Ein Service von Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung.

Auf dem Sonnenhof ist was los (Kapitel 4-6)

Hier kommt Teil 2. Den ersten Teil findet ihr im Geschichtenregal.

Wie plötzlich etwas vom Baum gepurzelt ist

Ich habe euch ja schon kurz von Oma und Opa erzählt, könnt ihr euch erinnern? Sie wohnen zusammen mit ihrem Papagei Herrn Schubert in dem kleinen Hexenhäuschen ganz hinten am Zaun auf der großen Wiese.

Eigentlich sind Oma und Opa ja gar nicht unsere richtigen Großeltern. Aber weil wir sie so gernhaben und sie außerdem direkt neben unserem Hufeisenhaus wohnen, haben wir gedacht, es ist doch praktisch, wenn wir sie einfach so nennen.

Ach ja, und außerdem konnten wir uns ihren Nachnamen nie richtig merken, der ist nämlich schrecklich kompliziert, irgend so was wie Zwiebelturm, Zwitschermeise oder Zwetschgenbaum.

„Was machst du denn da?“, hat Timo gefragt, als Opa eines Nachmittags mit einer Leiter und einer riesigen Schere auf die große Wiese gestapft ist.

„Höchste Zeit, dass mal jemand den Apfelbäumen einen ordentlichen Schnitt verpasst!“, hat Opa geantwortet.

„Aha, also machst du ihnen auch eine neue schicke Frisur?“, hat Anna gefragt. „Wir könnten dir noch ein paar Schleifchen und Haarklammern besorgen, die kannst du in die Zweige hängen!“

Aber da hat Opa bloß gelacht, dass sein Schnurrbart auf und ab gehüpft ist, und er hat gebrummt: „Was euch immer für Spinnereien einfallen, ihr Kröten!“

Er redet ständig so knurrig mit uns Kindern, aber das macht uns nichts. Wir wissen nämlich, dass er uns in echt genauso lieb hat wie wir ihn.

Opa hat die Leiter an den ersten Apfelbaum gestellt und ist mit seiner Riesenschere hochgeklettert.

Wir Kinder haben ihm gespannt dabei zuge­sehen, wie er lauter Äste abgeschnitten hat, und Opa hat gesagt, wir sollen bloß aufpassen, dass uns nichts auf den Kopf fällt, sonst ist das Geschrei hinterher wieder groß.

„Aber bevor ihr nur in der Gegend herumsteht und Löcher in die Luft starrt, könnt ihr auch alles, was runterfällt, dahinten auf einen Haufen werfen“, hat er gemeint. „Dann kann das Holz vor sich hin trocknen und im Juni machen wir ein schönes Sonnwendfeuer!“

Die Idee fanden wir prima, und außerdem hat es sogar Spaß gemacht, die ganzen Äste zusammenzuklauben.

„He, Vorsicht, Opa!“, hat Lina da plötzlich geschrien, und wir anderen haben vor Schreck unsere Äste fallen gelassen, weil wir dachten, Opa purzelt von der Leiter.

Dabei hat Lina bloß auf unseren Gartenzwerg Wilhelm gedeutet, den wir irgendwann mal in den Apfelbaum gesetzt hatten. „Nicht dass du ihm aus Versehen seine Zipfelmütze abschneidest“, hat Lina gemeint. „Das bringt sicher Unglück!“

Ich glaube, wer Wilhelm ist, wisst ihr noch gar nicht, oder? Eigentlich ist er nämlich gar kein normaler Gartenzwerg, sondern ein Glückszwerg. Man muss ihn immer dort hinstellen, wo die Blumen, das Obst oder das Gemüse besonders gut wachsen sollen, und Wilhelm gießt dann ordentlich Glück aus seiner Glücksgießkanne drüber.

„Na!“, hat Opa gebrummt. „Mir scheint, euer Freund kippt sein Glück sowieso bloß über Löwenzahn und Brennnesseln und anderes Unkraut, das kein Mensch braucht! Dabei ist das Zeug auch so schon nicht umzubringen.“

„Aber das ist doch gut“, hat Anna da zu ihm hochgerufen. „Mama kann es nämlich jetzt haufenweise brauchen, sie kocht daraus total leckere - “

Suppe wollte sie wohl sagen, aber dazu ist sie nicht mehr gekommen.

Denn jetzt stellt euch mal vor: Zusammen mit einem Ast ist noch etwas vom Apfelbaum gefallen. Und zwar Opa!

„Woaaaah!", hat er geschrien und dann hat es wumm! gemacht und schon lag er auf der Wiese.

Alles ist so schnell gegangen, dass wir einfach nur dastehen und die Augen ganz weit aufreißen konnten.

„Opa?“, hat Anna ganz ängstlich gefragt. „Opa, bist du tot?“

„Firlefanz“, hat Opa gebrummt. „Ich habe doch gesagt, Unkraut ist nicht umzubringen!“

Mehr hat er dann aber nicht mehr gesagt, sondern nur gestöhnt und sich den Kopf gehalten.

Wir waren aber trotzdem ganz schön erleichtert, das kann ich euch sagen. Denn wer stöhnt und sich den Kopf hält, der ist ja wohl eindeutig lebendig.

Das haben wir auch Oma gesagt, als wir zu ihr gerannt sind und ihr erzählt haben, was passiert ist. Sie hat sich aber trotzdem sehr erschrocken und gleich einen Krankenwagen angerufen. Der Krankenwagen ist dann auch bald in den Hof eingebogen und hat Opa ins Krankenhaus gefahren.

