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Katzenjammer

Eine Geschichte von Lucy Astner illustriert von Julian Meyer, erschienen im Esslinger Verlag.

Am Nachthimmel funkeln Millionen Sterne und der Mond hüllt die Stadt in eine Decke aus Silberlicht.

Kalle Körnchen und sein Frechdachs Flick rutschen gerade an der Regenrinne eines großen Wohnhauses hinunter. Sie möchten den Kindern ein paar schöne Träume bringen.

„Wir haben Glück", sagt Kalle, als er durch das erste Fenster späht. „Die Kinder reiben sich schon die Äuglein. Sie brauchen nur noch ein wenig Schlafsand, dann sind sie bereit für unsere Traumblasen.“

„Darf ich, darf ich, darf ich?", fragt Flick und springt aufgeregt auf seinem Dachsschwanz über das Fensterbrett.

„Du willst den Schlafsand verteilen?!" Kalle runzelt die Stirn. „Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist. Immerhin hat der Sandmann nicht dich, sondern mich als Vertretung ausgewählt …“

„Bitte!", fleht Flick und blinzelt Kalle mit großen Augen an. „Was soll schon schi-scha-schiefgehen?“

Kalle zögert. Soll er Flick diese verantwortungsvolle Aufgabe wirklich übertragen? Schließlich hat der Frechdachs immer ordentlich Hummeln im Hintern und stiftet meist eine Menge Unruhe …

Flick aber lässt nicht locker. „Ki-Ka-Komm schon, Kalle! Sei kein Frosch! Hab ich dich jemals enttäuscht?"

Kalle will etwas erwidern, aber Flick patscht ihm schnell seinen buschigen Dachsschwanz auf den Mund. „Siehst du, sag ich doch! Auf Käpt’n Flick ist immer Verlass!" Dann schnappt er sich den schweren Sandsack und zwängt sich durch den dünnen Fensterspalt.

Kalle seufzt. Hoffentlich geht alles gut …

Als der kleine Traumwichtel hinter dem Frechdachs ins dunkle Kinderzimmer klettert, sieht er, dass Flick sich wirklich große Mühe gibt. Auf extra leisen Frechdachspfötchen schleicht er sich nah an die gähnenden Kinder heran und bläst behutsam etwas Sand in ihre Gesichter. Kalle atmet erleichtert auf – und er ist sogar ein bisschen stolz auf seinen felligen Freund.

Flick nimmt die Arbeit sehr ernst und macht sich ganz hervorragend als Ersatzsandmann! Im Handumdrehen hat er nicht nur die Kinder in diesem Zimmer mit Schlafsand und Träumen versorgt, sondern auch alle anderen Mädchen und Jungen im Haus.

Begeistert setzt Kalle dem Frechdachs seine Wichtelmütze auf den Kopf. Die ist Flick natürlich viel zu groß. „Das hast du wirklich toll gemacht! Wenn der Sandmann wieder mal eine Urlaubsvertretung braucht, werde ich dich vorschlagen."

Flick strahlt bis über beide Frechdachsohren. „Ich bin aber noch gar nicht fertig", kichert er und deutet in eine dunkle Zimmerecke.

Entschlossen tapst er mit den restlichen Traumblasen davon. Kalle kratzt sich verwundert am Kopf, doch dann sieht er, was Flick meint: In der Ecke liegt eine rot getigerte Katze und schläft schnurrend.

„Nein, Flick! Nicht!“ Erschrocken schüttelt Kalle den Kopf.

Flick aber greift bereits in den Weidenkorb mit den schimmernden Blasen. „Ich will der Katzendame nur einen schönen Traum bescheren …"

In diesem Moment rutscht ihm Kalles Wichtelmütze über die Augen. Er gerät quiekend ins Taumeln und tritt der Katze auf den Schwanz!

„Miaaauuu!“, ertönt es. Die Katze schreckt aus ihrem leichten Schlummerschlaf auf und springt auf alle viere.

Als sie den kleinen Frechdachs entdeckt, verzieht sich ihr feines Katzengesicht zu einer gemeinen Fratze. Flick kann sich gerade noch die Wichtelmütze von den Augen ziehen, da springt die Katze bereits auf ihn zu. In einer wilden Verfolgungsjagd rennt sie hinter dem Frechdachs her.

„Ri-Ra-Rette mich, Kalle!“, ruft Flick, aber Kalle kommt gar nicht dazu. Schneller als er gucken kann, jagt die Katze den Frechdachs quer durch das Kinderzimmer und über den Flur hinaus in die Küche.

Flick rettet sich atemlos auf den Esstisch, aber die Katze springt hinterher. Dabei fegt sie eine Blumenvase vom Tisch, die mit einem lauten Klirren auf dem Boden zerbricht.

Kalle verzieht unglücklich das Gesicht. „Nicht so laut!“, flüstert er besorgt, aber Flick hört ihn nicht.

Er springt weiter auf den Küchenschrank und verliert dabei Kalles Wichtelmütze. Doch auch dort holt die Katze ihn ein. Mit einem übermütigen Satz hetzt sie hinter ihm her und stößt eine Reihe Töpfe und Pfannen vom Schrank. Mit mächtigem Geschepper knallen sie auf den Küchenboden. Der Lärm ist unerträglich!

Kalle hält sich die Ohren zu und merkt, dass sich die Kinder bereits in ihren Betten hin und her wälzen. Nicht mehr lange, dann ist das ganze Haus wach. Das darf auf keinen Fall passieren!

Kalle atmet tief durch, schnappt sich den Sack mit den letzten Resten des Schlafsandes und tritt auf den Flur. Als die Katze hinter Flick aus der Küche stürmt, stellt der Traumwichtel sich ihr mutig in den Weg.

„Bis hierher und nicht weiter!“, verkündet Kalle, als wäre er ein Cowboy in einem furchtbar gefährlichen Westernfilm.

Die Katze hält kurz inne und blinzelt Kalle verwundert an. Dann merkt sie, dass er nur ein kleiner Wichtel mit einer großen Klappe ist, und setzt zum Sprung an.

Kalle aber ist schneller! Er fährt mit der Hand in den Sack und pustet der launischen Katzendame eine große Portion Schlafsand ins Gesicht. Sofort fallen ihre wilden Äuglein zu. Sie rollt sich auf dem Boden zusammen und gleitet schnurrend in den Schlaf.

„Puh, das ist gerade noch mal gut gegangen“, seufzt Kalle erleichtert. Dann wirft er Flick einen auffordernden Blick zu. „Ich hole meine Wichtelmütze und sehe nach, ob auch wirklich alle schlafen – und du räumst die Küche auf!“

Eigentlich will der Frechdachs protestieren, aber Kalles Cowboyblick lässt keine Widerrede zu.

Als die beiden nach getaner Arbeit endlich wieder in ihren Ballon klettern, sind sie ganz schön erledigt. Kalle rückt seine Wichtelmütze zurecht und Flick kichert.

„Wenn ich bald der Ersatzsandmann bin, könntest du ein prima Hilfssheriff sein!" Darüber muss auch Kalle lachen.

Und wer weiß: Vielleicht streunt heute Nacht ja auch eine getigerte Katze um dein Bett herum und wartet auf einen schönen Traum …?

Ende der Geschichte! Hab einen spannenden Tag!

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