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Frechdachse küsst man nicht

Eine Geschichte von Lucy Astner illustriert von Julian Meyer, erschienen im Esslinger Verlag.

Kalle Körnchen und sein Frechdachs Flick waren heute Abend schon sehr fleißig! Hunderte Traumblasen haben sie den müden Kindern gebracht, viele Ladungen Schlafsand haben sie heimlich verstreut.

Jetzt landen sie mit ihrem Ballon auf dem Dach eines roten Backsteinhauses. Obwohl es schon recht spät ist, brennt in allen Fenstern noch Licht. Während Kalle das Traummobil am Schornstein festbindet und einen Korb mit Traumblasen und Sand packt, lauscht Flick bereits neugierig am Kamin.

„Hi-Ha-Hoppla, da drinnen herrscht ja noch ganz schöner Budenzauber!"

Vorsichtig rutschen Kalle und der Frechdachs die Regenrinne hinunter. Dabei kann Kalle einen Blick durch die Fenster werfen.

An Schlaf ist in diesem Haus noch lange nicht zu denken. Zwei Schulkinder wälzen sich müde in ihren Betten hin und her, ihr Vater schüttelt hilflos eine Milchflasche in der Küche, und die Mutter geht ruhelos im Wohnzimmer auf und ab. Warum die Familie kein Auge zutut, ist Kalle schnell klar: Die Mutter trägt ein Baby auf dem Arm – und das schreit und schreit und schreit!

„Die haben ja Augenringe bis zu den Mundwinkeln", stellt Flick fest. „Wenn du mich fragst, haben die schon länger nicht mehr richtig geschlafen.“

Kalle nickt und seufzt. „Sieht ganz so aus, ja. Und wenn das Baby nicht bald aufhört zu weinen, müssen wir noch ewig warten, bis wir den anderen etwas Schlafsand verpassen können …"

Diese Vorstellung gefällt dem kleinen Ersatzsandmann gar nicht, er ist nämlich selbst schon mächtig schläfrig.

„Guck mal!", ruft Flick plötzlich. „Die Mama bringt das Baby ins Schlafzimmer.“

Tatsächlich legt die müde Mutter ihr schreiendes Bündel kurz in das Babybett und eilt in die Küche, um ihrem Mann mit der Milch zu helfen.

„Das ist unsere Chance!“, erkennt Kalle und klettert mit Flick durch einen Fensterspalt. Ungesehen huschen sie ins dunkle Schlafzimmer.

Das Baby ist ein kleines Mädchen. Im Gitterbett schreit es immer noch so laut, dass Flick sich verzweifelt die Ohren zuhält. Da kommt Kalle plötzlich ein Gedanke. Er tippt dem Frechdachs an die Schulter.

„Kannst du versuchen, das Baby abzulenken, damit es ein paar Minuten aufhört zu schreien?"

„Ich?!" Flick blickt seinen Freund empört an. „Wieso ausgerechnet ich? Du kannst den kleinen Schreihals doch auch ablenken!“

„Ich brauche ein paar Augenblicke Ruhe, um den großen Kindern schnell etwas Schlafsand und einen Traum zu bringen", erklärt Kalle. „Und außerdem bin ich bei Weitem nicht so niedlich wie du!“ Mit großen Augen blinzelt er den Frechdachs an.

Flick räuspert sich und streicht sich geschmeichelt seinen Haarschopf zurecht. „Na ja, ich bin tatsächlich deutlich niedlicher als du … Mein Fell ist so schön weich – und ich habe diese süße kleine Nasenspitze!"

„Ganz genau!“, grinst Kalle und schiebt Flick an das Babybett heran. Kaum hat der Frechdachs über die Bettkante geblinzelt, verstummt das Baby. Neugierig blickt es Flick an und brabbelt: „Dada!“

Flick hält die Luft an und strahlt. „Hast du das gehört, Kalle? Das Bi-Ba-Baby hat ›Frechdachs‹ gesagt!"

