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Ich geh doch nicht verloren!

Lu und Mama gehen in die Stadt.

Brot wollen sie kaufen und Bananen und rot-weiße Ringelsocken für Lu. Die braucht sie ganz dringend.

Auf dem Marktplatz ist heute eine Menge los.

„Hoffentlich gehst du mir in diesem Gedränge nicht verloren“, sagt Mama.

„Ich geh doch nicht verloren“, sagt Lu.

Es ist so eng. Lu sieht von den vielen Leuten nur die Beine.

Zum Glück hat Mama ihren roten Mantel an. Der leuchtet so schön, dass man ihn nicht übersehen kann.

Beim Obststand steht ein Junge. Sehr fröhlich sieht er nicht aus.

„Bist du verloren gegangen?“, fragt Lu.

„Quatsch!“, sagt der Junge.

Am Brotstand wird es noch schlimmer.

Die Leute drängeln und drängeln.

„Schade, dass ich so klein bin“, denkt Lu.

Aber da kommt jemand angerannt, der noch ein bisschen kleiner ist.

„Du bist aber süß“, sagt Lu. Der kleine Hund wedelt mit dem Schwanz.

Als Lu und Mama weitergehen, läuft der Hund einfach mit.

Manchmal läuft er ein bisschen voraus, mal nach rechts und mal nach links. Lu lässt ihn nicht aus den Augen.

„Schau doch mal, was wir für eine süße Begleitung haben!“, ruft Lu.

Aber es ist so laut auf dem Markt. Mama hat gar nichts gehört.

Lu zupft an ihrem Mantel. „Jetzt schau doch mal!“

Ach du Schreck!

Die Frau, die sich jetzt umdreht, ist ja überhaupt nicht Mama.

Erschrocken dreht Lu sich nach allen Seiten um. Mama ist nirgends zu sehen.

„Siehst du, jetzt bist du auch verloren gegangen“, sagt jemand mit weinerlicher Stimme.

„Ach du bist es“, sagt Lu. „Warum hast du mich eben angeschwindelt?“

Statt zu antworten fragt der Junge: „Was machen wir denn jetzt?“

„Erste Regel beim Verlorengehen: stehen bleiben und rufen! Wenn etwas da ist, wo man ein bisschen höher stehen kann, draufsteigen und rufen! Am besten man rührt sich nicht vom Fleck, dann können einen die Eltern besser finden.“

„Aha“, sagt der Junge und wischt sich die Tränen aus den Augen. Er klingt nicht sehr überzeugt. „Und wenn einen keiner sucht?“

„Alle Eltern suchen ihre verlorenen Kinder“, sagt Lu.

„Auch wenn man vorher frech war?“, fragt der Junge.

„Na klar!“, sagt Lu. „Eltern wollen ihre Kinder immer wiederhaben.“

„Auch wenn sie furchtbar sauer auf einen sind?“

„Auch dann“, sagt Lu.

„Puh!“, sagt der Junge erleichtert. „Aber ich glaube, stehen bleiben und rufen hilft bei mir trotzdem nichts.“

„Warum denn nicht?“

„Ich bin hier ja schon dauernd hin und her gerannt, aber Papa war nirgends zu sehen. Bestimmt finden wir uns nie mehr wieder.“

„Quatsch!“, sagt Lu.

„Regel Nummer zwei: wenn wir uns nicht gleich wiederfinden – anrufen!“

Lu steigt von der Kiste herunter.

„Wir bitten jemanden, deinen Papa auf dem Handy anzurufen. Dein Papa hat doch ein Handy, oder?“ „Klar!“ Der Junge nickt.

„Weißt du die Nummer? Ich habe unsere Adresse auf einem Zettel dabei, aber Mama geht immer auf Nummer sicher und deshalb habe ich ihre Nummer auch hier auf dem Arm.“

Der Junge lacht. „Ich weiß Papas Nummer auswendig, ich bin ja kein Baby mehr.

Es fängt an mit 01…

Und dann 50… oder 60?

Eine Sieben ist auch dabei und eine Drei.

Oh nein, oh nein, oh nein, es fällt mir nicht mehr ein.

