Einfach vorlesen! Stiftung Lesen Deutsche Bahn Stiftung

jetzt drucken

Gar nicht müde!

Eine Geschichte von Gudrun Likar, mit Illustrationen von Marion Goedelt, erschienen im Tulipan Verlag.

Das Schlafmonster, das für den Nelkenweg 14 zuständig ist, ist nicht zu beneiden. Denn im Nelkenweg 14 wohnt Max.

Und Max hat grundsätzlich Besseres zu tun, als ins Bett zu gehen.

Sich eine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen lassen, zum Beispiel. Und dann noch eine. Und noch eine.

Oder zwei seiner Lokomotiven wild aufeinander zurasen lassen und schauen, was passiert.

Oder den fünfzehnstöckigen Legoturm um drei weitere Stockwerke verlängern.

Vielleicht sogar um fünf.

Oder einen Riesen zeichnen, der gerade Bäume ausreißt.

Oder die Goldfische füttern, weil die so hungrig aussehen.

Es gibt viel zu viel zu tun. Da kann man doch nicht schlafen gehen!

Kein Wunder also, dass das Schlafmonster jedes Mal zusammenzuckt, wenn Max' Mutter oder Vater ruft:

„Schlafenszeit!" oder

„Zeit fürs Bett!" oder

„Schlafengehen, Max!"

Denn sobald einer dieser Sätze fällt, muss es in Aktion treten.

Und es weiß auch, dass Max' Reaktion immer die gleiche ist:

„ABER ICH BIN GAR NICHT MÜDE!!!"


 


Obwohl das Schlafmonster diesen Satz schon Hunderte Male gehört hat, läuft ihm jedes Mal ein kalter Schauer über den Rücken.

Dann macht es sich seufzend an die Arbeit.

Als Erstes versucht das Schlafmonster es mit einem alten Trick: Es streut Max Schlafsand in die Augen.

Das hat allerdings noch nie geklappt.

Max gähnt kurz, reibt sich die Augen – und spielt weiter.

Als Nächstes versucht das Schlafmonster es mit gutem Zureden.

„Max, ich glaube, du bist ein bisschen müde.“

„Nö.“ 

„Nicht einmal ein winziges kleines bisschen?“

„Nö.“ 

„Aber vielleicht wirst du müde, wenn du einmal im Bett liegst?“

Max würdigt das Schlafmonster nicht einmal einer Antwort.

Also verlegt es sich aufs Drohen: „Kinder, die zu wenig schlafen, hören auf zu wachsen.“

Max zuckt mit den Schultern.

„Ihre Haare verfärben sich blau.“

Max sieht kurz von seinem Eisenbahnzusammenstoß auf.

„Und sie bekommen am ganzen Körper grüne Punkte.“

Max besieht sich seine Arme und Beine und verliert das Interesse.

Dass Handeln keinen Sinn hat, weiß das Schlafmonster schon von früheren Gelegenheiten.

Es hat schlicht nichts anzubieten, was Max irgendwie interessieren könnte.

Es hilft auch nichts, als das Schlafmonster zu jammern anfängt und Max anfleht, jetzt bitte, bitte schlafen zu gehen, damit im Nelkenweg 14 endlich Ruhe einkehren kann.

„Aber es ist doch ganz ruhig!“, sagt Max verwundert, bevor seine Sioux-Indianer das Cowboy-Fort stürmen.

Also greift das Schlafmonster jetzt ganz tief in seine Trickkiste: „Eigentlich möchtest du ja schlafen gehen. Du weißt es nur nicht."

Der Blick, den Max ihm daraufhin zuwirft, hätte ein weniger starkes Monster glatt von den Socken gehauen.

Bei einem zeigen seine unermüdlichen Versuche nun doch ihre Wirkung ...

Kurz ist das Schlafmonster sehr zufrieden mit sich.

Aber dann wirft es einen Blick auf Max – und wird von Verzweiflung übermannt.

Denn Max spielt ungerührt weiter.

Vielleicht sollte er noch einen Elefanten mit zwei Rüsseln für seinen Knetgummi-Zoo machen?

Oder sehen, ob sein Rennwagen diesmal drei Loopings hintereinander schafft, bevor er gegen den Schrank knallt?

Oder an seinem Wandbild weitermalen?

Das Schlafmonster ist mittlerweile am Ende seiner Kräfte angelangt.

Jetzt bleibt ihm nur noch eins übrig – es wird seine stärkste Waffe einsetzen: sein Schlaflied!

Es legt seinen Kopf in den Nacken, holt tief Luft – und dann dringen Töne aus seiner Kehle, die mit nichts auf dieser Welt vergleichbar sind: Schauriger als das Heulen von Wölfen.

Durchdringender als das Kreischen einer Motorsäge.

Grässlicher als das Kratzen von Kreide auf Schiefer.

Unvorstellbar.

Unerträglich.

Grauenerregend.

Max weiß, wann er besiegt ist.

Entsetzt hält er sich die Ohren zu, stürmt Richtung Bett, zieht sich die Decke über den Kopf.

Und schläft auf der Stelle ein.

Erschöpft sinkt das Schlafmonster neben dem Bett zu Boden.

Morgen wird es bestimmt heiser sein.

Und das bedeutet: Der morgige Abend wird noch schrecklicher sein als der heutige.

Es sei denn – ja, genau!

Es sei denn, es gelingt ihm, einen Verbündeten zu finden!

Einen müden Hasen zum Beispiel, der vor dem Einschlafen dringend eine Geschichte braucht.

Dazu wird Max bestimmt nicht Nein sagen.

Oder?

Während das Schlafmonster so vor sich hin überlegt, fallen ihm langsam die Augen zu.

Und schon ist es eingeschlafen.

Ende der Geschichte! Schlaf schön!

Oder noch nicht genug vorgelesen?

Hier findest du weitere Geschichten.

weiterlesen

Lesezeichen hinzugefügt

Du hast für diese Geschichte auf diesem Gerät ein Lesezeichen gesetzt. Wenn du sie das nächste Mal öffnest, kannst du an der markierten Stelle fortfahren.

ok, verstanden