„Zum Glück bist du direkt unter Wilhelm gelandet“, hat Lina gesagt, als wir Opa später besuchen durften. „Ohne die Portion Glück aus seiner Gießkanne wärst du nämlich sicherlich doch totgegangen!“

Normalerweise hätte Opa jetzt entweder laut gelacht oder gebrummt, wir Kröten sollen nicht immer so einen Unfug reden. Aber komischerweise hat er gar nichts von beidem gemacht.

Er hat einfach nur an uns vorbeigestarrt und seine Augen haben sehr müde und traurig und so gar nicht nach Opa ausgesehen.

„Du hast eine Rückenprellung und eine Gehirnerschütterung“, hat Oma ihm erklärt und seine Hand genommen. „Die Ärzte sagen, du sollst auf jeden Fall ein paar Tage hierbleiben, zur Vorsicht. In deinem Alter ist mit so etwas nicht zu spaßen.“

Aber da hat Opa nur seine Hand weggezogen und sich zur Seite gedreht, sodass er niemanden mehr anschauen musste. Geantwortet hat er nichts.

„Ich glaube, wir sollten ihn jetzt in Ruhe lassen“, hat Timos Papa Alex gemeint, der auch mitgekommen ist. „Das heute war sicher ein großer Schock für ihn!“

Wir sind also wieder zurück zum Sonnenhof gefahren und nach dem Abendessen haben wir Kinder uns gleich in unserem Geheimversteck im Keller getroffen.

Dort steht nämlich ein alter Wandschrank, bei dem fehlt die Rückwand. Wenn man die Türen von dem Schrank aufmacht, kann man einfach durch ihn hindurch in ein winziges Zimmer dahinter schlüpfen.

Leider haben die Jungs das Geheimversteck entdeckt und deshalb sind sie auch die Bestimmer. Aber es ist trotzdem ein ziemlich guter Ort, um geheime Sachen zu besprechen, die die Erwachsenen nicht wissen sollen.

„Opa war vorhin im Krankenhaus irgendwie ganz anders als sonst“, hat Timo angefangen und auch etwas betrübt dreingeschaut.

„Ja, klar, er hatte ja auch einen Verband um seinen Kopf“, hat Lina gemeint.

„Nein, das war es nicht“, habe ich gesagt. „Es waren seine Augen. Die waren zwar offen, aber sie wollten gar nichts richtig anschauen!“

„Ja und sein Schnurrbart hat auch nicht gewackelt, weil er nämlich kein bisschen gelacht hat“, hat Anna überlegt.

„Also ich fand am gruseligsten, dass er nicht geflucht hat“, hat Emil gemeint, und da hatte er ausnahmsweise wirklich recht, mein kleiner großer Bruder.

Wir haben nachgedacht und festgestellt, dass Opa in den eineinhalb Stunden, die wir bei ihm waren, kein einziges Mal geflucht hat. Nicht mal ein klitzekleiner Minifluch ist ihm über die Lippen gekommen. Eigentlich hat er fast gar nichts gesagt, sogar noch weniger als der Michel.

„Ich habe mal gelesen, dass Leute mit Gehirnerschütterungen oft ihr Gedächtnis verlieren“, hat Timo plötzlich gemeint. „Die wissen dann gar nichts mehr und müssen alles noch mal von vorne lernen.“

„Echt?“, habe ich ganz erschrocken gefragt, und ich habe mir vorgestellt, wie anstrengend es sein muss, noch mal rechnen und schreiben und lesen zu lernen, und dass Opa schließlich schon viel älter ist als wir Kinder und deshalb natürlich sogar noch viel, viel mehr vergessen kann.

„Meint ihr, er kann sich wirklich an gar nichts mehr erinnern?“, habe ich nachgehakt, und mir ist richtig mulmig geworden. „Noch nicht mal daran, dass er auf dem Sonnenhof in einem Hexenhaus wohnt?“

„Hm, das müssen wir herausfinden“, hat Emil gesagt. „Wir werden ihn morgen besuchen und ihm ein paar Fragen stellen, dann werden wir ja sehen, wie schlimm es um ihn steht!“

Wie wir Opa wieder das Fluchen beigebracht haben

Als Alex uns am nächsten Nachmittag mit seinem grünen VW-Bus von der Schule abgeholt und ins Krankenhaus gefahren hat, ist uns gerade der Ferdinand aus Opas Zimmer entgegengekommen.

Der Ferdinand ist Opas allerbester Freund. Er wohnt mit seiner Ziege Oskar im alten Mühlhaus am Bach und wir besuchen ihn sehr gerne, auch wenn er immer so komische, vornehme Wörter benutzt, die kein Mensch kennt.

„Gut, dass ihr Kinder vom Sonnenhof hier erscheint“, hat er jetzt gesagt. „Vielleicht schafft ihr es ja, diesen Trauerkloß aufzumuntern. So betrübt habe ich meinen alten Freund Toni wahrhaft noch nie erlebt. Er scheint mir mit dem Kopf fernab dieser Welt zu sein!“

„Ja, ja, das haben wir uns fast schon gedacht“, hat Emil da gesagt.

Wir sind also in Opas Zimmer gegangen und haben uns alle um sein Bett versammelt.

