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Ein Bett im Heu

Lisa und Michael freuen sich. Sie dürfen für eine Woche zu ihren Großeltern fahren!

Lisa packt ihren kleinen Koffer. Was muss alles mit?

Natürlich ihr Prinzessinnen-Nachthemd. Und Schwurps, ihr Plüsch-Nilpferd. Ein Bilderbuch zum Anschauen, falls es bei Oma und Opa langweilig wird – was Lisa sich nicht vorstellen kann. Denn ihre Großeltern haben einen Bauernhof und ganz viele Tiere.

Mit dem Auto sind es fast zwei Stunden bis dorthin. Papa schimpft, weil so viel Verkehr ist. Aber schließlich sind sie da.

Oma und Opa warten schon an der Haustür.

„Schön, dass ihr uns wieder einmal besucht!“ Oma Anna umarmt Lisa. Sie riecht nach frisch gebackenem Kuchen, und ihre Schürze ist voller Mehl.

Opa Rolf zwinkert den Kindern zu. „In der Scheune wartet eine Überraschung auf euch."

Lisa und Michael können es kaum erwarten, die Überraschung zu sehen. Sie ziehen ungeduldig an Opas Arm. In der Scheune ist es ein bisschen dämmrig. Und es riecht so gut nach Heu.

Opa Rolf führt die Kinder zu einem flachen Korb, der in einer Ecke steht. Darin liegen lauter kleine Kätzchen.

„Sie sind erst ein paar Tage alt", flüstert Opa. „Heute Morgen haben sie die Augen aufgemacht.“

„Wie süß!“ Lisa kniet sich hin und streichelt ein Kätzchen nach dem anderen. Es sind sechs Stück. Mia, die Katzenmutter, achtet darauf, dass den Kätzchen nichts passiert. Aber Lisa geht ganz vorsichtig mit den Kleinen um. Sie zeigt auch Michael, dass er die Kätzchen nur ganz sanft streicheln darf.

„Kann ich ein Kätzchen haben?“, bettelt Lisa. Sie schaut Mama und Papa bittend an. „Nur eins …“

„In unserer Wohnung ist kein Platz", sagt Papa gleich. „Es kann in meinem Zimmer wohnen“, sagt Lisa. „Ach bitte, Papa!"

„Darüber reden wir ein anderes Mal", antwortet Mama. „Die Kätzchen sind sowieso noch zu klein. In den ersten sechs Wochen müssen sie bei ihrer Mutter bleiben, das ist ganz wichtig.“

„Jetzt gibt es erst einmal Saft und Kuchen", sagt Oma. „Bei dem schönen Wetter können wir uns auf die Terrasse setzen.“

Auf der Terrasse steht eine große Holzbank. Von dort kann man weit über die Felder sehen. Lisa sieht eine Weide mit Kühen. Und links davon ist ein Feld mit lauter Sonnenblumen. „Hier ist es so schön", seufzt Lisa. „Der schönste Platz der Welt.“

„Und das ist der beste Kuchen der Welt“, sagt Michael, als Oma den Apfelkuchen bringt. Dazu gibt es Schlagsahne.

Die Katzenmama Mia schleicht heran. Sie will auch einen Klacks Schlagsahne haben. Michael würde ihr am liebsten gleich die ganze Sahneschüssel geben.

„Das geht nicht, davon bekommt Mia Bauchweh“, sagt Oma. „Außerdem ist die Sahne für den Kuchen.“

Nach dem Kuchenessen gehen Opa Rolf und die Kinder auf dem Bauernhof umher. Die Kuh Katrin hat ein Kälbchen bekommen. Wurzel, der Hofhund, humpelt ein bisschen, weil er schon so alt ist. Oma verrät, dass er nicht mehr in der Hundehütte schläft, sondern nachts ins Haus darf. „Dort ist es wärmer, das ist gut für seine alten Knochen“, erklärt sie mit einem Augenzwinkern.

Der Tag vergeht wie im Flug. Es wird Abend, und Mama und Papa wollen eigentlich zurück in die Stadt fahren.

„Bleibt doch noch über Nacht hier", bittet Oma. „Dann können wir morgen alle zusammen frühstücken.“ „Aber wo sollen wir schlafen?", fragt Papa. „Das Gästezimmer ist doch nur groß genug für zwei Personen.“

„Das kriegen wir schon hin", sagt Opa. „Lisa und Michael können in der Scheune im Heu schlafen.“ „Oh ja, wirklich?" Lisa ist begeistert. Im Heu schlafen – das hört sich spannend an. „Bitte, Papa, Mama, dürfen wir?“

Mama runzelt die Stirn und schaut Papa an. Papa hebt die Schultern. „Ist Michael nicht noch ein bisschen zu klein dafür?“, fragt Mama.

„Ich bin nicht mehr klein, ich bin schon vier!", ruft Michael. „Und wenn Lisa im Heu schlafen darf, dann will ich das auch. Sonst ist es gemein.“ Er verzieht das Gesicht. Seine großen blauen Augen füllen sich mit Tränen. Mama zieht Michael auf ihren Schoß.

„Nicht weinen, du darfst ja im Heu schlafen", tröstet sie ihn. Michael strahlt. Er kann es gar nicht mehr abwarten, ins Bett zu gehen.

