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Auf dem Sonnenhof ist was los (Kapitel 1-3)

Diese Geschichte wird in insgesamt vier Teilen erzählt. Los geht es mit dem ersten Teil:

Wie es bei uns auf dem Sonnenhof aussieht

Mögt ihr Überraschungen auch so gerne wie ich?

Ich meine jetzt nicht nur Geschenke, die man zum Geburtstag oder zu Weihnachten kriegt. Obwohl die natürlich auch toll sind. Aber meistens weiß man an solchen Tagen ja schon, dass ein paar bunte Päckchen auf einen warten, und deshalb ist es manchmal nicht mehr ganz so spannend.

Nein, ich meine richtige Sauseblitzüberraschungen. Solche, die ganz plötzlich passieren, ohne dass man überhaupt an sie denkt.

Man steht morgens auf und wäscht sich und frühstückt und geht zur Schule, und auf einmal – peng! – ist sie da, die Überraschung!

Emil hat gesagt, für ihn wäre es ja die größte Überraschung, wenn eines Tages ausnahmsweise mal was richtig Schlaues aus meinem Mund käme und nicht nur lauter alberner Mädchenkram.

Aber auf so was Dummes habe ich natürlich gar nicht erst geantwortet. Denn Emil ist mein Bruder und Brüder sagen ständig so blödes Zeug.

Über die richtig wichtigen Sachen rede ich deshalb viel lieber mit Anna-Lina. Beste Freundinnen verstehen nämlich immer sofort, was man meint.

Das war auch so, als wir Kinder vom Sonnenhof vor ein paar Tagen beschlossen haben, dass wir Überraschungssammler werden wollen. Da haben wir Mädchen ja auch -

Aber halt, ich glaube, jetzt bin ich wieder mal zu schnell. Das passiert immer, wenn ich zu viele Sachen auf einmal im Kopf habe.

Papa hat mal zu mir gesagt: „Theresa, die Sätze hopsen aus deinem Mund wie wild gewordene Flöhe aus einem Pudelfell. Deiner armen Lehrerin muss ja ganz schwindlig davon werden.“

Das fand ich gemein, weil es Frau Sonntag nämlich wirklich mal so doll schwindlig war, dass sie nicht zum Unterricht kommen konnte. Aber das lag nicht an meinen vielen Sätzen, sondern daran, dass sie am Abend vorher Achterbahn gefahren ist. Und das ist natürlich etwas ganz anderes, oder was sagt ihr?

Na gut, ich kann ja trotzdem mal ein bisschen weiter vorne anfangen zu erzählen. Schließlich weiß ich nicht, wie schnell euch schwindlig wird, und außerdem wollt ihr ja sicher wissen, wer wer ist, damit ihr euch alles ganz genau vorstellen könnt.

Also, ich heiße Theresa und bin ein ganz normales Mädchen. Ich habe lange braune Haare, grüne Augen, und wenn die Sonne scheint, kriege ich immer ein paar Sommersprossen.

Emil nennt mich deshalb immer Krümelmonsternase, weil er weiß, dass mich das ärgert. Noch schlimmer ist es allerdings, wenn er mir mit seinen Stinkesocken vor dem Gesicht herumwedelt. Die riechen nämlich genauso wie alter Käse, richtig eklig!

Außer dem Emil habe ich noch einen Bruder, den Michel. Der sagt zum Glück keine so doofen Sachen zu mir. Aber eigentlich sagt er auch sonst nicht viel, zu niemandem. Nur, wenn er unbedingt muss.

Weil der Emil nur ein Jährchen älter ist als ich und der Michel gleich sieben, sage ich zu den Leuten immer: Der Emil ist mein kleiner großer Bruder und der Michel mein großer großer Bruder. Sonst kommt man ja ganz durcheinander, bei so vielen Brüdern.

Emil, Michel und ich wohnen mit unseren Eltern auf dem Sonnenhof, ganz in der Nähe von einem kleinen Dorf, das heißt Siebendorf.

Unser Sonnenhof war früher mal ein Bauernhof mit vielen Tieren und Feldern und Traktoren. Aber das ist schon ewig her, lange bevor wir dort eingezogen sind.

Heute ist es ein großes gelbes Haus, das aussieht wie ein Hufeisen.