„Na, Opa, wie geht es dir denn heute?“, hat Emil gefragt.

„Wie soll es einem alten, zerbrechlichen Mann wie mir wohl gehen?“, hat Opa geseufzt, und obwohl seine Stimme sehr jämmerlich geklungen hat, war ich erleichtert, dass er wenigstens seine Sprache schon mal nicht verlernt hat.

„Hier liege ich, gefesselt an ein Krankenbett, und merke, wie es stündlich mit mir bergab geht.“

„Ach, und wohin genau?“, wollte Lina wissen, aber darauf hat Opa nichts geantwortet, sondern nur wieder stumm gegen die Decke gestarrt.

„Heute haben wir eine echt schwierige Matheaufgabe aufgekriegt“, hat Emil weitergemacht und uns zugezwinkert.

„Die ist so hammerschwer, die kann kein Mensch lösen! Stell dir vor, Opa: Unsere Lehrerin will wissen, was 7 + 18 ist!“

Das war natürlich bloß ein Trick, das muss ich euch sicher nicht extra erklären. Wir wollten ja nur sehen, ob Opa so eine Babyaufgabe hinkriegt oder das Rechnen schon ganz vergessen hat.

„Meinst du, du kannst uns helfen, Opa?“, hat Timo nachgehakt.

Aber Opa hat nur wieder geseufzt und gebrummt, wir sollen ihm doch wenigstens ein bisschen Ruhe gönnen, das hat er in seinem Zustand ja wohl verdient.

Wir haben uns alle angeschaut und ich glaube, jeder von uns hat das Gleiche gedacht. Nämlich, dass Opa die Aufgabe wahrscheinlich einfach nicht lösen kann und es nur nicht zugeben will.

„Opa“, hat Anna es jetzt versucht, „wir haben dir hier die Zeitung mitgebracht. Willst du uns vielleicht etwas von den schlimmen Politikern vorlesen?“

Opa hat tatsächlich kurz zu uns herübergeblinzelt, als wenn er die Zeitung haben wollte.

Aber dann hat er die Augen schnell zugekniffen. „Was interessieren mich noch die Politiker?“, hat er gemurmelt. „Sollen die doch machen, was sie wollen. Die Meinung eines alten Mannes zählt sowieso nicht.“

Sonst regt sich Opa nämlich fast jeden Tag über die Politiker auf, müsst ihr wissen.

„Wenn man sich nicht um alles selber kümmert!“, schimpft er dann immer. „Dabei sollte man meinen, diese Hampelmänner haben extra studiert, damit sie wissen, wie man ein Land regiert!“

In diesem Moment ist Oma ins Zimmer gekommen, zusammen mit dem Arzt.

„Na, Sie haben ja eine Menge Enkel“, hat der Arzt zu Opa gesagt und uns angelacht.

„Da müssen Sie aber schleunigst wieder auf die Beine kommen, um die Bande auf Trab zu halten, was? Ihren Rücken müssen Sie zwar noch eine Zeit lang schonen, aber die Gehirnerschütterung ist nicht so schlimm wie befürchtet. Noch zwei, drei Tage, dann dürfen Sie wieder nach Hause.“

Jetzt hätte sich Opa doch eigentlich freuen müssen, aber er hat noch nicht mal die Augen aufgemacht, und als der Arzt wieder weg war, hat er genuschelt: „Wer weiß, ob ich die nächsten beiden Tage überhaupt überlebe!“

Da hat Oma die Stirn gerunzelt und gemeint, Opa soll nicht so einen Quatsch reden, er liegt schließlich nicht im Sterben und er hätte eben bloß nicht seinen Dickschädel durchsetzen und in den Bäumen herumklettern sollen wie ein Lausejunge.

Aber da hat Opa ganz weinerlich gekrächzt: „Mach mir keine Vorwürfe, Rosi. Wenn ich nicht mehr bin, wünschst du dir, du hättest freundlichere Worte gewählt, als es mit mir zu Ende ging.“

Oma hat die Augen verdreht und uns Kindern ein Zeichen gegeben, dass wir lieber gehen sollen. Aber das mussten wir sowieso, weil Alex gesagt hat, er holt uns in einer halben Sunde wieder vor dem Krankenhaus ab.

Auf dem Flur haben wir noch mal den netten Arzt getroffen.

„Stimmt es, dass Opa in echt sterben muss?“, habe ich ihn gefragt. „Er sagt nämlich, es geht jetzt mit ihm zu Ende.“

„Wie bitte, was?“ Der Arzt hat zuerst ganz erstaunte Augen gemacht und dann laut losgelacht. „Dieser Bär von einem Mann ist weiter vom Tod entfernt als ein Erdfloh vom Mond. Nein, nein, Kinder, macht euch mal keine Sorgen, euer Opa ist fit wie ein Turnschuh!“

„Aber warum redet er dann so komisch und lacht und flucht nicht mehr?“, hat Anna gefragt. „Kann es vielleicht sein, dass er sein Gedächtnis verloren hat?“

Da hat der Arzt seinen Kopf hin und her gewiegt. „Nein, sein Gedächtnis ist vollkommen in Ordnung“, hat er gemeint. „Aber mir scheint, er hat etwas anderes verloren, und zwar seinen Lebensmut.“

Und dann hat er uns erklärt, dass ältere Leute es manchmal nicht wahrhaben wollen, wenn ihnen nicht mehr alles so gut gelingt wie früher.

