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Friedrich, das Faultier

„Uuuaah!" Friedrich gähnte ausgiebig und blinzelte in die Sonne. Er streckte die Beine und drückte den Rücken durch. Dann machte er die Augen wieder zu, um weiterzuschlafen.

Friedrich war ein Faultier, und Faultiere schlafen nicht nur nachts, sondern auch fast den ganzen Tag.

Er atmete ruhig ein und aus. Ein und aus. Doch ein Sonnenstrahl kitzelte ihn an der Nase. Und dann breitete sich in seinen sechs Fingern ein Kribbeln aus. Friedrich öffnete erst das eine, dann das andere Auge und war auf einmal hellwach.

Er schaute sich um. Neben ihm im Baum hing seine Mutter. Vorsichtig berührte er ihr goldenes Fell, das einen grünlichen Schimmer hatte.

„Mir ist langweilig“, sagte Friedrich leise.

Aber alles, was er hörte, war ein lautes Schnarchen.

Er rupfte ein paar Blätter vom Baum und schob sie sich in den Mund. In den Bäumen ringsum waren andere Faultiere zu sehen. Seine Geschwister und sein Papa. Ihre gebogenen Klauen hingen wie Kleiderbügel in den Ästen.

Friedrich kaute. Die Blätter schmeckten nach wenig. Er schluckte sie herunter und griff wieder ins Laub.

Doch dann hielt er inne, spannte seinen Körper an und schwang sich mit seinen langen Armen von einem Ast zum nächsten.

Er war deutlich zu erkennen, denn sein Fell hatte keine grüne Färbung. Friedrich bewegte sich viel. So viel, dass die Algen sich nicht ungestört in seinem Fell ausbreiten konnten wie bei den anderen Faultieren. Sein Fell glänzte golden in der Sonne.

„Dich sieht ja jeder gleich“, gab seine Mutter manchmal zu bedenken.

Friedrich störte das nicht. Er war schon immer anders gewesen als seine Geschwister.

Nach zehn Stunden war er ausgeschlafen. Er wollte sich bewegen. Er wollte was erleben. Kurzum, er war nicht faul.

Manchmal glaubte seine Mutter, sie hätte ihr Junges nach der Geburt mit dem eines Gibbons vertauscht. Sie traute ihren Augen nämlich nicht, wenn Friedrich sich behände von Ast zu Ast schwang.

„Mal gucken, was die Affen so machen“, sagte sich Friedrich jetzt und entfernte sich immer weiter von seiner schlafenden Familie.

Da, er hörte schon die lauten Schreie der Affen! Bei Gustav und Gabriel war immer was los. Wie die Faultiere lebten auch sie in den Bäumen, aber sie schliefen nur halb so viel und spielten die meiste Zeit.

Zack, Gabriel sauste vor ihm durch die Luft! „Hallo, Friedrich!“, rief er noch, aber da war er auch schon wieder verschwunden.

Auch wenn Friedrichs Mutter immer wieder behauptete, er sei mehr ein Gibbon als ein Faultier, so schnell wie Gustav und Gabriel war er nie im Leben.

Ihre Arme waren zwar fast so lang wie seine, aber die beiden flogen mehrere Meter durch die Luft, wenn sie sich von einem Ast zum nächsten schwangen.

„Komm, es gibt gleich Frühstück“, rief Gustav von irgendwo her. Friedrich lief sofort das Wasser im Mund zusammen, und er legte noch einen Zahn zu. Aber als er den Futterplatz der Gibbonfamilie erreichte, waren die vier Kinder und ihre Eltern schon beim Essen.

Mama Greta drückte ihm eine reife Kaki in die Klauen, und Friedrich biss sofort hinein. Mmmh, war das lecker, und so süß! Bei ihm gab es fast immer nur furchtbar langweilig schmeckende Blätter, wie sollte man denn davon satt werden!

Zack, plötzlich schnappte ihm Gabriel die Kaki weg und sprang damit auf einen Baum.

„Lass das, Gabriel, und komm zurück“, schimpfte Mama Greta. Aber schon sprang auch Gustav auf und schwang sich die Äste hoch. Freudig kreischend warfen sich Gustav und Gabriel die Kaki zu und lachten laut.

„Los, hol sie dir doch, Friedrich!“, riefen sie.

Mama Greta schüttelte den Kopf, griff nach einer Papaya und reichte sie Friedrich. „Mach dir nichts draus", sagte sie, „hier ist es doch viel gemütlicher!“

Friedrich aß die Papaya, die fast noch besser schmeckte als die Kaki, und spielte ein bisschen mit Gabriels und Gustavs kleinen Schwestern. Die waren noch nicht ganz so schnell wie ihre Brüder.

Nach kurzer Zeit wurde es Gustav und Gabriel langweilig, und sie kehrten zum Futterplatz zurück. „Wollen wir Fangen spielen?“, fragte Gustav das Faultier.

„Ihr könnt mal schauen, ob die Früchte des Mangobaums am Fluss schon reif sind", schlug Mama Greta vor. „Dann macht ihr wenigstens mal was Nützliches. Und nehmt Rücksicht auf Friedrich. Ihr wisst ja, dass er für ein Faultier ganz schön schnell ist, aber eben doch nicht so flink wie ein Affe.“

Gabriel und Gustav verdrehten die Augen. Gustav sagte schnell: „Alles klar, Mama, Auftrag wird erledigt.“ Friedrichs Augen leuchteten.

„Los geht’s!“, rief Gabriel. Und zack!, waren sie in den Bäumen.