Oma holt Decken, Kissen und zwei Taschenlampen. Sie trägt alles zur Scheune. Lisa und Michael folgen ihr, als sie die Holzleiter zum Heuboden hochsteigt. Sie dürfen sich den schönsten Platz aussuchen. „Hier soll unser Bett sein.“ Lisa deutet auf die Stelle, wo das Heu am höchsten ist.

Sie hilft Oma, die Decken auszubreiten. Das wird ein richtig kuscheliges Lager. Lisa und Michael probieren es aus und sind sehr zufrieden. Am liebsten würden sie gleich liegen bleiben.

„Nichts da, erst waschen und Zähne putzen“, sagt Oma. „Und umziehen müsst ihr euch auch.“

Aber eine halbe Stunde später ist es so weit. Lisa und Michael liegen mit ihren Trainingsanzügen im Heu. Auf ihr Prinzessinnen-Nachthemd hat Lisa heute verzichtet. Das ist zu fein und zu dünn für eine Nacht in der Scheune.

„Gute Nacht!“, rufen Oma, Opa, Mama und Papa von unten. „Gute Nacht!“, antworten Lisa und Michael.

Sie hören, wie die anderen hinausgehen. Dann ist es still. Oder doch nicht?

Ab und zu knackt ein Holzbalken. Durch die Ritzen zwischen den Dachziegeln schimmert das Mondlicht. In der Ferne ruft eine Eule. Michael tastet nach Lisas Hand.

„Hast du Angst?“, fragt Lisa leise. „Nein“, antwortet Michael. Aber er kuschelt sich lieber noch etwas enger an seine Schwester. Auf der anderen Seite liegt Schwurps, das Nilpferd.

Michael ist im Nu eingeschlafen, während Lisa noch eine Weile wach liegt. Manchmal glaubt sie, dass etwas raschelt. Ob Mäuse auf dem Heuboden leben? Lisa zieht die Decke ein bisschen höher. Sie hört, wie Hektor kräht, der Hahn. Er ist schon alt und hat sich in der Zeit vertan. Lisa muss lächeln.

Sie stellt sich vor, wie es wäre, für immer auf dem Bauernhof zu leben. Jeden Tag die Tiere versorgen – das wäre schön!

Lisa merkt gar nicht, wie ihr die Augen zufallen. Sie wird erst wach, als ihr Bruder sie an der Schulter rüttelt. „Aufstehen, Lisa! Wir wollen doch die Hühnereier suchen!" Michael zieht und zerrt an Lisas Hand, bis sie aufsteht.

Es ist noch ganz früh, als Lisa und Michael die Leiter hinunterklettern. Lisa schaut nach den Kätzchen. Die Kleinen sind schon wach. Sie krabbeln in ihrem Korb umher und purzeln übereinander. Lisa nimmt ein Kätzchen auf ihren Schoß und streichelt es.

Michael wartet ungeduldig. „Die Eier, Lisa!“

Lisa seufzt und setzt das Kätzchen zurück in den Korb. Sofort kriecht es zu Mia, um zu trinken. Lisa würde gerne noch weiter die Kätzchen streicheln, aber Michael zieht sie aus der Scheune.

Sie gehen zum Hühnerstall. Der Hahn Hektor stolziert schon im Auslauf umher. Als er Lisa und Michael sieht, plustert er sich auf und kräht. „Schon gut, mach dich nicht so wichtig“, sagt Lisa.

Sie öffnet den Hühnerstall. Die Hühner sitzen auf der Stange, dick und rund. Michael schaut neugierig in das Nest aus Stroh. Er zählt die Eier, die darin liegen, denn bis zehn kann er schon zählen.

„Fünf Eier, Lisa! Fünf Stück!", ruft er freudig. „Es sind nur drei richtige“, sagt Lisa, die genau hingesehen hat. „Die beiden anderen sind aus Gips. Die kann man nicht essen. Du musst sie liegen lassen, sonst legen die Hühner keine Eier mehr."

Vorsichtig nehmen Lisa und Michael die Eier aus dem Nest und tragen sie über den Hof in die Küche.

Oma ist schon aufgestanden. Sie hat noch ihr Nachthemd an, aber in der Küche riecht es bereits nach frischem Kaffee.

Oma mahlt den Kaffee noch mit der Hand, ganz altmodisch, mit einer Kaffeemühle. Lisa darf auch einmal an der Kurbel drehen. Puh, das ist ganz schön schwer!

Eine halbe Stunde später ist der Frühstückstisch gedeckt. Opa kommt ein bisschen später, er muss die Kühe melken. Auch Papa und Mama schlafen länger. Sie sind die Letzten, die aufstehen.

„Wir haben schon fast alles aufgegessen“, ruft Lisa ihren Eltern zu.

„Und? Wie war die Nacht im Heu?", will Mama wissen. Sie gibt Lisa einen Kuss und zieht ein paar Halme aus ihren Haaren. „Ganz super!“, sagt Lisa. Michael nickt. „Ich will für immer bei Oma und Opa bleiben, und bei den Hühnern und Kätzchen."

„Und was ist dann mit deinen Freunden im Kindergarten?", meint Mama. „Die würden dich schrecklich vermissen. Und du musst ihnen doch erzählen, dass ihr im Heu geschlafen habt.“

„Na gut", sagt Michael. „Dann fahr ich eben wieder zurück.“ „Aber erst in einer Woche“, sagt Lisa.

Und eine ganze Woche ist ziemlich lang – zum Glück!

Ende der Geschichte! Schlaf schön!

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