„Wenn ihnen plötzlich ein dummer Unfall passiert, so wie eurem Opa, dann fühlen sie sich mit einem Mal nutzlos und wollen sich am liebsten vor dem Leben verstecken“, hat er gesagt und uns der Reihe nach angeschaut.

„Na, jetzt macht mal nicht solche traurigen Gesichter. Überlegt euch lieber, wie ihr euren Opa aufmuntern könnt. Bestimmt fällt euch irgendetwas ein, das ihm Spaß macht und ihm seine Lebensfreude wiedergibt. Das Schlechteste für ihn wäre nämlich, länger als nötig im Krankenhaus herumzuliegen und Trübsal zu blasen!“

Als wir wieder zu Hause waren, haben wir uns auf eine Bank in die Krokuswiese gesetzt und überlegt, womit wir Opa am besten aufheitern könnten.

„Vielleicht gefällt es ihm ja, wenn wir Blockflöte spielen und ihm ein Lied vorsingen“, hat Anna vorgeschlagen. „Wir üben mit Frau Sonntag doch gerade 'Es tönen die Lieder'.“

Aber die Jungs haben protestiert und gemeint, das ist wieder so eine typische Mädchenidee und da machen sie auf keinen Fall mit.

„Außerdem haben wir euch letzte Woche belauscht, als ihr Musikunterricht hattet“, hat Emil gesagt. „Timo und mir ist von eurem Gequietsche ganz schwindlig geworden und Opa hat sowieso schon Rücken und Kopf. Da braucht er nicht auch noch Ohr!“

Obwohl Anna-Lina das ziemlich fies fanden, hatten die Jungs dieses Mal sogar ausnahmsweise ein bisschen recht.

Die Zwillinge spielen nämlich wirklich nicht so toll Flöte. Das klingt dann immer so, wie wenn zehn Katzen gleichzeitig miauen.

Aber das habe ich natürlich nicht laut gesagt. Beste Freundinnen müssen schließlich immer zusammenhalten, vor allem, wenn es Jungs gegen Mädchen geht.

„Wie wäre es denn mit einem hübschen Glückwunschglas für Opa?“, hat sich plötzlich Sabine eingemischt. Sie war gerade hinterm Haus mit Wäscheaufhängen beschäftigt.

Natürlich wusste keiner von uns, was ein Glückwunschglas ist, aber Sabine hat es uns erklärt und wir waren alle sofort begeistert.

Ich kann euch ja schnell beschreiben, wie es geht, falls ihr auch mal jemanden überraschen wollt.

Also, ihr braucht:

ein leeres Einweckglas mit Schnapp- oder Schraubverschluss

ein Foto als Hintergrund

Dinge zum Verzieren (z.B. Blumen, Papier, Moos, Muscheln, Steine, Sand, Tannenzapfen, Figürchen …)

Zettel mit netten Glückwünschen (oder Flüchen)

Wir haben für Opa ein schönes Foto ausgesucht, das hat der Ferdinand letzten Herbst gemacht. Darauf sieht man das gelbe Hufeisenhaus und alle, die darin wohnen. Und natürlich Oma und Opa.

Wir haben das Foto als Hintergrund an die Scheibe vom Einweckglas geklemmt. Davor haben wir Moos und ein paar Steinchen auf den Boden gelegt.

Das sah vielleicht hübsch aus, kann ich euch sagen! Eine richtige kleine Sonnenhof-Spielzeugwelt war das!

Zum Schluss haben wir von allen Erwachsenen Zettel eingesammelt, auf denen standen lauter nette Dinge wie:

Die Zettel haben wir auch mit ins Glas getan.

„Hm, ich finde, wir sollten Opa aber auch noch ein paar schöne Flüche dazupacken“, hat Lina vorgeschlagen. „Über die freut er sich sicherlich mehr als über so langweilige Sprüche!“

Die Idee fanden wir gut, sogar der Emil, obwohl er doch sonst immer der mit den besten Einfällen sein will.

Wir haben also alle Flüche und Schimpfwörter auf Zettel geschrieben, die wir von Opa kennen, und haben selbst auch noch ein paar schöne dazuerfunden. Am lustigsten finde ich 'Trotteliger Doofiandeppelseppel'!

Als wir Opa am nächsten Tag wieder besucht haben und Oma unser Glas mit dem Foto, den Glückwünschen und vielen Fluchzetteln gesehen hat, ist sie vor Begeisterung richtig ausgeflippt.

„Nein, so was!“, hat sie gerufen, obwohl sie Flüche doch sonst eigentlich nicht so toll findet. „Sieh mal, Toni, wie viel Mühe sich alle für dich gegeben haben! Da musst du doch auf der Stelle wieder gesund werden!“

Opa hat das Glas mit seinem neuen traurigen Opa-Blick angeschaut und ein paar Zettel herausgefischt und gelesen, aber er hat kein bisschen gelächelt.

Dann hat er geflüstert: „Hm, wirklich nett von euch, Kinder. Das ist wohl das Abschiedsgeschenk für euren alten Opa, was?“

Dann hat er das Glas neben sich auf das Nachtkästchen gestellt und geseufzt: „Ja, ja, während draußen neues Leben hervorsprießt, liege ich hier und bekomme nicht einmal Vogelgezwitscher mit. Nur das Ticken der Wanduhr, das mir sagt, wie meine Zeit dahinschwindet.“

„Oje, ich glaube, das Glas hat nicht gereicht, um Opa aufzumuntern“, hat Timo uns zugeflüstert. „Wir müssen noch was nachlegen!“

„Und was?“, hat Emil gefragt, und wir Kinder sind aus dem Zimmer gegangen, um uns zu beraten, aber keinem von uns ist so schnell etwas Gutes eingefallen.