Kalle runzelt die Stirn. „Es hat ›Dada‹ gesagt …“

Flick verdreht die Augen. „Und das heißt so viel wie ›Frechdachs‹, das weiß doch jedes Kind!"

In diesem Moment packt das Babymädchen zu und zieht Flick ins Bett hinein. Der kleine Frechdachs quiekt erschrocken auf und versucht zu entkommen, aber es hilft nichts! Das Baby hat ihn fest im Griff.

„Hey, aufhören!", schimpft Flick, während ihm das kleine Mädchen die Lippen auf die Nase drückt. „Frechdachse küsst man nicht!“

Kalle Körnchen kichert und schleicht leise aus dem Zimmer. Er wirft einen kurzen Blick in die Küche und sieht, wie der Vater erschöpft seinen Arm um die Mutter legt. Die lässt sich auf einen Küchenstuhl sinken und stellt erleichtert fest: „Es scheint, als wäre die Kleine eingeschlafen …“

Das ist Kalles Chance! Schnell huscht er ins Kinderzimmer. Die beiden großen Geschwister reiben sich müde die Augen. Kalle greift in sein Säckchen und pustet ihnen heimlich ein paar Körnchen Schlafsand zu. Er schafft es nicht einmal, bis drei zu zählen, da schlummern die beiden schon tief und fest. Kalle holt zwei besonders schöne Traumblasen aus seinem Korb und schenkt sie den beiden Kindern.

„Weil ihr den ganzen Abend so tapfer wart“, flüstert er und schleicht dann zurück in die Küche. Dort hat sich mittlerweile auch der müde Vater an den Küchentisch gesetzt. Die Mutter legt ihren Kopf an seine Schulter und seufzt erschöpft. Da kommt Kalle eine Idee. Unbemerkt klettert er auf den Küchenschrank und lässt etwas Schlafsand hinunter auf den Tisch rieseln. Kurz danach hört er ein leises und ein etwas lauteres Schnarchen …

Zufrieden tapst er zurück ins Schlafzimmer. Dort hat das Babymädchen den Frechdachs noch immer fest im Griff.

„Ri-ra-rette mich, Kalle!“, japst Flick und streckt die Pfote nach dem kleinen Traumwichtel aus.

„Dada!“, gluckst das Baby wieder und vergräbt seine Nase im Dachsfell.

Kalle kichert und beugt sich über den Rand des Bettes. „Du musst jetzt stillhalten", zischt er Flick zu. „Sonst erwische ich nicht das Baby mit dem Schlafsand, sondern dich. Und dann musst du wohl oder übel noch ein paar Tage hierbleiben …“

„Auf gar keinen Fall!“, stöhnt Flick und hält so still wie noch nie in seinem wilden Frechdachsleben.

Behutsam lässt Kalle ein paar Körnchen Sand in die Äuglein des Babys rieseln. Dann endlich löst sich der Griff um Flick und das kleine Mädchen sinkt in einen friedlichen Schlaf.

Als Kalle und Flick wieder in den Korb ihres Traummobils klettern, schüttelt sich der Frechdachs. „Die Kleine hat auf meinen Puschelschwanz gesabbert! Und schau mal hier: Ist das etwa ein Milchfleck auf meinem Flicken?!"

Kalle grinst und legt dem Frechdachs anerkennend eine Hand auf die Schulter. „Für deinen Einsatz hast du wirklich einen Orden verdient! Ohne dich würde die Familie immer noch nicht schlafen!"

Flick denkt einen Moment nach und streckt dann stolz die Brust raus. „Du hast recht. Genau genommen bin ich so was wie ein Superheld."

Kalle wirft die Propeller an. „Du bist ein Superheld – und noch dazu ein super Babysitter!" Kichernd verschwinden die beiden Freunde in den Nachthimmel.

Und wer weiß: Vielleicht blinzelt heute Nacht ja auch ein Frechdachs über deine Bettkante …?

Ende der Geschichte! Schlaf schön!

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