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Das erschöpfte Elfenkind

Eine Geschichte von Sandra Grimm, mit Illustrationen von Julia Bierkandt, erschienen im Arena Verlag.

Fuschhhh!

Ein sanfter Windhauch wehte zur offenen Ladentür herein.

Anna Zaubermond stützte sich auf ihren Strohbesen und genoss die warme Luft auf ihrer Haut.

Sie blickte zur Tür hinaus über die Dächer der Nachbarhäuser:

Oben am Himmel schimmerte silberhell der Mond.

Dick und zufrieden hing er am dunkelblauen Himmel.

„Hübsch siehst du heute aus“, murmelte Anna und fuhr fort, den Schöne-Träume-Laden auszufegen.

Sie pfiff eine hübsche Einschlafmelodie, zu der Mauselinchen in ihrer Schürzentasche den kleinen Dirigentenstab schwang.

Die Maus piepste fröhlich im Takt, sie war eine sehr musikalische Maus!

„Was ist denn das für ein Krach?", grummelte Ticktack und nieste den Staub von seinen Zeigern.

„Hatschi! Anna, du staubst mich ein mit deiner Fegerei! Ich verstehe einfach nicht, wozu es gut sein soll, mit diesem Besendings die Luft aufzuwirbeln. Kann der Staub nicht dableiben, wo er so schön und brav herumliegt?“

Anna lachte und stupste den grummeligen Wecker absichtlich mit dem Besen an.

„He!“, beschwerte er sich.

Dann kicherte er.

Anna kraulte ihn nämlich nun am Bauch, das war seine kitzeligste Stelle!

Sie versprach: „Gleich können wir den Laden zumachen. Dann koche ich uns heißen Kakao und …“

„… und du spielst mit uns. Abgemacht!", unterbrach Ticktack sie.

Der kleine Wecker wollte gerade die Ladentür zuschubsen, als plötzlich etwas Grünes dagegenprallte und in ihren Laden rollte.

Ping ping ping ping!, machten die Türglöckchen.

Mit einem matten „Aua!“ stoppte die grüne Kugel am hölzernen Tresen.

Anna lächelte.

„Femo!", rief sie erfreut.

„Wir haben schon geschlossen“, maulte Ticktack und verschränkte die Arme.

„Aber nein, aber nein, es ist doch erst zwei Minuten VOR sechs“, berichtigte Mauselinchen und schob die viel zu große, runde Brille auf ihrer Nase ein Stückchen höher.

Das alles bekam der abendliche Gast gar nicht mit.

Femo Feinohr war ein zappeliges Elfenkind, das den ganzen Tag über wild durch die Elfenwelt sauste.

Doch kaum wurde es dunkel, schlief Femo ein, egal, wo er war.

Deshalb fragte Anna nun: „Femo, weshalb schläfst du noch nicht?“

Femo gähnte.

„Ich kann nicht", jammerte er. „Es ist einfach alles zu laut!“

Anna hob den müden Elfenjungen auf das blaue Gästesofa und deckte ihn mit einer Decke aus allerweichster Schafswolle zu.

„In diesem schönen, warmen Sommer haben alle Tiere so viele Kinder“, klagte Femo.

„Das finde ich toll, aber jetzt ist der Wald voller Wesen, die bis in die späten Abendstunden fröhlich sind. Die Grillen zirpen, die Eichhörnchen keckern, die Vögel zwitschern, die Spechte pochen – das ist zu viel für meine zarten Elfenohren! Du weißt doch, dass ich sogar höre, wenn sich morgens die Blüten öffnen.“

Erschöpft drehte er den Kopf zur Seite.

Eine kleine Blattlaus, die in seinen weichen Haaren hauste, nickte mitleidig und krabbelte ihm liebevoll durch den grünen Schopf.

Sie konnte offenbar auch nicht schlafen.

Anna Zaubermond überlegte.

„Ob ich ihn einfach hinten in eines der Schlafgemächer bringe?“, flüsterte sie.

„Was meint ihr? In das gemütliche Bienenkörbchen?“

„Im Bienenkörbchen wollte ich heute schlafen“, sagte Ticktack beleidigt.

Dann wippte er mit dem Sekundenzeiger.

„Aber eine Nacht wird es schon gehen.“

Anna schüttelte den Kopf.

„Eine Nacht ist nicht genug. Wir müssen etwas finden, das ihm jede Nacht hilft.“

„Vielleicht ein paar dicke Winter-Ohrenschützer", fiepte Mauselinchen.

Anna Zaubermond sah sie nachdenklich an.

„Du hast mich auf eine gute Idee gebracht, Mauselinchen, danke!“

Sie lief zur Tür und pfiff auf ihren schmalen Zeigefingern einen ihrer Tierlockpfiffe: „Pfuiiit!"

Es dauerte nicht lange, da hallte ein tiefes Brummen durch die Nachtluft.

Es kam näher und näher und füllte bald den ganzen Schöne-Träume-Laden aus.

„Das wird ja noch lauter", stöhnte Femo.

Da stoppte das Brummen. Eine kleine Hummel war auf dem Tresen gelandet.

„Guten Abend, Anna Zaubermond", sagte sie. „Wofür brauchst du so spät am Abend meine Hilfe?“

Anna Zaubermond strich der Hummel zart über den pelzigen Bauch.

„Du hast mir doch neulich gesagt, dass du in der Nacht oft am Bauch frierst, richtig?"

Die kleine Hummel nickte aufgeregt. „Hast du eine Lösung?“

Lächelnd nahm Anna Zaubermond die pummelige Hummel auf die Hand und brachte sie zum Sofa.

Femo öffnete schlapp die Augen.

„Hallo“, flüsterte er.

„Dreh dich bitte auf die Seite“, bat ihn Anna Zaubermond.

Femo rollte herum. Nun lag sein linkes Ohr unten auf dem flauschigen Sofakissen.

Auf sein rechtes Ohr setzte Anna Zaubermond vorsichtig die pelzige Hummel.

„Hm, ganz warm“, schwärmte die Hummel.

Femo machte erstaunt die Augen auf.

„Es ist still“, sagte er ungläubig. „Und so weich, ah, das ist guuuuut …“

Schon war er eingeschlafen. Auch die kleine Hummel schlief im Nu tief und fest.

Und sogar die winzige Blattlaus konnte Anna Zaubermond friedlich schlummern sehen.

„Das ging aber schnell“, staunte Ticktack.

Anna holte ein Döschen aus ihrer Jacke.

Mit spitzen Fingern nahm sie etwas Mondgoldstaub heraus und streute ihn behutsam über die schlafenden Gäste.

„Sachte schwebt ihr nun nach Haus, träumt recht schön, und schlaft euch aus“, wisperte sie.

Da schwebten Femo und die Hummel sanft empor und flogen durch die Tür hinaus bis in Femos Hängematte.

„Gut gemacht, Anna Zaubermond“, sagte Mauselinchen zufrieden.

„Und jetzt ist Feierabend“, bestimmte Ticktack und drückte die Ladentür fest zu.

„Kakao, wir kommen!“

Im Laden ging das Licht aus.

Und wer hinter dem Haus vorbeiging, konnte durch das Küchenfenster sehen, wie drei sehr verschiedene Gestalten fröhlich miteinander lachten und gemütlich Kakao tranken.

Ende der Geschichte! Hab einen spannenden Tag!

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