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Gloria Glühwürmchen

Gloria Glühwürmchen – das bin ich

Hallo, ich bin Gloria. Gloria Glühwürmchen, um genau zu sein. Ich heiße nicht nur mit Nachnamen Glühwürmchen, ich bin auch eins. Tagsüber schlafe ich, und abends, wenn es dunkel wird und die meisten Tiere und Menschenkinder ins Bett gehen, stehe ich auf. Mit dem Aufwachen fängt mein Körper an, wohlig zu kribbeln, mir wird kuschelig warm und mein Hinterteil fängt an zu glühen. Dann möchte ich nur noch eins: raus in die Nacht.

Leuchten kann ich richtig gut, in fast allen Farben und sogar manchmal auf Kommando. Mein Zwillingsbruder Gustav kann nicht so gut glühen wie ich, dafür kann er aber fliegen. Mein größter Wunsch ist es, auch fliegen zu lernen. Doch weibliche Glühwürmchen können das leider nicht. Gustav hat schon oft versucht, mir das Fliegen beizubringen, aber es klappt einfach nicht. Einmal bin ich kopfüber in den See geplumpst und war danach so ausgekühlt, dass ich kaum mehr leuchten konnte. Ich musste tagelang mit Schnupfen und Fieber im Bett liegen. Zum Glück ist meine Mama Gesine Ärztin. Bei ihr ist man in den besten Händen. Sie hilft allen Tieren im Wald, die krank sind oder sich verletzt haben. Außerdem macht sie den besten Gänseblümchensaft weit und breit! Den brauchen wir Glühwürmchen, damit wir nachts lange leuchten können.

Mein Papa Gilbert meint, dass ich nach meiner Mama komme, weil ich auch immer allen Tieren helfen möchte, wenn sie in der Klemme stecken. Aber er sagt auch, dass ich mich nicht immer ablenken lassen und in der Schule besser aufpassen soll. Er ist nämlich Lehrer an unserer Waldschule, müsst ihr wissen.

Mama, Papa, Gustav und ich leben in einem wunderschönen Wald am Rande des Städtchens Rosenfelde. Wir nennen unseren Wald liebevoll den Glitzerwald, weil dort so viele Glühwürmchen leben. Unsere kleine, gemütliche Wohnung verbirgt sich hoch oben in einer alten Linde. Eine lange Wendeltreppe führt den Stamm entlang hoch zu ihr.

Im Glitzerwald haben wir alles, was sich Glühwürmchen nur wünschen können: alte, verwunschene Bäume, die leckersten Früchte, einen blau schimmernden See mit riesigen Seerosenblüten darauf und die schönsten Sonnenuntergänge! Ich finde es einfach zauberhaft hier! Und dann ist da noch die kleine Stadt Rosenfelde, in der die Menschen wohnen. Leider habe ich noch nie einen Menschen gesehen, aber Gustav hat mir schon von ihnen erzählt. Weil er fliegen kann, ist er ihnen schon begegnet. Für mich ist der Weg zu Fuß in die Stadt viel zu weit. Ich wäre die ganze Nacht unterwegs und das geht natürlich nicht, denn bevor es morgens hell wird und die Menschen und die meisten Tiere aufstehen, gehen wir Glühwürmchen nämlich ins Bett.

Von Gustav weiß ich, dass manche Kinder Angst im Dunkeln haben. Glühwürmchen geht das nicht so. Wir haben ja unsere Lampe immer bei uns, sie ist quasi eingebaut. Die totale Finsternis kenne ich deshalb nicht. Den Tieren, die selber nicht leuchten können, kann ich in der Dunkelheit helfen. Ich liebe es, nachts in unserem Wald unterwegs zu sein. Es ist so spannend, was man dann alles erleben kann …

Eine ganz besondere Nacht

Glooooriaaaaaa, aufstehen!“ Mmmmh ’– was riecht denn hier so köstlich? Aus der Küche steigt ein wunderbarer Duft in meine Nase. Ich krieche unter meiner kuscheligen Lindenblattdecke hervor und merke, wie es in mir kribbelt und kitzelt.

