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Der tapfere Ritter Ohnemut

Eine Geschichte von Sandra Grimm illustriert von Stephan Pricken, erschienen im Ravensburger Verlag.

Huch! Josef sitzt mit seinem Vater auf einer alten Schatzkiste mitten in der gruseligen Rüstungskammer.

An den Wänden hängen schaurige Dinge: Ketten, Masken und Eisengürtel. Aber auch Rüstungen und Schwerter entdeckt Josef. Es ist dunkel und riecht komisch.

„Wie es hier muffelt!“, sagt Ritter Kühnrich und reibt sich die Nase. „Ich war schon lange nicht mehr hier unten.“

Josef sieht sich staunend um. „Aber brauchst du denn deine Schwerter gar nicht?“, fragt er verwundert. Sein Papa ist doch ein Ritter!

„Nein, es ist Frieden im Land. Und die Drachen sind auch alle gezähmt“, brummt der Ritter. „Keine großen Aufgaben mehr für einen Ritter. Ja, früher, da war es anders …“

Josef zupft aufgeregt an der Hose seines Vaters. „Erzähl bitte“, bettelt er.

Da beginnt Ritter Kühnrich zu erzählen …

Als ich ein junger Mann war, lernte ich als Knappe bei meinem Onkel Ritter Wohlgemut, was ein Ritter alles können muss.

Aber mir war oft so langweilig! Immer nur Pferde striegeln, Rüstungen polieren und dem Ritter dienen. Nie passierte irgendetwas. Ich wollte Abenteuer erleben!

Da kam eines Tages der Knappe Bert vom Königsschloss durchs Tor geritten. Ich mochte ihn nicht besonders, weil er immer damit angab, schon mal einen Drachen verjagt zu haben. Und jetzt schrie Bert aufgeregt herum: „Prinzessin Janne, die Tochter meines Herrn, ist von einem wilden Drachen entführt worden!“

Das war meine Chance. „Aus dem Weg!“, schrie ich.

Mit Schwung sprang ich auf das Pferd meines Ritters. Zum Glück hatte ich zum Üben gerade eine alte Rüstung von Ritter Wohlgemut an. Mit seinem schwarzen Ross jagte ich zum Tor hinaus.

Draußen fiel mir ein, dass ich leider nicht gefragt hatte, wo denn der Drache die Prinzessin gefangen hielt. Aber als begabter Knappe entdeckte ich schon bald seine Spur. Natürlich war es schwierig, der Spur zu folgen, aber weil ich so schlau bin, gelang es mir natürlich sehr gut.

Überall im Wald lauerten Gefahren. Es raschelte und knackte. Am Wegesrand huschten dunkle Gestalten vorüber. Räuber, Gnome und wilde Tiere warteten hinter den Hecken. Aber ich, dein mutiger Vater, ritt einfach hindurch. Ganz langsam und gemächlich. Was hatte ich schon zu fürchten?

Plötzlich sprangen drei wilde Räuber aus ihrem Versteck. „Ergib dich!“, schrien sie. „Raus mit den Schätzen!“ Aber ich zog mein Schwert und kämpfte mit ihnen. Und im Nu hatte ich sie besiegt. Sie lagen am Boden und ich ritt von dannen.

Dann stand ich vor der riesigen Drachenhöhle. Mutig stemmte ich die Hände in die Seiten und rief: „Komm heraus, oh Drachen-Ungetier!“

Sofort kam der Drache angekrochen. Als er mich sah, erschrak er und machte sich ganz klein.

„Gib die Prinzessin heraus!“, rief ich. „Niemals“, sagte der Drache.

Er spie einen gewaltigen Feuerstrahl in die Luft, der mir sicher Angst machen sollte. Aber ich bin Ritter Kühnrich, ich fürchtete mich schon als Knappe vor nichts und niemandem! Dann drehte der Drache sich um und peitschte mit dem Schwanz durch die Luft.

