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Pirat Seewolf lernt lesen

Die Schatzkarte

Pirat Seewolf verbreitete auf den Meeren Angst und Schrecken.

Früher einmal. Das waren noch Zeiten!

Aber dann kam der Tag, an dem seine Großmutter 113 Jahre alt wurde.

„Das Piratenleben war schön“, sagte sie. „Aber genug ist genug!“

Sie drückte Seewolf einen Kuss auf die Nase und einen Brief in die Hand.

Die Großmutter kletterte in das kleine Beiboot.

„Bleib sauber, mein Junge! Und lern endlich lesen!“, rief sie zum Abschied.

„Lesen?“, grunzte Seewolf. „Vom Lesen bekommt man Kopfweh! Vom Lesen explodiert einem die Birne!“

Seewolf winkte, bis seine Oma nur noch ein kleiner Punkt am Horizont war.

Später wischte er sich die Tränen aus den Augen und öffnete den Umschlag.

Eine Schatzkarte fiel heraus. „Juhu, ich bin reich!“, rief Seewolf.

Er kannte die Insel mit den drei Palmen.

„Aber was sind das für Zeichen?“, fragte er sich.

Er rieb sich die Bartstoppeln.

„Sicher nichts Wichtiges!“

Seewolf machte sich gleich auf den Weg zur Palmeninsel.

Reich werden, gar nicht leicht

Jeden Tag buddelte Seewolf von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang

Aber er fand nur 79 Sandflöhe.

Am dritten Tag legte das Schiff der Schaf-Klasse am Strand an.

Die Schafe wollten das Leben der Sandflöhe erforschen.

Als sie Pirat Seewolf sahen, riefen sie: „Hilfe, Hilfe, der Pirat von der Kokosnuss! Rette sich, wer kann!“

Der schlaue Eduard stolperte. Er schaffte es nicht schnell genug zum Boot zurück.

Pirat Seewolf schnappte ihn an seiner Schülerjacke.

„Wer ist hier eine Kokosnuss?“, brüllte er in Eduards Ohr.

„Na, dein Sch… Sch… Schiff heißt doch Kokosnuss“, stotterte der schlaue Eduard.

„Oder kannst du nicht lesen?“

„Pah, lesen!“, maulte Seewolf. „Lesen ist Kinderkram!“

„Genau, es ist kinderleicht!“, rief Eduard. „Ich zeige es dir.“

Die verfl ixten Zeichen

„Also, pass auf, Seewolf:

K wie: Kannst du mich mal runterlassen?

O wie: Oh, du stinkst!

K wie: Kann ich jetzt gehen?

O wie: Oder willst du mich fressen?

S wie: Sicher schmecke ich nicht.

N wie: Nur nach Käsefüßen.

U wie: Und ich liege schwer im Magen.

S wie: Sieh mal dort, ein fliegendes Kamel.

S wie: So, nix wie weg!“

Seewolf setzte die Buchstaben zusammen.

„K-O-K-O-S-N-U-S-S!“

Hm, das kam ihm bekannt vor.

Er beugte sich über die Schatzkarte.

Er grübelte, bis es aus seinen Ohren qualmte.

Pirat Seewolf schrieb alle komischen Zeichen auf ein Blatt. Dann drehte er sie. Er schob sie hin und her.

Und als die Sonne aufging, rief Seewolf: „Na, so was! Da steht ja KOKOSNUSS.“

Er schaute nach oben. Tatsächlich! Eine Kokosnuss!

Seewolf schüttelte die Palme!

Die Nuss sauste hinab und zersprang in zwei Teile.

Ein Zettel fiel heraus.

„Och nee! Schon wieder diese Zeichen“, maulte Seewolf.

Aber am nächsten Morgen setzte er früh die Segel. Er brauchte wieder jemanden, der lesen konnte.

Und der Zufall wollte es, dass er mitten auf dem Meer erneut die Schaf-Klasse traf.

Klar zum Entern!

Die Schafe wollten heute die Beine von Kraken zählen.

Mit vollen Segeln hielt Seewolf auf sie zu. Knurrend schwang er den Enterhaken.

„Entweder ihr sagt mir, was diese Zeichen bedeuten, oder ihr schwimmt nach Hause.“

„Niemals“, sagte die Lehrerin und verschränkte ihre Arme.

Aber der schlaue Eduard streckte mutig seine Hand aus und nahm den Zettel entgegen.

Eduard räusperte sich und begann:

M wie: Musst du immer so herumschreien?

U wie: Unsere Lehrerin hat ein schwaches Herz.

SCH wie: SCHöner Schlamassel, dass du nicht lesen kannst.

E wie: Es geht ganz leicht.

L wie: Lern endlich lesen!

Also, Seewolf, was heißt es?“

„MUSCHEL?“, fragte Seewolf.

„Bravo“, sagte Eduard. „Für einen alten Piraten, lernst du nicht schlecht!“

Pirat Seewolf wurde ein wenig rot bei diesen Worten.

Und er wusste, wo er die Muschel finden würde.

Eduard nahm er dieses Mal mit. Sicher war sicher.

Er band ihm ein Piratentuch um. Er gab ihm ein Fernglas.

Und eine Stunde später waren sie angekommen.

Das alte Wrack war einst auf der Sandbank gestrandet.

Die Möwen spazierten auf seinem Deck herum.

Überall hingen Muscheln.

Wer liest, der findet

In der Taurolle fand Eduard eine große und schimmernde Muschel.

Sie ließ sich leicht öffnen. Ein rosa Zettel lag darin. Er war schon wieder voller komischer Zeichen.

„Lies vor“, befahl Seewolf.

Eduard runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf.

„Warum nicht?“, fragte Seewolf.

„Lies ihn lieber selber, dann wirst du es wissen“, sagte der schlaue Eduard.

Also las Seewolf den Zettel, bis die Möwen ihre Schnäbel in die Federn steckten.

Dann endlich wusste er, was auf dem Zettel stand! „Unverschämtheit!“, brüllte er und warf den Zettel ins Meer.

Auf dem Zettel im Meer stand nämlich: „Putz mal unter deinem Bett, du Dreckspirat!“

Kochend vor Wut ging Seewolf in die Besenkammer.

„Von wegen Dreckspirat“, schnaubte er.

Aber er fegte den Staub brav unter seinem Bett hervor. Da stieß er gegen etwas Hartes!

Als er sich bückte, sah er in der hintersten Ecke eine Schatzkiste.

„Ich bin reich!“, jubelte er. Er zog die Kiste hervor.

Knarrend öffnete er sie. „Bücher!“, brüllte Pirat Seewolf, dass die Masten wackelten. „Nichts als Bücher! Was soll ich denn damit?“

„Du könntest sie in deine Hängematte tragen und lesen“, sagte Eduard.

Das tat Pirat Seewolf. Und Eduard half ihm dabei.

Für das erste Buch brauchte Seewolf lange. Aber dann las er schneller und schneller. Bald war die Kiste leer.

Seewolf und Eduard eroberten viele neue Bücher. So viele, dass die Kokosnuss seeuntauglich wurde.

Aber was machte das schon? „Lesen ist allemal spannender als das lausigste Piratenleben“, knurrte Pirat Seewolf.

Ende der Geschichte! Hab einen spannenden Tag!

Oder noch nicht genug vorgelesen?

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