Es steht auf einem Platz aus Pflastersteinen mit einem alten Brunnen in der Mitte und dahinter liegt eine Wiese mit Obstbäumen und Gemüsebeeten und es ist das allerschönste und fröhlichste Zuhause, das man sich nur vorstellen kann!

Jetzt fragt ihr euch sicher, was an einem gelben Hufeisenhaus mit Wiese denn so aufregend sein soll, habe ich recht?

Ich kann euch sagen, da gibt es eine ganze Menge: zum Beispiel die orangefarbene Sonnenuhr im Dachgiebel. Sie lacht immer auf einen herunter, sogar wenn es regnet, und man kriegt gleich gute Laune, wenn man sie anschaut.

Dann ist da noch die alte Holzscheune. Die ist direkt an das Hufeisenhaus drangebaut und man kann gut Verstecken darin spielen oder Schatzsucher.

Im alten Schweinestall bin ich auch gerne. Natürlich wäre es schön, wenn es dort wirklich noch ein paar Grunze­schweinchen gäbe. Aber dafür schläft unser Kater Karli darin und der ist mindestens genauso süß wie ein kleines Ferkel.

Hinter dem großen Hufeisenhaus, direkt am Zaun auf der Wiese, steht noch ein klitzekleines Haus mit einem spitzen Dach. Das lugt zwischen drei Tannen hervor wie ein Hexenhaus aus einem Märchenbuch.

Aber natürlich wohnen da keine Hexen drin, sondern bloß Oma und Opa mit ihrem Papagei Herrn Schubert. Der kann wunderbar fluchen, fast genauso gut wie Opa.

Wir Kinder finden das lustig, aber Oma mag es nicht, wenn in ihrem Haus geflucht wird. Sie schimpft dann mit Herrn Schubert und gibt Opa einen Klaps mit dem Geschirrtuch. Aber richtig böse wird sie nie. Ich glaube, das kann Oma gar nicht, dafür ist sie viel zu lieb.

Das Allerallerbeste am Sonnenhof ist aber, dass in dem großen gelben Hufeisenhaus noch zwei andere Familien Platz haben. Deshalb gibt es auch drei grüne Eingangstüren, für jede Familie eine.

Ganz links wohnen Anna-Lina mit ihren Eltern Sabine und Momo.

Dass Anna-Lina und ich beste Freundinnen sind, habe ich euch ja schon erzählt. Aber dass es gleich zwei Mädchen sind, wisst ihr vielleicht noch nicht. Anna und Lina sind nämlich Zwillinge, und weil sie sich so ähnlich sehen, werden sie meistens Anna-Lina gerufen. Dann kommen alle beide auf einmal angerannt, und man kann sicher sein, dass das richtige Mädchen auch ganz bestimmt dabei ist.

Inzwischen weiß ich zum Glück aber ganz gut, wie ich Anna und Lina auseinanderhalten kann:

Anna ist meistens viel braver als Lina und sie mag keine Gespenster und Spukgeschichten und so was. Lina gruselt sich dafür ziemlich gerne und in der Schule zappelt sie viel mehr herum als ihre Schwester und wird deswegen auch öfter von unserer Lehrerin gerügt. Außerdem klingt ihre Stimme ein bisschen rauer als die von Anna und sie hat auch keinen Minileberfleck am linken Auge.

Im mittleren Teil vom Hufeisenhaus wohnt Timo mit seinem Papa Alex.

Timo ist der beste Freund von meinem Bruder Emil und die beiden gehen auch in dieselbe Klasse.

Sie sind eine Jahrgangsstufe höher als Anna-Lina und ich. Zum Glück ist Timo nicht so frech wie Emil und manchmal finde ich ihn sogar ganz nett.

Also, für einen Jungen jedenfalls. Ich habe mir schon mal heimlich überlegt, ob ich ihn später vielleicht heirate. Denn dann können wir gemeinsam auf dem Sonnenhof wohnen bleiben und müssen nie, nie wieder weg.

Anna kann ja von mir aus Emil heiraten. Ich glaube, sie mag ihn sowieso ganz gern. Wahrscheinlich deshalb, weil er nicht ihr Bruder ist. Nur für Lina müssten wir dann noch jemanden finden. Der Michel wäre zwar noch frei, aber der ist ja sechzehn und fast doppelt so alt wie wir. Außerdem ist er schon in die Karin aus seiner Schule verknallt.

Ach ja, der Emil, der Michel und ich, wir wohnen mit unseren Eltern im rechten Hufeisenteil. Aber das habt ihr euch wahrscheinlich schon gedacht.