Es ist Zeit fürs Spätstück, so nennen wir Glühwürmchen unsere erste Mahlzeit nach dem Aufstehen. Ich laufe in die Küche. Heute gibt es zum Gänseblümchensaft, herrlich süße Brombeerschnitten und selbst gebackene Haselnusskringel. Ich liebe Brombeerschnitten, aber noch viel lieber esse ich Walderdbeeren.

Ich setze mich auf einen der kleinen Holzhocker zu Mama und meinem Zwillingsbruder Gustav an den gedeckten Tisch. Papa ist schon unterwegs zur Schule, denn er will etwas für unseren Unterricht am Freitag vorbereiten. Wir Glühwürmchen gehen zum Glück nur einen Tag in der Woche zur Schule. Mir macht nämlich nicht alles Spaß, was wir dort machen. Rechnen zum Beispiel. Dafür denke ich mir sehr gerne Geschichten aus. Ich nehme große Bissen von der Brombeerschnitte und trinke den Gänseblümchensaft in einem Zug aus.

So, fertig gespätstückt! Ich leuchte hellgelb. Voller Tatendrang springe ich auf und hüpfe vor Gustav auf und ab. „Gustav, wollen wir heute Nacht zusammen fliegen?“

Manchmal nimmt Gustav mich nämlich auf seinem Rücken mit und wir düsen gemeinsam durch den Glitzerwald. Das macht solchen Spaß, doch leider werde ich ihm schnell zu schwer, weshalb wir keine langen Strecken fliegen können.

„Geht nicht, ich habe heute Flugtraining. Komm doch einfach mit“, sagt Gustav.

Diese Antwort wollte ich nicht von ihm hören! „Och nö, ich habe doch schon tausendmal versucht zu fliegen, und nie klappt es. Kannst du das Training nicht ausfallen lassen?“ Gustav schüttelt entschuldigend den Kopf, tritt durch die Tür auf die Terrasse hinaus, winkt uns zum Abschied zu und flattert auch schon los.

Wie schade! Da meine Freundin Gala leider mit ihren Eltern weggezogen ist, streiche ich jetzt oft allein durch den Glitzerwald, wenn Gustav beim Flugtraining ist.

Ich gebe Mama einen Kuss und laufe los, durch die Haustür und die lange Wendeltreppe hinunter. Ich bin gespannt, was ich heute erleben werde.

„Haaalllooo! Hört mich jemand?“, schallt eine helle Stimme durch den Wald. „Ich bin hier unten, am See! Hallo! Kann mir mal jemand helfen?“

Oje, da braucht jemand Hilfe. Die Stimme klingt verzweifelt.

„Ich komme!“, rufe ich ganz laut zurück und flitze los zum See. Dabei versuche ich, ganz hell zu leuchten. Wenn jemand meine Hilfe braucht, bin ich sofort zur Stelle. Ich kann es zum Beispiel gar nicht leiden, wenn Gustav traurig ist. Dann tue ich alles, was in meiner Glühwürmchenmacht steht, um ihn aufzumuntern.

Während ich mich dem Ufer nähere, singe ich vor mich hin. Ich liebe es zu reimen und zu singen:

Ich bin Gloria, hab ein Licht, fliegen kann ich leider nicht. Doch ich helfe, wo ich kann, den meisten geht es besser dann.

Da sehe ich etwas schimmern. Sind das die Sterne, die sich im dunklen Seewasser spiegeln?

Aber heute waren keine Sterne am Himmel zu sehen, es war viel zu bewölkt. Außerdem sehen Sterne im Wasser anders aus. Nicht so türkis. Als ich noch näher komme, erkenne ich eine kleine Libelle. Sie sitzt auf einem Seerosenblatt nahe am Ufer. Auch sie sieht mich an und kneift die Augen zusammen.

„Ist das hell! Kannst du mal die Lampe ausmachen?“

„Ich hab keine Lampe“, antworte ich. „Aber ich kann versuchen, weniger hell zu glühen.“

„Bist du ein Glühwürmchen?“

„Na klar, sieht man doch. Oder bist du etwa blind wie ein Maulwurf?“, frage ich die Libelle und komme näher. Zum Glück wachsen die Seerosen bis zum Ufer und ich kann von einem Blatt zum nächsten hüpfen. Die Libelle sieht wunderschön aus, sie hat lange elegante Flügel und ihr Körper schimmert in meinem hellen Licht herrlich türkis.