Jetzt ist alles aus. Bestimmt komme ich nie mehr wieder nach Hause.“

„Quatsch!“, sagt Lu.

„Regel Nummer drei: Wenn das alles nicht funktioniert, rufen wir die Polizei.“

„Die Polizei?“, ruft der Junge. „Ich habe doch gar nichts verbrochen.“

„Pah“, sagt Lu. „Die Polizei ist doch nicht nur zum Verbrecherjagen da. Die Polizei ist auch da, um uns zu helfen.“

„Ach ja?“, fragt der Junge.

„Klar“, sagt Lu. „Jetzt brauchen wir nur noch jemanden, der für uns dort anruft.“

Aber das ist gar nicht so einfach.

Lu fragt einen Mann, aber der hat einen Kopfhörer auf den Ohren und kann sie gar nicht hören.

Eine Frau antwortet in einer ganz fremden Sprache, aber beim Fischverkäufer hat Lu Glück. „Ein Handy habe ich schon, aber hier können wir nicht telefonieren, hier ist es viel zu laut. Kommt doch mit zu meinem Auto, da geht es besser.“

„Nein danke!“, sagt Lu freundlich. „Ich kenn dich nicht, ich geh nicht mit!“

„Bist du verrückt?“, ruft der Junge, als der Fischverkäufer weitergegangen ist.

„Bin ich nicht!“, sagt Lu. „Das ist die Regel Nummer vier: Auch wenn ich verloren gehe, gehe ich mit niemandem einfach so mit.“

„Und ich? Soll ich jetzt vielleicht unter der Brücke schlafen, oder was?“

„Quatsch!“, sagt Lu.

„Jetzt kommt erst mal Regel Nummer fünf: Wenn ich Hilfe holen muss, gehe ich an einen Ort, an dem möglichst viele Menschen sind und wo man mich gut sehen kann.“

„Wie wär’s mit der Apotheke?“, fragt der Junge. „Gute Idee!“, sagt Lu.

Klingklong macht die Türglocke, als die beiden den Laden betreten.

„Guten Tag!“, sagt Lu zu der Apothekerin. „Wir beide sind verloren gegangen. Könnten Sie vielleicht meine Mama anrufen? Und die Polizei, bitte!“

„Hast du denn die Nummer von deiner Mama?“, fragt die Apothekerin freundlich.

„Ja, die habe ich. Aber wir brauchen zuerst die Polizei. Er …“ Lu dreht sich um. „Wie heißt du eigentlich?“

„Roberto“, sagt der Junge.

„Roberto ist nämlich schon viel länger verloren als ich.“

„Na dann“, sagt die Apothekerin und nimmt das Telefon in die Hand.

Die Polizisten sind ganz schnell da.

Sie waren ganz in der Nähe und haben eine Currywurst gegessen.

Die Apothekerin will gerade Mamas Nummer wählen, da stürzt noch jemand in den Laden.

Es ist ein großes Mädchen und es ist ganz aufgeregt. „Haben Sie vielleicht einen kleinen Hund gesehen?“, fragt es.

„Ja, ich!“, will Lu schon rufen, aber da kommt ein Mann angerannt.

Er ist noch aufgeregter als das Mädchen. Sein Gesicht ist rot wie eine Tomate.

„Haben Sie vielleicht einen kleinen Jungen gesehen?“, ruft er.

„Papa!“, ruft Roberto.

Die Apotheke ist jetzt proppenvoll.

Einer der Polizisten lockt den kleinen Hund mit dem Rest von seiner Currywurst in den Laden.

Die Apothekerin will jetzt endlich Mamas Nummer wählen, aber es ist schrecklich laut.

So laut, dass Lu das Klingklong der Ladentür fast überhört hätte.

„Lu!“, ruft Mama. Sie stürmt herein und drückt ihre Tochter so fest, dass sie fast keine Luft mehr kriegt und dann weint sie auch noch.

„Aber Mama!“, sagt Lu. „Regel Nummer sechs beim Verlorengehen: keine Panik!“

„So, so!“, schnieft Mama, „und ich dachte schon, du hättest alles vergessen.“

„Nee!“, sagt Roberto. „Das hat sie nicht. Das weiß sie alles ganz genau.“

Ende der Geschichte! Schlaf schön!

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