Jetzt ist es schon ein ganzes Jahr her, seit wir alle in das große gelbe Haus gezogen sind.

Jeden Morgen laufen Emil, Timo, Anna-Lina und ich zusammen den kleinen Schotterweg am Bach entlang und am alten Mühlhaus vorbei zu unserer Schule nach Siebendorf und am Mittag wieder zurück.

Und ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, wie es davor in unserer alten engen Wohnung in der Stadt gewesen ist, so ganz ohne die anderen Kinder, ohne das Hexenhaus mit Oma, Opa und Herrn Schubert und ohne unsere fröhliche Sonnenuhr im Dachgiebel.

„Unser Sonnenhof ist wie ein Eintopf“, hat Momo einmal gesagt. Das ist ja der Papa von Anna-Lina, und der weiß sehr viel, weil er nämlich Flugzeugpilot ist und überall in der Welt herumfliegt. „Da stecken so viele unterschiedliche Zutaten unter einem Deckel, dass man sich wundert, wie die alle zusammenpassen. Aber die Hauptsache ist ja, dass es schmeckt.“

Ich finde, da hat Momo wirklich recht, auch wenn wir natürlich keine Zutaten für ein Rezept sind und nicht unter einem Kochtopfdeckel stecken, sondern unter einem großen roten Hausdach. Aber es ist toll, dass wir uns alle so gut verstehen und dass es nie langweilig wird bei uns.

So, ich glaube, jetzt wisst ihr erst mal die wichtigsten Sachen.

Und wenn ich euch gleich noch erzähle, was wir Kinder alles erleben, dass wir ein Geheimversteck im Keller haben und einen Glückszwerg im Baum und dass wir seit ein paar Tagen Überraschungen in eine alte Konservendose stecken, dann sagt ihr bestimmt: „Sauseblitz noch mal, da hat sie wirklich nicht geflunkert, die Theresa. Bei ihr zu Hause passieren ja so viele tolle Sachen, da ist es kein Wunder, dass sie nie, nie wieder woanders hinziehen möchte. Denn nirgendwo ist es so schön wie auf dem Sonnenhof.“

Wie wir Überraschungssammler geworden sind

Ich habe euch ja schon verraten, dass ich Überraschungen mag. Deswegen habe ich mich auch besonders gefreut, als unsere Lehrerin uns im Unterricht Überraschungsgeschichten aus der Zeitung vorgelesen hat. In jeder Geschichte ist etwas anderes Aufregendes passiert.

In der ersten hat ein Krokodil direkt vor dem Eingang einer Schule in Indien gelegen und tief und fest geschlafen und die Kinder haben sich mächtig gefreut, weil niemand vorbeidurfte und sie plötzlich schulfrei bekommen haben.

Anna fand diese Geschichte am allerbesten.

„Schade, dass wir in Deutschland leben, wo es keine Krokodile gibt“, hat sie gemeint. „Aber vielleicht kann Papa uns ja eins aus Australien mitbringen, da fliegt er doch gerade hin. Das legen wir dann einfach vor unsere Schultür.“

Ich musste richtig lachen, als ich mir das Gesicht von unserer Lehrerin vorgestellt habe. Sie hat nämlich schon vor Angst losgequiekt, als mal einer von den Jungs seine weiße Maus mit in den Unterricht gebracht hat.

„Hm, aber wenn wir das mit dem Krokodil planen, dann ist es doch gar keine richtige Überraschung mehr, oder?“, habe ich zu Anna gesagt.

Anna hat mit den Schultern gezuckt. „Ist doch egal“, hat sie gemeint. „Hauptsache, es gibt schulfrei! Und für alle anderen Kinder wäre es trotzdem noch eine Überraschung, denn die wüssten ja nicht, woher das Krokodil plötzlich kommt.“

Da hat sie natürlich recht gehabt, die Anna.

In der nächsten Geschichte ging es um einen Mann und eine Frau, die einmal sehr verliebt ineinander gewesen sind, als sie noch jung waren.

Aber damals durften sie nicht heiraten, weil es ihre Eltern nicht erlaubt haben. Ganz schön gemein, oder?

Nach fünfundfünfzig Jahren hat sich der Mann aber auf die Suche nach seiner früheren Freundin gemacht.