„Passt auf, dass ihr nicht ins Wasser fallt“, rief Mama Greta ihnen noch hinterher, doch da schwangen sie sich schon von Ast zu Ast.

„Da lang!“, rief Gustav und übernahm die Führung.

Friedrich war glücklich. Er musste sich zwar sehr anstrengen, um mitzuhalten. Aber das Gefühl, das er im Bauch hatte, wenn er durch die Luft flog, war unglaublich und gab ihm gleich noch dreimal so viel Energie.

Trotzdem wurde er nach einiger Zeit etwas müde. „Sind wir bald da?“, rief er Gustav zu.

„Kannst du nicht mehr?“, neckte ihn der.

Doch da sah Friedrich bereits zwischen den Blättern das Blau des Flusses durchblitzen. Hier war er noch nie gewesen. Wie aufregend!

Als er Gustav und Gabriel erreichte, saßen die auf einem breiten Ast, der ein Stück über das Ufer des Flusses hinausragte. Unter ihnen glitzerte das Wasser in der Sonne.

„Wie schön das ist", staunte Friedrich. „Ich habe noch nie so viel Wasser gesehen! Und wo ist der Mangobaum?“

Gustav streckte einen seiner langen Arme aus und zeigte hinüber zur anderen Seite des Flusses. „Da!“

Friedrich schluckte. „Und wie sollen wir da hinkommen?“

„Da vorne gibt es eine Stelle, wo sich die Bäume von beiden Seiten fast berühren. Man muss nur ein paar Meter durch die Luft fliegen", erklärte Gabriel.

„Ein paar Meter?“ Ein komisches Gefühl machte sich in Friedrichs Bauch breit.

„Willst du lieber hierbleiben?“, fragte Gustav. „Ist vielleicht besser.“

Friedrich nahm allen Mut zusammen. „Nein, ich komme mit.“

„Fall bloß nicht rein", warnte Gabriel. „Wir können nämlich nicht schwimmen.“

Gustav schwang sich als Erster zum benachbarten Baum und dann noch einen Baum weiter am Ufer entlang. Gabriel und Friedrich folgten ihm. Tatsächlich, hier standen die Bäume sehr nah am Ufer. Aber ein paar Meter lagen zwischen den belaubten Ästen. Und eine Menge Wasser.

Zack!, schwang sich Gustav hinüber. Er landete sicher auf einem Ast des gegenüberliegenden Baumes und winkte Gabriel und Friedrich zu.

„Jetzt ich“, sagte Gabriel, streckte die langen Arme und schwang in einem hohen Bogen durch die Luft – Plumps!

Auf der anderen Seite schrie Gustav auf. Friedrich war für einen Moment starr vor Schreck.

Dann begann es in seinem Kopf zu rattern. Seine Mutter hatte mal gesagt, dass Faultiere gute Schwimmer seien. Aber dass der Fluss leider zu weit weg sei, um es auszuprobieren. Deshalb war er noch nie da gewesen.

Gabriel tauchte zwar kurz auf, sein Kopf verschwand aber wieder unter der Wasseroberfläche. Friedrich hatte keine Wahl. Mit seinen Klauen hängte er sich an den Ast, nahm Schwung und ließ sich ebenfalls ins Wasser plumpsen.

Es war kalt. Und nass. Aber es fühlte sich herrlich an. Friedrich hatte sich noch nie so wach gefühlt. Er breitete die Arme aus und schwamm. Es funktionierte tatsächlich.

An der Stelle, wo er Gabriel als Letztes gesehen hatte, tauchte er hinab. Er bekam etwas zu fassen, umklammerte es mit seinen Klauen und nutzte jetzt seine Hinterbeine. Mit kräftigen Schwimmstößen erreichte er das Ufer, an dem Gustav bereits ängstlich kauerte.

„Zieh ihn raus!“, rief Friedrich.

Gabriels Fell hatte sich vollgesogen, und er war unglaublich schwer. Gemeinsam schafften sie es irgendwie, ihn aus dem Wasser zu hieven. Japsend erholte sich Gabriel von dem Schock.

„Danke, dass du mich gerettet hast", sagte Gabriel schließlich. „Wieso … wieso kannst du schwimmen?“

Friedrich schüttelte sich, denn auch sein Fell war tropfnass. „Meine Mutter hat mir mal erzählt, dass Faultiere an sich gute Schwimmer sind. Aber wir waren nie am Fluss, da meine Mutter meinte, wir bräuchten Ewigkeiten bis dahin."

„Das heißt, du warst heute zum ersten Mal im Wasser?“, fragte Gustav ungläubig.

Friedrich nickte. „Wo ist jetzt der Mangobaum?", fragte er schnell. „Ich habe einen Bärenhunger. Hoffentlich sind die Früchte reif.“

„Da lang“, sagte Gustav, ohne den Arm zu heben.

Diesmal übernahm Friedrich die Führung. Es war auch gar nicht mehr weit. Von Ast zu Ast schwingend, erreichten sie den Mangobaum, in dem unzählige große Früchte hingen. Es duftete herrlich.

„Sie sind reif!“, rief Gustav und reichte Friedrich eine Frucht.

Friedrich biss in das köstlich süße Fruchtfleisch. Er schmatzte genüsslich, während er an einem dicken Ast hing und sein goldenes Fell in der Sonne trocknen ließ.

Heute hatte er so viel erlebt wie andere Faultiere in ihrem ganzen Leben. Aber jetzt wollte er einfach nur mal faul sein.

Ende der Geschichte! Hab einen spannenden Tag!

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