„He, wir haben noch unsere Flöten vom Musikunterricht dabei“, ist Anna da plötzlich eingefallen. „Vielleicht sollten wir Opa doch etwas vorspielen, dann hört er wenigstens das Uhrenticken nicht mehr so laut.“

Emil und Timo haben zwar die Augen verdreht, aber weil sie keine bessere Idee hatten, haben sie gesagt, okay, sie machen mit, aber nur, wenn sie einen eigenen Text für das Lied erfinden dürfen, der besser zu Opa passt, und nicht dieses langweilige Frühlingsblabla.

Wir haben uns also schnell etwas ausgedacht, und als wir in Opas Zimmer zurückgegangen sind, haben wir Mädchen zuerst eine Strophe mit den Flöten vorgespielt und dann haben die Jungs angefangen zu singen:

„Es tönen die Lieder, wann schimpft Opa wieder? Der armeee Herr Schubert flucht einsaaam vor sich hin: Ihr Roootznasen, halloooo, hallihallo, ihr Rotznasen!“

Und weil wir nur eine einzige Strophe hatten und das Lied so schnell vorbei war, haben Emil und Timo die Zeilen einfach immer wieder von vorne gesungen.

Wir Mädchen haben dazu geflötet und irgendwie hat es sich jedes Mal ein bisschen anders angehört, aber immer falsch, weil entweder Anna oder Lina danebengeflötet haben.

So ungefähr beim zwölften Mal, als ich gedacht habe, jetzt klingt es langsam aber richtig gut, hat Opa plötzlich seine Decke von sich geschmissen und ist aus dem Bett gesprungen.

Anna hat sich so erschrocken, dass ihr ein besonders lauter und falscher Flötenton entwischt ist, und dann hat Opa losgepoltert: „Verflucht noch eins, dieses Katzengejaule hält ja kein Mensch aus! Kann man denn noch nicht einmal im Krankenhaus seine Ruhe haben? Rosi, pack meine Sachen, ich will auf der Stelle nach Hause, wo ich mich vor diesen Nervensägen verstecken kann! Und überhaupt: Wo ist die verdammte Zeitung? Wenn man sich nicht um alles selbst kümmert …!“

Opa hat geflucht und geschimpft und gar nicht mehr aufgehört und wir haben ihn alle stumm angestarrt und Oma hat plötzlich angefangen zu lachen und gerufen: „Na, so ein Glück, da bist du ja endlich wieder, Toni! Das wurde aber auch Zeit!“

Und dann sind wir alle zusammen zurück auf den Sonnenhof gefahren. Wir Kinder in Alex’ grünem VW-Bus und Oma und Opa mit dem Taxi. Als die beiden aus dem Wagen gestiegen sind, hat Opa den Fahrer beschimpft: „So eine Unverschämtheit, für die paar Meter zehn Euro vierzig zu verlangen!“

Und während er zum Hexenhaus gelaufen ist, hat er vor sich hin geflucht: „Dieses verteufelte Gras! In diesem Jahr fängt es noch früher an zu wuchern! Ich weiß schon, an wem das Mähen und die ganze Arbeit wieder hängen bleibt!“

Dann hat er sich zu Oma umgedreht und gesagt, er will jetzt sofort die Zeitung und einen anständigen Kaffee, denn bei der Plörre aus dem Krankenhaus schlafen einem ja die Füße ein. „Kein Wunder, dass man da todkrank wird! Anzeigen müsste man diesen ganzen verflixten Haufen! Und so etwas nennt sich nun Krankenpfleger … Lauter trottelige Doofiandeppelseppel!“

Über dieses Schimpfwort haben wir uns natürlich ganz besonders gefreut, weil wir wussten, dass Opa es aus unserem Glas hat.

„Hm, ich glaube, Opa ist wieder normal“, hat Lina ganz zufrieden gesagt, als wir den beiden hinterhergeschaut haben. „Das haben wir wirklich gut hingekriegt. Er musste wahrscheinlich bloß mal wieder ordentlich fluchen, um gesund zu werden!“

„Stimmt“, habe ich gesagt, und Anna hat gefragt, ob das als Überraschung zählt und wir einen neuen Zettel in unsere Dose stecken dürfen, auf dem steht:

„Auf jeden Fall“, haben wir alle gefunden, und dann hat Lina gemeint: „Eigentlich haben wir heute ja sogar eine Doppelüberraschung erlebt!“

„Doppelüberraschung?“, hat Timo nachgefragt.

„Klar“, hat Lina gesagt und gegrinst. „Denn die noch größere Überraschung ist doch wohl, dass Oma kein bisschen böse auf Opa war, obwohl er so doll geflucht hat!“

Sauseblitz noch mal, da hat sie wirklich recht gehabt, die Lina. Und deshalb habe ich schnell zwei Zettel geholt, die haben wir feierlich beschriftet und zu den anderen Überraschungen in unsere Dose geworfen.