Inzwischen war sie weit weg in eine andere Stadt gezogen, aber der Mann hat sie gefunden und ist in ein Flugzeug gestiegen, um sie zu besuchen.

Das müsst ihr euch mal vorstellen: Nach fünfundfünfzig Jahren ist er einfach vor ihrer Tür gestanden, mit einer roten Rose in der Hand, und hat gesagt: „Gerlinde, du hast dich gar nicht verändert. Du siehst immer noch aus wie ein Engel!“

Und dann haben die beiden doch noch geheiratet, wie in einem Liebesfilm, und niemand konnte mehr etwas dagegen machen. Ist das nicht eine romantische Überraschungsgeschichte?

Lina hat zwar gemeint, sie glaubt, der Mann hat bestimmt geflunkert, denn Gerlinde war doch jetzt schon ganz alt und runzelig! Und sie kennt keinen einzigen Engel, der Falten im Gesicht hat und graue Haare auf dem Kopf. Aber ich finde, das ist nicht so wichtig, mir hat die Geschichte trotzdem gefallen.

In Linas Lieblingsgeschichte haben ein armer Mann und seine Frau im Garten eine Kiste mit alten Münzen gefunden, als sie ihren Goldfisch beerdigen wollten.

„Aber das ist doch eigentlich eine traurige Geschichte“, hat Anna gesagt. „Sicherlich hatten die beiden ihren Goldfisch sehr lieb.“

„Ach was“, hat Lina da gemeint. „Die sind doch jetzt steinreich, die können sich eine ganze Ladung neuer Goldfische auf einmal kaufen!“

Wir haben im Unterricht über die einzelnen Geschichten gesprochen und darüber, wie viele unterschiedliche Arten von Überraschungen es gibt: ganz zufällige oder welche, die andere sich für einen ausdenken, kleine und große, schöne und manchmal auch nicht so schöne.

„Wenn ihr alle einmal die Augen, Ohren und Nasen aufsperrt, werdet ihr merken, dass euch eigentlich ständig Überraschungen begegnen“, hat unsere Lehrerin erklärt. „Vielleicht sind es nicht immer so außergewöhnliche wie diejenigen aus der Zeitung. Aber kleine Wunder geschehen fast jeden Tag, ihr müsst nur mal genau darauf achten. Manchmal sind wir nämlich so mit anderen Dingen beschäftigt, dass wir sie einfach übersehen!“

Anschließend hat uns Frau Sonntag eine Hausaufgabe aufgegeben. Sie hat gemeint, wir sollen uns eine Liste anlegen oder ein Notizbuch oder eine Schachtel mit Zetteln und in den nächsten vier Wochen einmal alle besonderen Dinge aufschreiben, die wir erleben.

„Sammelt eure kleinen und großen Wunder“, hat sie gesagt. „Und wenn die vier Wochen um sind, liest jeder seine Lieblingsüberraschungen vor.“

Eigentlich mag ich ja Hausaufgaben nicht so besonders gerne, aber diese Aufgabe war ausnahmsweise richtig spannend und ich wollte am liebsten gleich mit dem Überraschungensammeln anfangen!

Als wir Timo und Emil auf dem Nachhauseweg davon erzählt haben, hat sogar mein kleiner großer Bruder gesagt, stimmt, er findet die Hausaufgabe gar nicht schlecht, jedenfalls dafür, dass sie sich ein Lehrer ausgedacht hat.

„Aber ich glaube, dass ihr Mädchen das leider nicht ordentlich hinkriegt“, hat er gemeint. „Vor lauter Kichern und Quatschen erkennt ihr wahrscheinlich die besten Überraschungen überhaupt nicht. Selbst dann nicht, wenn sie euch direkt auf den Kopf fällt.“

Timo hat genickt und gesagt, das glaubt er auch, und wetten, dass die Jungs viel bessere Überraschungen sammeln würden?

„Genau, um richtiger Profi-Überraschungssammler zu sein, braucht man nämlich ein ganz besonderes Gespür, und das fehlt euch Mädchen ja wohl eindeutig“, hat Emil behauptet.

„Haha, dass ich nicht lache“, hat Lina da gerufen und den Jungs einen Vogel gezeigt. „Beweist uns doch erst mal, wie toll ihr im Überraschungssammeln seid, dann werden wir ja sehen.“

„Kein Problem“, hat Emil gesagt. „Timo und ich werden euch bei eurer Hausaufgabe helfen, sonst gibt es bloß wieder eine Katastrophe, wenn man euch was allein machen lässt.“

Und dann hat er noch gemeint, dass sie immerhin ein ganzes Jahr Überraschungsvorsprung haben und von ihnen können wir Mädchen noch was lernen.

