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Der Tiger im Garten

Paula langweilt sich. „Hier gibt es einfach nichts zu tun, Oma“, sagt sie. „Emil ist auch langweilig.“

Emil ist Paulas Giraffe. Er ist immer und überall dabei.

„Warum spielst du nicht draußen im Garten?“, schlägt Paulas Oma vor. „Ich glaube, ich habe dort heute Morgen einen Tiger gesehen.“

„Einen Tiger?“, fragt Paula. „Es gibt keinen Tiger in unserem Garten. Ich bin zu alt für solche albernen Spiele, Oma.“

„Ich bin mir aber sicher, dass ich einen gesehen habe …“, antwortet Paulas Oma.

„Und dazu noch Libellen so groß wie Vögel und Pflanzen, die dich mit einem Happen schlucken können! Und einen Eisbären, der gern angelt, obwohl er ein bisschen grimmig ist. Aber am beeindruckendsten von allen war der Tiger. Emil und du solltet wirklich einmal nachsehen … Wenn ihr mir nicht glaubt.“

„Sie macht nur Witze, Emil“, sagt Paula. „Es gibt natürlich keinen Tiger hier draußen. Hier ist nur derselbe alte langweilige Garten wie immer, mit denselben alten langweiligen Pflanzen und denselben alten …“

Wuuusch!

Etwas flitzt an Paulas Gesicht vorbei.

Es ist eine Libelle!

„Oh!“, ruft Paula.

„Also gut“, sagt Paula zu Emil, „vielleicht gibt es Libellen, die so groß sind wie Vögel, aber ich bin mir sicher, dass hier keine Pflanzen sind, die uns mit einem Happen auffressen könnten, oder ein grimmiger Eisbär und ganz bestimmt kein Tiger.“

„Komm, Emil! Lass uns nach Hause gehen.“

„Emil!“

„Na schön. Es GIBT also Libellen so groß wie Vögel, und dieser Busch dort wollte dich auf jeden Fall gerade auffressen, Emil. ABER ich sehe keinen Eisbären und hier sind nirgendwo Anzeichen für diesen Tiger.“

„Komm, Emil! Lass uns nach Hause gehen.“

„Hallo“, ruft eine tiefe, raue Stimme.

„Oh! Äh … Hallo,“ stottert Paula.

„Ich nehme an, du bist auf der Suche nach diesem Tiger, stimmt’s? Hmmm“, brummt der Eisbär. „Niemand ist jemals auf der Suche nach MIR.“

„Oh, nicht DU auch noch!“, ruft Paula. „Es gibt keinen TIGER in Omas Garten. Das ist einfach lächerlich. Tiger leben im Dschungel. Nicht im Garten. Und auch wenn es hier Libellen gibt, die so groß sind wie Vögel, und Pflanzen, die uns fressen wollen, und du ein ziemlich grimmiger Eisbär bist, gibt es sicher, ganz bestimmt, hundertprozentig keinen …

Tiger.“

„Hmmm“, sagt Paula.

„Hallo“, sagt der Tiger.

„Ähm … Tiger leben nicht in Gärten“, sagt Paula. „Bist du echt?“

„Ich weiß es nicht“, antwortet der Tiger. „Bist du echt?“

Paula denkt lange über diese Frage nach.

„Ich weiß es nicht“, sagt sie schließlich. „Woran erkennt man, dass man echt ist?“

„Ich bin mir nicht sicher, ob man das kann“, meint der Tiger.

„Ich habe eine Idee“, sagt er dann. „Wenn du an mich glaubst, dann werde ich vielleicht echt.“

„Und wenn du an mich glaubst“, sagt Paula, „dann werde ich vielleicht auch echt!“

„Abgemacht?“, fragt der Tiger.

„Abgemacht“, antwortet Paula.

„Komm mit“, meint der Tiger. „Ich bring dich nach Hause.“

Und so reiten Paula und Emil auf dem Rücken des Tigers zurück. Sie unterhalten sich über das Frühstück, über kunterbunte Libellen und den grimmigen Eisbären.

Er ist wirklich unglaublich freundlich, für einen Tiger.

„Kann ich dich noch mal besuchen kommen?“, fragt Paula, als sie an Omas Haus ankommen.

„Natürlich“, sagt der Tiger. „Wann immer du es dir wünschst, werde ich hier sein.“

„Da ist wirklich ein Tiger im Garten, oder?“, fragt Paula ihre Oma.

„Ich weiß es nicht genau“, antwortet Oma. „Vielleicht ist es auch nur eine große rote Katze. Manchmal ist das schwer zu sagen.“

„Nein“, sagt Paula, „es ist sicher, ganz bestimmt, hundertprozentig ein Tiger. Und weißt du was?“

„Was?“, fragt Oma.

„Da ist eine Meerjungfrau in der Badewanne.“

Ende der Geschichte! Hab einen spannenden Tag!

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