertraust, schau doch selber nach!" Übermütig wirft er Kalle das Fernglas zu.

„Nein, nicht werfen, Flick!“, ruft Kalle. Aber da ist es schon zu spät! Ein gewaltiger Windstoß hat das Fernglas ergriffen und trägt es hinab in die Tiefe.

Kalle sieht sprachlos zu, wie es weit unten in die Regentonne neben einem Bauernhaus plumpst. „Ups …“, murmelt Flick und lächelt unschuldig.

Kalle funkelt ihn ungläubig an. „Das ist alles, was du dazu zu sagen hast?"

„Natürlich nicht!", erwidert Flick empört. „Ich habe noch eine ganze Menge zu sagen. Zum Beispiel, dass ich ganz dringend mal für kleine Frechdachse muss …“ Verlegen trippelt er auf seinen Pfötchen hin und her.

Kalle seufzt und schaltet den Ballon auf Sinkflug. „Meinetwegen. Wir müssen ohnehin zwischenlanden, um das Fernglas des Sandmanns zurückzuholen."

Kaum ist der Ballon hinter einer dunklen Ecke des Bauernhauses gelandet, verschwindet Flick in einem Holunderbusch. Kalle schleicht sich vorsichtig an die Regentonne heran. Der Wind kräuselt die Wasseroberfläche, aber als Kalle die Augen zu schmalen Schlitzen zusammenkneift, kann er es erkennen: das goldene Fernglas, ganz unten am Boden der Tonne!

Entschlossen krempelt er sich die Ärmel hoch, stemmt sich über den Rand der Tonne und fährt mit der Hand ins Wasser. Aber Kalles Arm ist zu kurz und die Tonne viel zu tief! Vielleicht klappt es besser, wenn er sich mit dem Oberkörper ein Stück über den Rand beugt …? Da schießt plötzlich Flick wie ein Wirbelwind um die Ecke.

„Ki-Ka-Kalle! Du wirst nicht glauben, was ich gerade gehört habe!"

Vor Schreck verliert Kalle das Gleichgewicht und landet kopfüber in der Regentonne.

Flick sieht ihn verwundert an. „Findest du es nicht etwas zu kalt für ein Bad?"

Kalle erspart sich eine Standpauke. Immerhin weiß er, dass Frechdachse sich von Standpauken nur selten beeindrucken lassen … Stattdessen zieht er sich pudelnass aus der Tonne, hängt Flick das goldene Fernglas um den Hals und wringt seine verknotete Wichtelmütze aus.

„Was hast du denn so Wichtiges gehört, Flick?“

Der kleine Frechdachs springt aufgeregt auf und ab. „Schnarchnasenalarm! Und zwar in der allerhöchsten Alarmstufe!"

Bevor Kalle nachfragen kann, zischt Flick schon wieder zurück um die Ecke. „Komm mit! Ich zeig es dir!"

Kalles nasse Wichtelschuhe quietschen auf dem Gras, als er dem Frechdachs zu einem Fenster folgt. Und tatsächlich! Flick hat recht. Drinnen im Bauernhaus schnarcht jemand ganz gewaltig!

„Das muss der Bauer sein", stellt Kalle fest und drückt seine Nase am Fensterglas platt. „Bei dem Lärm biegen sich ja die Dachbalken.“

„Der arme kleine Kerl", schluckt Flick. „Nicht mal der Sturm hier draußen übertönt das Säbeln da drinnen!“

„Kleiner Kerl?“ Kalle blickt seinen Freund verwundert an. „Von wem sprichst du?“

„Von dem Jungen im Nebenzimmer! Er hält sich schon die ganze Zeit die Ohren zu, aber es scheint nicht zu helfen. Er kann nicht einschlafen …"

Jetzt erst entdeckt Kalle den kleinen Jungen im Kinderzimmer nebenan. Mit weit aufgerissenen Augen starrt er an die Decke und presst sich die Hände auf die Ohren.

Flick stupst Kalle an. „Können wir ihm nicht etwas Schlafsand verpassen?" Kalle schüttelt den Kopf. „Das geht nicht. Dann entdeckt er uns! Das würde dem echten Sandmann sicher nicht gefallen …“

„Aber wir können den armen Kerl doch nicht die ganze Nacht diesem Lärm aussetzen", erwidert Flick.

„Nein, das können wir wirklich nicht“, stimmt Kalle zu – und plötzlich kommt ihm ein Gedanke. Auf nassen Sohlen eilt er zum Ballon. Wenige Augenblicke später kehrt er mit einer besonders schön schimmernden Traumblase zurück.

Flick runzelt die Stirn. „Wie willst du ihm einen Traum schenken, wenn der kleine Kerl noch nicht mal schläft?"

Kalle grinst. „Erstens werde nicht ich den Traum ins Haus bringen, sondern du. Ich bin schließlich pitschnass!" Er beugt sich zu Flick hinunter und drückt ihm die schimmernde Blase in die Hand. „Und zweitens ist dieser Traum nicht für den Jungen, sondern für seinen Vater!"

Flick blickt seinen Wichtelfreund verwundert an. „Hast du etwa zu viel Regenwasser geschluckt?! Unsere Träume sind doch für die Kinder bestimmt!"

„Ich habe tatsächlich etwas Wasser geschluckt", kichert Kalle. „Aber mit dem Traum hat das rein gar nichts zu tun.“ Aufgeregt erklärt er Flick seinen Plan: „Dieser Traum hier ist kuschelig und warm wie eine Strickdecke. Wenn der Bauer darin versinkt, findet er sicher Ruhe und seine Schnarchnase verstummt."

„Na ja, einen Versuch ist es wert“, findet Flick und schleicht auf leisen Dachspfötchen durch die Katzenklappe ins Haus.

Und siehe da: Kaum hat er dem Bauer den Traum verpasst, weicht das Schnarchen einem seligen Seufzen.

Wenig später fallen auch dem Jungen nebenan endlich die Augen zu. Kalle streut ihm eine Handvoll Schlafsand auf die Äuglein. „Auf seinen Traum verzichtet er heute Nacht sicher gerne, wenn er dafür in Ruhe schlafen kann."

Flick und Kalle sind mächtig zufrieden, als sie mit dem Ballon wieder in den Himmel hinaufgleiten. Doch dann fällt Flick etwas auf: „Am Fernglas fehlt eine goldene Schraube. Ich glaub, ich hab sie im Haus verloren …"

„Solange es nur eine Schraube ist!", lacht Kalle und legt seinen Arm um den Frechdachs. „Irgendwann verlierst du noch deinen eigenen Kopf.“

Und wer weiß: Vielleicht findest du heute Nacht ja auch eine goldene Schraube unter deinem Bett …?

Ende der Geschichte! Hab einen spannenden Tag!

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