Wie Oma Opa zum Mond schießen wollte

Wir waren alle sehr froh, dass Opa wieder ganz normal geworden ist. Aber Oma hat gesagt, sie findet ihn trotzdem ziemlich anstrengend, seit er aus dem Krankenhaus entlassen wurde.

„Er ist ungeduldig und bockig wie ein kleines Kind“, hat sie Mama ein paar Tage später vorgejammert.

„Eigentlich soll er noch mindestens zwei Wochen lang seinen Rücken schonen. Aber sobald ich ihn mal für eine halbe Stunde allein lasse, fängt er an, irgendwelchen Unfug zu machen. Vorhin musste er unbedingt vor dem Haus ein Loch graben und einen Vogelbeerbaum pflanzen. Als könnte das nicht warten. Und anschließend wollte er sogar Holz hacken!“

Sie hat ganz verzweifelt mit dem Kopf geschüttelt. „Ich kann doch nicht ständig auf ihn aufpassen, oder? Am liebsten würde ich ihn auf den Mond schießen! Vor allem morgen Nachmittag wird sicher ein Drama, wenn ich beim Wohltätigkeitsbasar in Siebendorf helfen soll. Mitkommen will er nicht, aber ich kann ihn unmöglich drei oder vier Stunden allein lassen.“

Mama musste lachen, als sie Omas zerknirschtes Gesicht gesehen hat, und meinte: „Nun mach dir mal keine Sorgen, irgendeine Ablenkung werden wir doch sicher für ihn finden.“

Als ich am nächsten Tag mit den Hausaufgaben fertig war, hat Mama mich zu sich gerufen.

Sie hat mir einen Stapel Zeitschriften in die Hand gedrückt und gesagt, ich soll mal alle Seiten mit den Kreuzworträtseln herausschneiden.

„Ihr Kinder bastelt doch so gerne", hat sie gemeint. „Tut Oma einen Gefallen und macht für Opa ein schönes Rätselheft. Er füllt so gerne die Rätsel in der Tageszeitung aus. Also macht ihm das anscheinend Spaß, und außerdem ist er dann ein paar Stunden beschäftigt, wenn Oma heute Nachmittag wegmuss.“

Ich habe natürlich gleich den anderen Bescheid gesagt und wir haben angefangen, alle Kreuzworträtsel aus den Zeitschriften herauszusuchen.

Insgesamt hatten wir vierzehn Stück, und bei den meisten stand dabei, dass man sogar etwas Schönes gewinnen kann, wenn man das richtige Lösungswort gefunden hat.

Wir haben immer zwei Seiten gegeneinandergeklebt und sie dann an den Rändern mit einem Locher gestanzt, um sie mit einem Band zu einem Heft zusammenzuschnüren. Aber irgendwie sah das Rätselbuch noch viel zu dünn und langweilig aus.

„He, ich weiß was, wir könnten Opa doch noch ein paar eigene Rätsel dazubasteln“, hat Timo vorgeschlagen.

Die Idee fanden wir anderen auch gut und wir haben überlegt, wie unsere Rätselseiten aussehen könnten.

„Also, ich mag ja am liebsten Bilderrätsel, in denen man irgendwelche Gegenstände suchen oder Fehler entdecken muss“, habe ich gesagt.

„Stimmt“, hat Lina gemeint. „Und die, in denen man sich den richtigen Weg durch ein Labyrinth bahnen muss.“

Wir haben also Scheren, Kleber, Stifte und Papier geholt und angefangen, eigene Rätselseiten zu basteln. Ich sage euch, das ist gar nicht so leicht gewesen, aber Spaß gemacht hat es trotzdem.

Ich habe ein schönes Frühlingsbild von unserer Krokuswiese und dem Hexenhaus gemalt und dazu habe ich vier verschiedene Aufgaben für Opa geschrieben.

Am besten, ich male euch das Bild einfach mal schnell hier auf, dann könnt ihr gleich selbst versuchen, die Rätsel zu lösen! Die richtigen Antworten schreibe ich euch klein und kopfüber darunter. Aber ihr dürft natürlich nur nachschauen, wenn ihr wirklich nicht darauf kommt, versprochen?

1. Herr Schubert ist aus seinem Käfig ausgebüxt! Kannst du ihn suchen?

2. Siehst du, wo Wilhelm vergessen hat, sein Glück auszugießen?

3. Welche drei Dinge passen nicht hierher?

4. Was muss unbedingt mal repariert werden?

Emil hat einen dicken Mann gezeichnet, bei dem konnte man mitten in den Bauch hineinschauen.

Darin war alles mögliche Gedärm und außerdem ein riesiges Knäuel Spaghetti mit Tomatensoße.

Ein Stück Spaghetti hing dem Mann auch noch aus dem Mund. Das sah ganz schön eklig aus, aber die Idee war natürlich witzig, das muss man schon sagen.

Die Aufgabe war nämlich, das andere Ende der Spaghetti im Knäuel zu finden. Außerdem hat Emil noch '18 + 7 = ???' ganz unten auf seine Seite geschrieben.

„Das ist aber kein schönes Rätsel“, hat Anna gesagt, aber da hat Emil die Augen verdreht und gemeint, das weiß er selbst, er will ja auch nur mal sehen, ob Opa neulich wirklich bloß keine Lust hatte zu rechnen oder ob er es tatsächlich nicht konnte.

