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Der Verkleidungstag

Papa hatte Emma vor dem Einschlafen eine Geschichte von einer schwarzen Katze vorgelesen. Nachts hatte Emma davon geträumt. Im Traum war sie die schwarze Katze und war auf die höchsten Äste eines Baumes geklettert. Sie hatte sogar eine Maus gefangen und sie Mama vor die Füße gelegt. „Iiiih!“, hatte Mama geschrien. Emma kichert. Es war lustig gewesen, eine Katze zu sein. Auch wenn es nur ein Traum war.

Nachmittags bekommt Emma Besuch von ihrer besten Freundin Karlotta.

„Was wollen wir machen?“, fragt Emma, als sie in ihrem Zimmer sind. „Vater, Mutter, Kind spielen?“

„Nö“, sagt Karlotta. „Wir spielen Verkleiden.“ Das will Karlotta immer, wenn sie bei Emma ist. Emma hat nämlich einen großen, alten Lederkoffer, auf dem sind viele bunte Aufkleber. Und darin sind alte Kleider, Hemden, Schuhe, Ketten, Mützen, Schals und Tücher und noch viel mehr Sachen, die man gut zum Verkleiden gebrauchen kann.

Karlotta zieht sich ein langes Kleid über, das sie beim Gehen hochhalten muss, wenn sie nicht über den Saum stolpern will. „Ich bin eine feine Dame“, sagt sie. „Und was bist du?“

„Ich bin eine Katze“, sagt Emma. Aber das stimmt gar nicht. Denn Emma sieht aus wie Emma, in ihrer Strumpfhose, den Stoppersocken und dem Pulli. Wenn sie eine Katze sein will, braucht sie ja wohl noch einen Katzenschwanz, Katzenohren und Katzenschnurrhaare. Aber in ihrem Koffer findet sie nichts, was sie verwandeln könnte.

Da geht Emma zu ihrer Mama. Mama ist in ihrem Arbeitszimmer und korrigiert die Hefte ihrer Schüler. Emmas Mama ist nämlich Lehrerin.

„Eine Katze willst du sein?“, wiederholt Mama und sieht von ihren Heften auf. „Was brauchst du denn dafür?“

„Einen Katzenschwanz, Katzenohren und Katzenschnurrhaare“, antwortet Emma. „Hast du so was?“

„Hm, lass mich mal überlegen.“ Mama steht von ihrem Bürostuhl auf. „Komm doch mal mit.“

Im Flur steht die Kommode, in der alle Mützen und Schals aufbewahrt werden. Mama öffnet die Schublade und sucht so lange, bis sie eine pechschwarze Mütze für Emma gefunden hat. Dann durchstöbert sie ihre Stoffreste nach einem Stück Fell. Und im Verkleidungskoffer findet sie einen schwarzen Schal. Den rollt Mama so auf, dass er ganz schmal wird, und umwickelt ihn mit einem Band.

„Das ist dein Katzenschwanz“, sagt Mama zu Emma und befestigt ihn mit einer Sicherheitsnadel hinten an Emmas Strumpfhose. Aus den Fellresten schneidet sie die Katzenohren, die näht sie an die Mütze.

„Und nun zu den Schnurrhaaren“, sagt Mama. „Dazu gehen wir ins Badezimmer.“ Mama malt mit dem Kajalstift, mit dem sie sich sonst die Augen schminkt, auf Emmas Nase einen großen schwarzen Punkt. Dann zeichnet sie ihr ein paar Schnurrhaare ins Gesicht. Und tatsächlich: Jetzt sieht Emma wie eine Katze aus! Schließlich schminkt Mama auch noch die feine Dame Karlotta. Jetzt sind die Katze und die feine Dame fertig und gehen ins Kinderzimmer zum Spielen.

Etwas später kommt Mama ins Zimmer. „Mir ist leider was Dummes passiert“, sagt sie. „Ich habe vergessen, eine Dose Tomaten zu besorgen, und ich koche schon. Könnt ihr schnell losgehen und eine kaufen?“

„Wenn’s sein muss“, sagt Emma und seufzt.

„Ihr seid zwei Goldschätze“, sagt Mama und gibt Emma das Geld.

Bevor sie losgehen, schaut Emma an sich runter. „Ich habe aber keine Lust, nur wegen der dummen Tomatendose keine Katze mehr zu sein.“

„Und ich will eine feine Dame bleiben“, sagt Karlotta. „Dann gehen wir einfach los, ohne Umziehen.“

„Oh ja“, sagt Emma und kichert, das wird bestimmt lustig.

Und lustig ist es, sobald sie aus der Tür sind. Alle Leute, die sie unterwegs treffen, lachen und gucken ihnen nach. Im Laden haben sie keine Zeit, auf die Leute zu achten. Denn nun müssen sie die Tomatendose finden. Emma und Karlotta stehen vor dem Regal. „Miau“, macht Emma, der gerade eingefallen ist, dass sie ja eine Katze ist. Das hört eine Frau, die gleich im nächsten Gang bei den Marmeladen steht. »Nanu? Hat sich hier etwa ein Kätzchen verlaufen? «, sagt sie zu sich selbst.

Emma und Karlotta müssen kichern, und dann macht Karlotta wieder „Miau“.

„Na, so was“, sagt die Frau und winkt den Verkäufer herbei. „Hier muss irgendwo eine Katze sein.“

„Eine Katze?“, entgegnet der Verkäufer. „Sind Sie sicher?“

„Hier miaut es immerzu“, sagt die Frau. „Die Katze hat sich bestimmt verlaufen.“

„Miau“, macht Karlotta noch einmal, und dann müssen sich die Mädchen die Hände vor den Mund halten, um nicht laut loszuprusten. Das gibt’s doch nicht. Die Frau glaubt wirklich, dass es eine echte Katze ist, die da miaut! Selbst als Karlotta und Emma an der Kasse stehen, müssen sie noch kichern.

„Na, ihr zwei Hübschen“, sagt die Kassiererin. „Ihr habt euch aber chic gemacht. Wollt ihr einen Lolli?“

„Danke“, sagt Emma, obwohl sie findet, dass so ein Lolli Babykram ist, aber vielleicht hat die Frau auch nichts da für größere Kinder.

Da kommt der Verkäufer zur Kasse. „Du, wir müssen mal den Laden absuchen“, sagt er zu ihr. „Hier hat sich nämlich irgendwo eine Katze versteckt.“

„Nö, lass mal“, sagt die Kassiererin und lacht. „Die Katze habe ich schon gefunden. Und eine feine Dame noch dazu.“

„Ach, ihr seid das gewesen?“, fragt der Verkäufer verblüfft, als er Emma und Karlotta sieht. „Na, solche Katzen und feine Damen sind bei uns natürlich willkommen.“

Auf dem Nachhauseweg müssen Emma und Karlotta immer noch lachen. Emma hat es ja gewusst: Es ist lustig, eine Katze zu sein.

Ende der Geschichte! Hab einen spannenden Tag!

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