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Hexus-plexus

Eine Geschichte von Isabel Abedi, mit Illustrationen von Ana-Maria Weller, erschienen bei arsEdition.

In einem kleinen Hexenhaus, tief, tief im Wurzelwald, lebte einmal eine alte Hexe.

Sie hatte lauter Runzeln im Gesicht, und weil sie meistens mürrisch war, fürchteten sich die anderen Waldbewohner vor ihr.

Dadurch war die Hexe immer allein, und das hatte sie mit der Zeit noch mürrischer gemacht.

Hexen konnte sie übrigens nur bei Vollmond und – das war wirklich ganz außergewöhnlich – sie hexte nur Dinge, die sich reimten: Frische Fische, tolle Wolle, spitze Blitze, dicke Stricke, steife Seife, rote Brote, süße Füße, kühle Stühle, kleine Steine und so weiter und so weiter.

Aber dann verhexte sich die Hexe eines schönen Tages plötzlich.

Sie wollte sich eigentlich eine schwarze Warze an die Nasenspitze hexen, aber irgendwie ging irgendwo irgendwas schief.

„Hexus, plexus, flexibus, einmal schwarze Warze“, sagte die Hexe.

Da machte es knallbumm und vor ihr stand: ein kleines Stinktier.

„Verhext noch mal, was machst du denn hier“, fragte die Hexe.

„Woher soll ich das denn wissen“, sagte das kleine Stinktier, „ich wusste ja noch nicht einmal, dass es mich gibt.“

„Ich auch nicht", brummte die Hexe. „Ich hexe nämlich nur Dinge, die sich reimen und ein kleines Stinktier reimt sich ja wohl kein einziges bisschen!“

„Da kann ich doch nichts dafür“, entgegnete das kleine Stinktier frech.

Und bevor die Hexe sagen konnte, was fällt dir denn ein, verschwand das Stinktier auf dem Hexenklo und machte Groß.

Das stank bis in die Hexenküche.

„Verflixt und zugehext!“, zeterte die Hexe. „So was ist mir ja in meinem ganzen Hexenleben noch nicht untergekommen!“

Brummelnd setzte sie sich vor ihr Hexenbuch und überlegte, wie sie das verhexte Stinktier am besten wieder weghexen könnte.

Hergehexte Dinge wieder wegzuhexen gehört nämlich zu den schwierigsten Dingen überhaupt.

„Hex mex wex“, grübelte die Hexe. „Oder: schwupp wupp hupp oder vielleicht auch: schwapp wapp papp?“

Die Hexe kratzte sich am Kopf.

Da kam das kleine Stinktier zurück in die Küche.

Jetzt stank es kein einziges bisschen mehr.

Es hatte sich sogar die Hände gewaschen.

Mit steifer Seife, die hatte die Hexe beim vorletzten Vollmond gehext.

Mit einem Satz landete das Stinktier auf dem Hexentisch.

„Was hext du da?“, fragte es neugierig.

„Ich suche einen Stinktierweghexspruch“, brummte die Hexe schlecht gelaunt. „Aber ich finde keinen!“

„Zum Glück!", rief das kleine Stinktier. „Es gefällt mir nämlich auf der Welt. Außerdem habe ich Hunger. Wann gibt es Mittagessen?“

„Mittagessen?“ Der Hexe kugelten fast die Augen aus dem Kopf. Was fiel diesem Stinktier eigentlich ein?

Andererseits ... knurrte ihr vor der ganzen Aufregung selbst der Magen.

Mit einem ordentlichen Mittagessen im Bauch konnte man bestimmt besser über Stinktierweghexsprüche nachdenken.

„Also gut“, knurrte sie und deckte den Tisch vor dem Hexenhäuschen.

Es gab frische Fische, rote Brote und vier Bier. Natürlich ohne Alkohol.

„Hmmm“, schmatzte das Stinktier mit dicken Backen. „Das ist das beste Mittagessen, das ich je bekommen habe.“

Streng genommen war es natürlich auch das erste. Aber das bemerkte das Stinktier in seiner Begeisterung gar nicht.

„Hmpf“, brummte die Hexe und wurde ganz kurz ganz rot.

Es war das erste Mal, dass ihr jemand ein Kompliment machte.