Timo hat ein Bild von Karli gemalt, wie er vor fünf Mauselöchern sitzt und sich das Mäulchen schleckt. Aber nur ein Gang führt auch tatsächlich zu der kleinen, leckeren Maus, die Karli fangen möchte.

Anna-Lina haben lauter Zwillingspärchen gezeichnet: Hundezwillinge, Hamsterzwillinge, Elefantenzwillinge, Marienkäferzwillinge und Gartenzwergzwillinge. Ein Zwilling hat immer ein klitzekleines bisschen anders ausgesehen als der andere und Opas Aufgabe war, die Unterschiede herauszufinden.

„Kann Opa bei uns eigentlich auch was Schönes gewinnen, wenn er die richtige Lösung weiß?“, hat Anna plötzlich gefragt.

„Also, ich finde schon“, habe ich gesagt. „Dann macht ihm das Rätseln bestimmt gleich doppelt so viel Spaß, und Oma kann sicher sein, dass er kein Holz hackt, wenn sie nach Siebendorf muss!“

Wir haben uns also jeder noch einen Gewinn für Opa überlegt.

Bei mir konnte er ein Stück von meiner Lieblingsschokolade gewinnen, darin sind kleine Kokosflocken. Timo hatte einen Stein für ihn, der aussieht wie ein Frosch mit einem abgehackten Bein, und Emils Preis war ein neuer, noch völlig unbenutzter Fluch.

„Und wie heißt der?“, hat Lina ganz neugierig gefragt, aber Emil hat gesagt, das ist ein Geheimnis und er verrät es nur Opa, sonst wäre es ja kein besonderer Gewinn mehr.

Dabei wusste er sicher selbst noch keinen guten neuen Fluch, mein kleiner großer Bruder. Der behauptet ja oft Sachen, die gar nicht stimmen.

„Und was kann Opa bei euch gewinnen?“, habe ich Anna-Lina gefragt.

„Wir haben gedacht, wir spielen ihm dreizehn Strophen von 'Es tönen die Lieder' auf den Blockflöten vor“, hat Lina geantwortet. „Da freut er sich bestimmt drüber!“

Wir haben unsere Gewinne in große gelbe und pinkfarbene Sterne auf die Rückseiten unserer Rätsel geschrieben und es hat richtig professionell ausgesehen. Dann haben wir noch ein Deckblatt gebastelt, auf dem stand: Opas kniffelige Rätselkiste!

Darunter war Opas Kopf abgebildet und aus seinen Ohren hat es geraucht und in der Hand hat er einen riesigen grünen Stift gehalten.

Zum Schluss haben wir alle Seiten gelocht und mit einem grünen Geschenkband zusammengebunden, damit man es auch umblättern konnte.

„Na, was habt ihr denn schon wieder ausgefressen, ihr Rasselbande?“, hat Opa gefragt, als wir über die Krokuswiese zum Hexenhaus gelaufen sind.

„Ihr macht ja so geheimnisvolle Gesichter!“ Opa saß vor der Bank und hat Zeitung gelesen und wir haben gesehen, dass die Rätselseite schon ganz mit Buchstaben ausgefüllt war.

„Wir haben hier ein Spezialrätselheft für dich“, hat Anna gesagt und Opa unsere Zeitschrift in die Hand gedrückt.

„Damit Oma dich nicht zum Mond schießen muss, wenn sie heute Nachmittag auf ihren Wohltätigkeitsbasar geht“, hat Lina ihm noch erklärt.

„Soso, aha“, hat Opa gebrummt und die erste Seite aufgeschlagen. „Auf den Mond will sie mich also schießen … Warum nicht lieber nach Australien? Da wollte ich schon immer mal hin. Na, dann wollen wir doch mal sehen, was ihr da zusammenfabriziert habt.“

Und schon hat er seinen Kuli in die Hand genommen und losgerätselt.

Wir sind wieder etwas spielen gegangen, aber immer wenn wir zum Hexenhaus hinübergeschaut haben, ist Opa noch auf der Bank gesessen und hatte seine Nase in dem Rätselheft vergraben.

Einmal haben wir mitgekriegt, wie sein Schnurrbart gewackelt hat, und da wussten wir, dass er gerade eins von unseren selbst gebastelten Rätseln macht und sich besonders darüber freut.

„Na, da hattet ihr aber wirklich eine feine Idee“, hat Oma am nächsten Tag zu uns gesagt, als wir aus der Schule gekommen sind. „Opa war gestern den ganzen Nachmittag beschäftigt und hat anscheinend keine einzige Dummheit angestellt, während ich weg war!“

„Ja, wenn du uns nicht hättest, oder?“, hat Lina gefragt, und Oma hat gelacht und gesagt, ganz genau, und wir sollen später zu ihnen ins Hexenhaus kommen, dann gibt es zur Belohnung frische Blaubeerwaffeln mit Vanillepudding.

Wir haben uns natürlich riesig gefreut, denn Oma macht wirklich die allerbesten Blaubeerwaffeln, die ihr euch nur vorstellen könnt, und man schafft sogar noch welche, wenn man eigentlich schon pappsatt ist!

Als wir Oma und Opa dann am Nachmittag besucht haben, lag unser Rätselheft auf dem Wohnzimmertisch. Natürlich sind wir neugierig gewesen und haben nachgeschaut, ob Opa auch alle Lösungen herausgefunden hat.