Ich sage euch, das war wieder mal typisch mein kleiner großer Bruder, der muss sich echt immer so aufspielen, und manchmal kann er auch richtig gemein sein.

„Und wo sollen wir die vielen Überraschungen aufheben, die wir ab jetzt finden?“, hat Anna gefragt.

„Hm, ich habe noch meinen Butterbrotbeutel, den könnt ihr meinetwegen dafür haben“, hat Timo gemeint und seine zerknüllte Tüte hervorgeholt.

Dabei sind lauter Brösel und eine schlabbrige Gurkenscheibe herausgefallen. Anna-Lina und ich haben protestiert und gesagt, in so eine scheußliche Tüte wollen wir unsere schönen Überraschungen und Wunder aber nicht packen! Die gehören nämlich in etwas besonders Hübsches, wie ein Schmuckkästchen oder eine Schatztruhe.

Und jetzt stellt euch mal vor:

In diesem Augenblick hat es laut über uns gekreischt, und als wir alle nach oben geschaut haben, ist plötzlich ein riesiger Vogel vom Himmel auf uns herabgestürzt.

Vor Schreck habe ich einen Schritt rückwärts gemacht und wäre beinahe in den kleinen Bach neben dem Schotterweg gepurzelt. Der Vogel hat sich blitzschnell die Gurkenscheibe vom Boden geschnappt und ist dann wieder in die Luft gestiegen und im Wald verschwunden.

„Oh Mann, was war das denn für ein Riesenvieh?“, hat Lina gekeucht. „Der war bestimmt doppelt so groß wie Herr Schubert! Das muss mindestens ein Seeadler oder so was gewesen sein! Auf jeden Fall keine Amsel und auch keine Blaumeise, die kenne ich nämlich genau.“

„Quatsch, Seeadler gibt es bloß am Meer oder an anderen großen Gewässern“, hat Timo gesagt. „Ich glaube, das war ein Mäusebussard. Wir haben letzte Woche die Greifvögel durchgenommen und der Vogel eben hatte genau das gleiche braun-weiß gemusterte Gefieder und einen krummen Schnabel!“

Emil hat genickt. „Klarer Fall“, hat er zugestimmt. „Der Piepmatz eben war ein waschechter Mäusebussard!“

Ich glaube, mein kleiner großer Bruder wollte mal wieder besonders cool klingen, dabei hat man gesehen, dass er ganz weiß um die Nase gewesen ist. Wahrscheinlich hat er sich nämlich in echt ganz schön vor dem Mäusebussard erschreckt!

„Lustig, also hat der Vogel gedacht, die Gurkenscheibe ist eine Maus?“, hat Anna gefragt. „Na, da wird er sich aber gewundert haben, wenn die plötzlich nach Schlabbergurke schmeckt!“, hat sie gekichert.

„Hm“, hat Emil gemacht und laut überlegt. „Vielleicht war das ja ein Mäusebussard, der kein Fleisch mag. Bei Menschen gibt es das schließlich auch, die heißen dann Vegetarier. Aber jetzt los, ihr Trödeltanten! Wenn wir nicht endlich nach Hause kommen und mit der Überraschungsjagd beginnen, könnt ihr lange auf ein Wunder warten.“

Aber als Timo sich umgedreht hat, haben Anna-Lina und ich uns angeschaut und mussten alle drei gleichzeitig losprusten.

„Was ist denn jetzt schon wieder?“, hat Timo gefragt und die Augen verdreht.

„Ha, ihr Jungs erkennt eine Überraschung ja sogar dann nicht, wenn sie euch direkt auf den Kopf fällt“, hat Lina da gerufen, und wir Mädchen haben uns fast totgelacht, denn stellt euch mal vor, der Mäusebussard hat für Timo tatsächlich eine kleine Überraschung hinterlassen: Er hat ihm nämlich direkt auf den Kopf gekackt!

„Tja“, hat Lina da gelacht und gemeint, Emil und Timo fehlt anscheinend das richtige Gespür, um Profi-Überraschungssammler zu sein, und sie sollen mal gut aufpassen, denn von uns können sie was lernen.