Aber er hatte nicht mit einem so tapferen Ritter wie mir gerechnet. Ich schnappte mir seinen Schwanz und hielt ihn fest. Der Drache wurde böse und versuchte, sich loszureißen.

Aber gegen mich hatte er keine Chance. Ich hielt ihn mit fester Hand. Und dann schleuderte ich mein Schwert und hieb ihm damit auf den Schwanz.

Der gefährliche Drache heulte so laut auf, dass die Felswände erzitterten. Er riss sein riesiges Maul auf und brüllte: „Das wirst du büßen!“ Und dann spie er so viel Feuer, dass meine Rüstung vor Hitze glühte.

Wir kämpften miteinander. Wild ging es hin und her. Der Drache peitschte mit dem Schwanz und griff mit seinen Krallen nach mir. Aber ich entwischte ihm selbstverständlich.

Ich hieb mit dem Schwert auf ihn ein und traf ihn mehrere Male an seinem empfindlichen Hals. Lange kämpften wir, es dauerte wohl den ganzen Tag. Der Drache fürchtete sich und zitterte am ganzen Körper. Schließlich musste er aufgeben.

Leblos sank er zu Boden. So konnte ich Prinzessin Janne endlich befreien.

Prinzessin Janne war überglücklich. Sie saß vor mir auf dem Pferd und drückte mich vor Freude. Stolz ritt ich mit ihr zum Hoftor hinein.

Dort warteten bereits alle Bewohner und jubelten uns zu. Jannes Vater, der König, dankte mir und ernannte mich sofort zum Ritter. Dann fragte er, was ich für meine tapfere Rettung haben wolle.

„Ich möchte Prinzessin Janne zur Frau nehmen“, sagte ich. Die Prinzessin war einverstanden. Der König natürlich auch. Wie hätte er so einen stattlichen Ritter auch abweisen können?

Doch als wir beim gemeinsamen Mahl saßen, hörte ich jemanden rufen: „Ritter Kühnrich, ich fordere Euch zum Turnier! Wenn Ihr tatsächlich so kühn seid, wie Euer Name verspricht, so traut Euch heraus und kämpft gegen mich!“

Ich wusste sofort, dass dies kein anderer sein konnte als Knappe Bert. Sicher ärgerte er sich über meinen grandiosen Erfolg. Sofort lief ich ans Fenster, zeigte mich furchtlos meinem Gegner und rief: „Ich komme, so schnell ich kann!“

Und es wurde ein großartiges Turnier. In einem Tjost traten wir gegeneinander an. Das ist ein Wettkampf zwischen zwei Rittern in Rüstungen auf ihren wackeren Pferden.

Wir ritten stürmisch aufeinander zu, hoben unsere Lanzen und … ich stieß meinen Widersacher gekonnt vom Pferd. So hatte ich die Ehre meiner Prinzessin würdig verteidigt und das Turnier gewonnen. Die Menge jubelte mir zu. Und Prinzessin Janne gab mir den ersten Kuss.

So heiratete ich meine wunderschöne Prinzessin in unserer neuen Burg, auf der wir in Frieden leben und viele Kinder haben wollten …

„Eines dieser Kinder bist natürlich du, kleiner Josef !“

Josef lächelt. „Du warst wirklich ein tapferer Ritter, Papa“, sagt er bewundernd.

Ritter Kühnrich nickt stolz. „Du wirst gewiss ein ebenso mutiger Ritter, nicht wahr?“

Aber da schüttelt Josef lachend den Kopf: „Sicher nicht, Papa. Was du erzählt hast, ist zwar spannend. Doch ich werde lieber Bäcker.“

„Aber …“ Ritter Kühnrich kratzt sich nachdenklich den Bart. „Na ja, vielleicht ist es jetzt an der Zeit, dass gute Brötchen gebacken werden!“, sagt er lachend. Dann nimmt er seinen Sohn auf seine starken Ritterschultern.

Ende der Geschichte! Hab einen spannenden Tag!

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