„Da staunt ihr, was?“, hat Opa uns gefragt. „Ja, ja, ich mag vielleicht schon ein paar Jährchen auf dem Buckel haben, aber verkalkt bin ich noch nicht!“

„Stimmt, das hast du wirklich prima hingekriegt“, hat Lina gesagt. „Sogar Emils Rechenaufgabe hast du gelöst. Wenn du willst, darfst du dir später deine Preise bei uns abholen! Um halb sechs kriegst du sie bei Theresa und Emil zu Hause überreicht.“

Das fand Opa gut. Er hat pünktlich bei uns an der Haustür geklingelt und das Schokoladenstück mit den Kokosflocken gegessen, Timos Froschstein in seine Hemdtasche gesteckt, und Emil hat ihm tatsächlich einen neuen Fluch ins Ohr geflüstert, den hat er sich wahrscheinlich kurz vorher noch schnell ausgedacht.

„Verflixt und zugenäht, du sollst doch nicht solche Ausdrücke benutzen“, hat Opa da meinen kleinen großen Bruder angeblafft. „Deine Mutter denkt sonst, die habe ich dir beigebracht.“

Aber dann hat er in sich hineingelacht und gemurmelt: „Na ja, schlecht ist er wirklich nicht, bei Gelegenheit werde ich ihn vielleicht sogar mal anwenden.“

Verraten hat Opa uns den Fluch bis jetzt aber leider nicht.

Als Anna-Lina anschließend ihre Flöten auspacken wollten, hat Opa plötzlich ganz große Augen gekriegt und schnell auf die Uhr geschaut. „Verdammt, ist es wirklich schon so spät?“, hat er gerufen, und dann hat er gemeint, er muss jetzt schleunigst nach Hause zum Abendessen, denn wir wissen ja, wie streng Oma manchmal sein kann, und er will sich nicht wieder Schimpfe einhandeln oder doch noch auf den Mond geschossen werden.

„Na gut, dafür kriegst du morgen dann eben vierzehn Strophen“, hat Lina ihm ganz fröhlich hinterhergerufen.

Aber soll ich euch mal was sagen? Ich glaube ja, dass Opa in Wirklichkeit bloß geflüchtet ist und am liebsten gar kein Flötenkonzert mehr hören will. Ein bisschen konnte ich ihn sogar verstehen, aber das habe ich Anna-Lina natürlich nicht verraten.

„Was ist denn eigentlich mit den ganzen anderen Preisen, die Opa gewinnen kann?“, hat Anna plötzlich gefragt, und sie hat Opas vollgekritzeltes Rätselheft durchgeblättert, das er bei uns auf der Garderobe liegen gelassen hat.

„Hier kann man viel Geld kriegen oder einen Staubsauger oder Kochtöpfe oder ein Reisekofferset. Es ist doch schade, wenn er gar nichts von den tollen Sachen abkriegt, obwohl er sie verdient hat!“

Wir haben uns die Lösungswörter durchgelesen, die Opa in die Kästchen geschrieben hat, und manche waren wirklich sehr seltsam. Das längste und komplizierteste Wort hieß:

„Seht doch mal!“, hat Lina gerufen, „bei diesem Rätsel kann man sogar eine Reise nach Australien gewinnen! Das wäre doch perfekt für Opa, wo er doch schon immer mal dorthin wollte!“

Wir haben uns angeschaut und ich glaube, wir haben alle dasselbe gedacht, aber Emil war natürlich mal wieder der Schnellste und hat es laut gesagt: „Wir schicken die Lösungswörter einfach für Opa ein, vielleicht gewinnt er ja tatsächlich etwas!“

„Ja“, habe ich gesagt. „Das wäre eine super Überraschung für Opa und wir könnten gleich wieder einen neuen Zettel in unsere Dose stecken!“

Wir sind alle zu unseren Eltern gelaufen und haben Briefmarken und Postkarten geholt. Dann haben wir uns unter dem Apfelbaum wiedergetroffen, in dem Wilhelm sitzt. Anna hat nämlich gemeint, dass sein Gießkannenglück ja vielleicht nicht nur bei Pflanzen wirkt, sondern auch bei Kreuzworträtseln.

Auf jede Karte haben wir in Großbuchstaben eins von Opas Lösungswörtern geschrieben und darunter Omas und Opas Adresse.

Am nächsten Tag, als wir in die Schule gegangen sind, haben wir unseren kleinen Stapel in den Briefkasten geworfen.

„Viel Glück, ihr Postkarten!“, hat Anna gerufen. „Helft uns, Opa zu überraschen, am besten mit der Reise nach Australien!“

Von da an sind wir jeden Mittag ganz gespannt nach Hause gelaufen, weil wir gedacht haben, vielleicht hat der Postbote schon irgendetwas Tolles für Opa abgeliefert.

Aber immer wenn wir Opa gefragt haben, was heute im Briefkasten war, hat er gebrummt: „Was wohl? Nichts als Berge von Rechnungen und albernen Werbeprospekten. Ts, ts, ts, ich sag’s ja, mit dem Mist könnte man glatt den ganzen Sonnenhof pflastern!“

Ende von Teil 2. Den dritten und letzten Teil über die Kinder vom Sonnenhof gibt es in der nächsten Woche.

Ende der Geschichte! Hab einen spannenden Tag!

Oder noch nicht genug vorgelesen?

Hier findest du weitere Geschichten.

weiterlesen