Zu Hause haben wir dann einen besonders schönen Zettel geholt. Anna durfte schreiben, denn sie hat von uns Mädchen die schönste Schrift. Und sie hat notiert:

Überraschung: Ein echter Mäusebussard hat unsere Gurken­scheibe gefressen und Timo auf den Kopf gekackt. Wahrscheinlich war es ein sehr seltener Vegetarier-Mäusebussard. 

Und dann haben wir plötzlich eine tolle Idee gehabt, wo wir unsere Überraschungszettel hineinstecken können: nämlich in eine leere Blechdose!

Natürlich haben wir die Dose noch verziert, sodass sie jetzt sehr geheimnisvoll und nach einer richtigen Überraschungssammel-Dose aussieht!

Ich kann euch ja schnell erklären, wie das geht. Vielleicht habt ihr auch mal Lust, Überraschungen zu sammeln, und dafür ist so eine Dose perfekt!

Also, ihr braucht:

eine leere Blechdose

Servietten, Papier- oder Stoffreste

Muscheln, Federn, getrocknete Blumen oder andere schöne Dinge zum Aufkleben

Flüssigkleber

Wir haben eine leere Teedose genommen.

Dann haben wir erst mal das Etikett abgemacht, das war nämlich nicht so hübsch. Danach haben wir sie mit schönen bunten Bonbonpapierchen, Serviettenmotiven (wir hatten Blümchen- und Eulenservietten) und getrockneten Blumen beklebt (die hatten Anna-Lina und ich im letzten Sommer gepresst).

Anna-Lina hatten von ihrem Italienurlaub noch kleine Muscheln, die haben wir auch noch dazwischen verteilt.

Um den oberen Dosenrand herum haben wir zum Schluss ein gehäkeltes Band gewickelt, das war mal um eines von meinen Geburtstagspäckchen gebunden.

Anschließend mussten wir die Überraschungssammel-Dose natürlich lange genug trocknen lassen, damit die schönen Sachen auch wirklich kleben bleiben.

„Und wo stellen wir die Dose jetzt auf?“, habe ich gefragt.

Wir haben hin und her überlegt und dann gefunden, dass die Schweinerei perfekt dafür ist.

So nennen wir unseren alten Schweinestall, weil Timos Papa Alex Schreiner ist und sich dort eine kleine Schreinerei eingerichtet hat, in der er am Wochenende herumhämmert und sägt und schleift.

Unser Kater Karli wohnt ja dort, und er ist gleich ganz neugierig angekommen und hat die Dose beschnuppert, bevor wir sie in ein Regalfach gestellt haben. Wahrscheinlich dachte er, dass darin was zu fressen ist.

„Jetzt sei ein braver Wachkater und pass gut auf, dass kein Überraschungsdieb kommt und unsere Dose plündert“, hat Lina zu Karli gesagt. Und Karli hat sie aus seinen riesigen Augen angeschaut und „Miau!“ gemacht und es hat sich angehört, als ob er tatsächlich verstanden hätte, was sie meint.

Wie wir das Mofa vom Michel frisiert haben

Ich kann euch sagen, das mit dem Überraschungen sammeln ist gar nicht so leicht! Man muss nämlich höllisch aufpassen, dass man so eine Überraschung nicht einfach übersieht.

Da hatte unsere Lehrerin wirklich recht. Es passieren eigentlich ständig besondere Dinge, manchmal sogar gleich mehrere an einem Tag, wie gestern zum Beispiel.

Als wir von der Schule heimgekommen sind, hat uns Anna-Linas Mama Sabine aus dem Fenster zugerufen: „Kommt mal alle in die Küche, Kinder! Ich habe ein tolles Rezept aus einer Zeitschrift ausprobiert und deshalb gibt es heute Mittagessen bei uns!“

„Oje“, haben Timo, Emil und ich gleichzeitig geseufzt und Anna-Lina mussten kichern.

Ihre Mama kann ja vieles richtig gut, zum Beispiel Blumen und Gemüse anpflanzen und witzige Dinge erfinden! Aber kochen kann sie wirklich nicht so toll.

Ihre Sachen schmecken immer ein bisschen matschig, vor allem, wenn sie etwas Neues ausprobiert.

Außer Kekse. Die werden meistens zu hart und ein bisschen schwarz. Einmal, als Opa einen von Sabines Hafertalern probiert hat, wäre ihm fast sein Gebiss rausgefallen! „Ein Gugelhupf ist ein nasser Schwamm dagegen“, hat er gebrummt und den Keks dann in seinen Kaffee getunkt.