„Und jetzt", sagte das Stinktier unternehmungslustig, „will ich mein neues Zuhause kennen lernen. Es ist sicher wunderschön in unserem Wald.“

„Dein Zuhause? Unser Wald?“ Die Hexe verstand die Welt nicht mehr.

Aber das Stinktier war schon aufgesprungen und winkte ihr ungeduldig mit der Pfote zu.

„Komm schon, zeig mir alles“, rief es aufgeregt.

Da erhob sich die alte Hexe. Sie hatte noch nie jemandem etwas gezeigt.

Außerdem brauchte sie Bewegung, weil ihr die frischen Fische schwer im Magen lagen.

Und weghexen konnte sie dieses ungereimte Stinktier ja auch nach dem Waldspaziergang.

Im Wald war es wunderbar kühl und das kleine Stinktier hüpfte wie ein Springball vor der Hexe her.

„Wie schön es hier ist!“, rief es immer wieder.

„Hmpf“, machte die alte Hexe.

Aber zum ersten Mal in ihrem Leben merkte sie, dass es wirklich schön in ihrem Wald war.

Die Sonnenstrahlen tanzten auf den Bäumen und überall um sie herum duftete es.

Nach frischem Honig, nach Pilzen und nach den Blumen, die am Waldrand wuchsen.

Das Stinktier pflückte einen großen Strauß und drückte ihn der Hexe in die Hand.

„Schenk ich dir“, rief es. „Als Dankeschön, dass du mich auf die Welt gehext hast.“

„Danke“, brummelte die Hexe erstaunt.

Es war das erste Mal, dass ihr jemand ein Geschenk machte.

Nach einer Weile kamen sie zu einem Fluss.

Dort machte Familie Bär gerade große Wäsche.

Als sie die Hexe sahen, wollten sie schnell ins sichere Dickicht flüchten.

„Wartet doch mal!“, schrie das Stinktier. „Lebt ihr auch im Hexenwald?“

Die Bärenmutter lugte ängstlich zur Hexe und der Bärenvater legte schützend seine Arme um den kleinen Bären.

Der nickte neugierig. Er war nämlich ein Einzelkind und wünschte sich schon lange einen Freund zum Spielen.

„Dann sind wir ja Nachbarn“, rief das kleine Stinktier erfreut. „Ich wohne seit heute bei der Hexe. Kommt uns doch bald einmal besuchen.“

Moment mal!, wollte die Hexe gerade rufen. Aber da war das Stinktier schon weitergesprungen.

Kopfschüttelnd folgte ihm die Hexe, und Familie Bär sah den beiden mit großen Augen hinterher.

Bald darauf kamen sie an einen Hügel.

Dort saß Herr Igel und wischte sich schnaufend die Stirn.

Vor ihm lag ein großer Korb mit Brennholz.

Als er die Hexe sah, wollte er sich eilig hinter den Hügel flüchten.

Da sprang das kleine Stinktier auf ihn zu.

„Du brauchst Hilfe", stellte es fest. „Wo musst du denn hin mit deinem Riesenkorb?“

„Tja, a-also." stotterte Herr Igel. „Ich, also ... ich muss über den Hügel rüber.“

„Da hast du ja Glück, dass wir da sind", stellte das kleine Stinktier fest. „Meine Hexe ist nämlich groß und stark. Die hilft dir gerne tragen.“

Moment mal!, wollte die Hexe gerade rufen.

Doch der Igel sah sie so verdattert an, dass sie es sich anders überlegte.

Sie hatte noch nie jemandem einen Gefallen getan und für eine große Hexe wie sie war der Korb ja wirklich ein Klacks.

Grummelnd nahm sie ihn auf die Schultern und trug ihn über den Hügel. .

„Danke“, sagte Herr Igel, der noch immer fassungslos vor Staunen war.

„Bitte“, erwiderte das kleine Stinktier höflich.

Dann nahm es die Hexe an der Hand und zog sie mit sich weiter.

Vor seiner Kuhle auf der großen Wiese saß Großvater Hase und sah seiner Enkelin Frieda beim Hakenschlagen zu.

Frieda war zum ersten Mal im Wald zu Besuch und probte gerade den dreifachen Zickzackhaken, als ihr Großvater die Hexe erblickte.

„Ab in die Kuhle, Frieda“, zischte er erschrocken.

Doch Frieda hatte nur Augen für das kleine Stinktier.