„Ich kann leider wirklich nicht so gut sehen. Beim Landeanflug auf den See ist mir meine Brille von der Nase gerutscht. Kannst du mir helfen, sie zu finden?“, fragt die Libelle mich.

„Deine was?“

„Meine Brille. Das sind speziell geschliffene Gläser, durch die man besser sehen kann. Mein Onkel hat sie mir aus Glasscherben gemacht. Ich bin übrigens Lilly Belle.“

„Und ich Gloria Glühwürmchen!“ Lilly streckt mir zur Begrüßung eines ihrer eleganten Ärmchen hin und ich schüttle es freudig. „So, und jetzt suchen wir mal deine Ribbel“, sage ich und leuchte wieder heller. „Hoffentlich ist sie nicht ins Wasser gefallen.“

Lilly sieht mich verdutzt an. „Ribbel? Du meinst BRILLE, oder?!“

„Genau, das meine ich, Belly!“

Die Libelle lacht. „LILLY. Ich heiße Lilly, nicht Belly.“

Manchmal verdrehen sich die Buchstaben einfach, wenn sie aus meinem Mund kommen. Ich habe echt keinen blassen Schimmer, wieso das passiert. Gustav lacht sich dann immer kringelig, weil er das so lustig findet.

Ich leuchte etwas heller und blicke mich suchend um. Lilly schirmt sich mit ihren Ärmchen die Augen ab. Wenn ich nur wüsste, wie so eine Brille aussieht! Auf dem nächsten Seerosenblatt blitzt plötzlich etwas auf und reflektiert mein Licht. Vorsichtig beuge ich mich nach vorn. Bloß nicht ins Wasser fallen!

„Ich hab sie!“ Ich halte ein komisches Ding in der Hand. Es sieht ein bisschen aus wie die Augen einer Fliege.

Lilly nimmt die Brille und setzt sie auf ihre Nase. „Danke, Gloria! Jetzt kann ich wieder sehen.“

Vor Freude hebt sie ab und gleitet hin und her. „Hab ich ein Glück, dass ich dich getroffen habe. Es ist ja mittlerweile so dunkel, dass man den eigenen Flügel vor Augen nicht mehr sehen kann. Ich bin sonst auch eher tagsüber unterwegs.“

„Ach, deshalb haben wir uns noch nie gesehen. Ich kann dir noch ein bisschen leuchten, wenn du möchtest!“, schlage ich vor.

„Super! Komm, wir fliegen ein Stückchen zusammen!“ Lilly guckt mich fröhlich an und steigt immer höher. Geknickt lasse ich den Kopf hängen. „Alles in Ordnung?“, fragt Lilly Belle und sinkt wieder zu mir herunter.

„Ich kann nicht fliegen“, erkläre ich ihr traurig.

„Aber du hast doch Flügel!“

Ich wackle ein bisschen mit ihnen. „Zu mehr, als mir Luft zuzufächeln, sind sie leider nicht zu gebrauchen. Glühwurmmädchen können nicht fliegen."

„Na, dann steig auf!“ Lilly hält mir einen Flügel hin. Ich klettere über den Flügel auf ihren Rücken und zusammen heben wir ab. Es ist unglaublich schön! Die kühle Nachtluft weht mir um die Nase.

Nach einer Weile ist Lilly aber ziemlich aus der Puste. „Du wirst mir leider etwas schwer, Gloria“, stellt sie fest und fliegt zurück zum Seeufer, wo sie mich absteigen lässt. „Außerdem muss ich längst zu Hause sein. Kannst du mir noch den Weg leuchten?“

„Glühwürmchenklar!“, sage ich und begleite sie heim.

Lilly wohnt mit ihrer Mama ganz in der Nähe des Seeufers. Ich schlage vor, dass wir uns am nächsten Abend wieder treffen. Lilly findet die Idee super und will mich zu Hause abholen. Zum Abschied umarmen wir uns.

Ende der Geschichte! Hab einen spannenden Tag!

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