Trotzdem mögen wir Sabine alle gerne, denn sie ist immer lieb und lustig und lacht ganz viel. Außer wenn wir Maulwürfe im Garten haben. Aber das ist eine andere Geschichte.

„Was gibt es denn, Mama?“, hat Lina gefragt, als wir uns jetzt alle an den großen Tisch in die Küche gesetzt haben.

„Unkrautsuppe!“, hat Sabine ganz stolz geantwortet, und dann ist sie auch schon mit einem großen Topf angekommen und hat uns jedem einen Schöpfer grüne Matsche-Pampe auf den Teller gegeben.

„Alles, was darin herumschwimmt, habe ich in unserem Garten gefunden“, hat sie ganz stolz gesagt. „Mitten auf der Wiese.“

„Echt?“, hat Lina gefragt und ihre Augen haben gefunkelt, als sie mit ihrem Löffel in der Suppe herumgerührt hat. „Sind da auch Würmer und Käfer drin?“

„Iiiiih!“, haben Anna und ich gekreischt. Aber Sabine hat nur gelacht und gemeint, nein, natürlich nicht, die Zutaten sind bloß lauter Kräuter, die man gerne übersieht, obwohl sie überall wuchern und noch dazu richtig gesund sind.

Wir haben uns etwas ängstlich angeschaut und ich habe gedacht, hoffentlich ist nichts Giftiges dabei, denn die Suppe sah wirklich eklig aus, ein bisschen wie grüner Schneckenschleim. Aber dann hat Emil den ersten Löffel probiert, und weil er nicht tot vom Stuhl gekippt ist, haben wir anderen uns auch getraut.

Wir haben jeder einen vorsichtigen Minihappen genommen und dann … dann haben wir alle ganz erstaunte Gesichter gemacht.

„Sauseblitz noch mal“, habe ich geflüstert, und Anna hat gesagt: „Das ist ja eine richtige Überraschung!“

Wir haben natürlich sofort gewusst, was sie meint. Das war nämlich das erste leckere Rezept, das Sabine ausprobiert hat!

Sabines Unkrautsuppe war so gut, dass wir den ganzen Topf ratzeputz leer gegessen haben. Deshalb sind wir Mädchen danach auch gleich in die Schweinerei zu unserer Dose gerannt und haben einen neuen Überraschungszettel hineingeworfen, auf dem stand:

„Ich glaube ja nicht, dass wir in den nächsten Wochen noch eine größere Überraschung erleben!“, hat Anna gemeint, und da mussten wir anderen natürlich lachen und wir haben gesagt, das kann gut sein, aber die Augen werden wir sicherheitshalber trotzdem offen halten.

Und das war auch gut so, denn tatsächlich ist am selben Tag noch etwas viel Besseres passiert, und ich muss euch unbedingt verraten, was das war.

Als Anna-Lina und ich nämlich am Nachmittag in der alten Scheune Verstecken gespielt haben, ist plötzlich das große Holztor aufgegangen und der Michel kam hereingeschlurft, zusammen mit seinem besten Freund, dem Basti.

Der nuschelt genauso wie mein großer großer Bruder und beim Lachen macht er sogar ein ähnliches Quietschgeräusch wie der Michel. So, wie wenn ein Frosch Schluckauf kriegt.

Manchmal habe ich die beiden schon belauscht und sie unterhalten sich immer nur in ganz kurzen Sätzen miteinander. Also, mir würden so wenige Worte ja nicht reichen, aber dem Michel und dem Basti anscheinend schon.

„Hallo!“, hat Anna zu den Jungs gesagt. Sie war die Einzige von uns Mädchen, die zu sehen war, weil sie nämlich gerade mit Suchen dran war.

„Hi!“, haben Michel und Basti nur gebrummt und sind zu Michels Mofa hinübergeschlurft, das parkt mein großer großer Bruder nämlich immer in der Scheune.

Lina und ich sind mucksmäuschenstill in unseren Verstecken geblieben. Aber mitgekriegt habe ich trotzdem alles.

„Und? Wie läuft’s mit der Karin?“, hat der Basti den Michel jetzt gefragt, und der hat mit den Schultern gezuckt und gemurmelt, sie kommt gleich vorbei und holt sich seinen Matheordner, weil sie letzte Woche krank war und nicht zur Schule konnte.