Das hatte sich auf beide Vorderpfoten gestellt und rief: „Ich kann auch ein Kunststück! Wenn du mir das Hakenschlagen zeigst, zeig ich dir den Stinktierhandstand."

Frieda klatschte begeistert in die Pfoten.

Während Großvater Hase die Hexe aus den Augenwinkeln musterte, zeigte Frieda dem Stinktier, wie man Zickzackhaken schlägt.

Und das Stinktier brachte Frieda den Stinktierhandstand bei.

„Bravo, ihr beiden“, rief der Hasengroßvater. „Ihr seid ja richtige Akrobaten.“

Die Hexe sagte gar nichts.

Sie merkte nur ein seltsames Kribbeln in ihrem Bauch.

Es war ein warmes, kitzeliges Gefühl und zum ersten Mal, seit vielen, vielen Jahren, machte sich auf ihrem runzeligen Hexengesicht ein Lächeln breit.

Als sie wieder nach Hause kamen, ging über dem Wurzelwald bereits die Sonne unter.

„Das war wunderbar“, seufzte das kleine Stinktier glücklich.

„Hmpf“, machte die Hexe und verschwand in ihrer Hexenküche.

Das Lächeln war ihr wieder vergangen, denn gleich ging der Mond auf, und wenn sie dieses ungereimte Stinktier wieder weghexen wollte, war dies die letzte Gelegenheit.

Morgen würde der Vollmond abnehmen und damit auch ihre Hexenkraft.

Seufzend beugte sie sich über ihr Hexenbuch.

Das Stinktier hatte sich neben sie gestellt und legte seine Pfötchen auf die Tischplatte.

„Suchst du etwa immer noch nach diesem Stinktierweghexspruch?", fragte es.

Seine Stimme klang mit einem Mal ganz zittrig.

„Ich äh ...“, stotterte die Hexe.

Mehr konnte sie nicht sagen, denn in ihrem Hals saß ein dicker Kloß.

Das kleine Stinktier sprang auf das Hexenbuch und blickte die Hexe aus seinen schwarzen Kulleraugen an.

„Nenn mich doch Pinkbier“, sagte es leise.

„Pinkbier?“ Die Hexe musste lachen. „Wieso denn das?“

„Dann wäre ich Pinkbier, das Stinktier“, erwiderte das kleine Stinktier.

„Und dann wäre ich gereimt und du hättest mich richtig gehext.“

Die Hexe schluckte. „Aber Pinkbier ist doch kein Name für ein kleines Stinktier“, murmelte sie. .

„Dann nenn mich eben Pinkbierchen“, flüsterte das kleine Stinktier.

„Pinkbierchen, das Stinktierchen. Das reimt sich auch.“

Die Hexe saß ganz still.

Nur eine Träne löste sich aus ihrem Auge und kullerte ihre runzelige Wange herab.

Mit einem leisen Pling landete sie auf dem Hexentisch.

„Ich dachte“, sagte sie leise, „ich dachte, ich hex uns einfach etwas anderes.“

Sanft schob sie das kleine Stinktier von dem Hexenbuch herunter und legte ihre Hände auf Seite 333.

„Hexus, plexus, flexibus. Drei Millionen ferne Sterne“, sagte sie laut.

Da legte sich die Dunkelheit über den Wurzelwald.

Als das kleine Stinktier hinter der Hexe aus dem Häuschen trat, stand der volle Mond am Himmel.

Und um ihn herum leuchteten die Sterne.

Sie waren fern und doch zum Greifen nah.

„Ooohhhhh“, flüsterte das kleine Stinktier und kuschelte sich an die Hexe.

Sein Fell war so weich wie Samt und seine dunklen Augen funkelten wie Diamanten.

„Pinki“, sagte die Hexe, „wäre das kein schöner Name für dich?“

„Schon. Aber er reimt sich nicht auf Stinktier.“

„Das braucht er auch nicht“, sagte die Hexe und klang mit einem Male sehr entschlossen.

„Du bist auch ungereimt das richtigste Versehen, das ich je gehext habe!“

„Dann ist ja alles gut“, murmelte das kleine Stinktier.

Zufrieden rollte es sich auf dem Schoß der Hexe zusammen – und war im nächsten Moment eingeschlafen.

Ende der Geschichte! Hab einen spannenden Tag!

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