„Cool“, hat Basti gemeint, und dann haben sie Michels Mofa aus der Scheune geschoben. Bevor das Tor wieder zugefallen ist, habe ich noch gehört, wie der Michel gesagt hat: „Sie fährt voll auf Mofas ab. Müsste das alte Schrottteil hier bloß mal frisieren!“

„Hmmm“, hat der Basti gebrummt. Dann konnte ich leider nichts mehr verstehen, aber dafür bin ich jetzt sehr aufgeregt gewesen, das könnt ihr euch vielleicht denken.

Ich mag die Karin nämlich sehr gerne. Sie ist superhübsch und nett und ich freu mich immer, wenn sie mit dem Bus zu uns zu Besuch kommt.

Der Michel fährt sie dann meistens mit dem Mofa wieder nach Hause. Natürlich wünsche ich mir, dass der Michel und sie ein richtiges Liebespaar werden! Und ich glaube, der Michel wünscht sich das auch.

Aber bis jetzt haben die beiden immer nur zusammen Mathe gelernt und sich noch kein einziges Mal geküsst. Jedenfalls nie, wenn ich heimlich durchs Schlüsselloch von Michels Tür geguckt habe.

Da musste ich mich plötzlich an etwas erinnern, das Papa vor ein paar Wochen zu Mama gesagt hat. Nämlich: „Es würde mich überraschen, wenn unser Sohn irgendwann mal eine Freundin abkriegt. So schlampig, wie er immer herumläuft!“

Und da ist mir was eingefallen. „He, ich weiß was!“, habe ich gerufen und bin ganz aufgeregt aus meinem Versteck hervorgekommen.

„Und ich sehe dich!“, hat Anna geschrien.

Aber das war mir in dem Moment natürlich egal und ich habe gesagt, es gibt jetzt etwas Wichtigeres als Verstecken spielen. „Wir müssen uns nämlich sofort um die nächste Überraschung kümmern!“

„Und die wäre?“, wollte Anna wissen.

Jetzt ist Lina auch neugierig geworden und aus ihrem Versteck gekrabbelt.

„Wir müssen dem Michel helfen, sein Mofa zu frisieren!“, habe ich ganz begeistert gerufen. „Denn dann kann es sein, dass die Karin sich heute noch in ihn verliebt! Das wäre doch super, oder?“

„Ja, stimmt, das mit dem Frisieren habe ich auch gehört“, hat Anna überlegt. „Aber wie macht man das? Bringt man die Mofas zu einem Friseur?“

Lina hat den Kopf geschüttelt. „Ich glaube, das ist das Problem“, hat sie gemeint. „Mofa-Friseure sind selten oder viel zu teuer. Sonst würden doch viel mehr Mofas mit schönen Frisuren herumfahren.“

Wir sind nach draußen geschlendert und haben gesehen, wie der Michel und der Basti mit lauter Werkzeug vor dem Mofa gekniet und daran herumgewerkelt haben. Emil und Timo haben ihnen dabei zugesehen.

„He, das hier ist nichts für Mädchen!“, hat Emil uns zugerufen. „Spielt ihr mal lieber mit euren Puppen, dabei macht ihr euch wenigstens nicht schmutzig!“

Da hat Lina uns weggezogen und geflüstert: „So wird das nie was. Die Jungs haben absolut keine Ahnung von Frisuren, das sieht man ja an ihren eigenen.“

Und dann sind wir Mädchen in den linken Teil vom Hufeisenhaus verschwunden, um anständige Frisiersachen zu holen.

„Das Wichtigste ist, dass das Mofa überhaupt erst mal Haare kriegt, die man frisieren kann“, hat Lina gemeint, und wir sind zu einer großen bunten Holztruhe in Sabines Zimmer gegangen, in der sie lauter Sachen zum Verkleiden aufbewahrt.

„Ha, hier habe ich schon was Tolles“, hat Lina gerufen und eine pipigelbe Perücke mit kurzen Locken hervorgezogen.

„Nein, die geht auf keinen Fall“, habe ich sofort gesagt. „Die sehen ja aus wie die Haare von Frau Metzger! So verliebt sich die Karin bestimmt nicht in den Michel.“

Ihr müsst nämlich wissen: Frau Metzger war unsere Nachbarin, als wir noch in unserer Wohnung in der Stadt gewohnt haben. Sie und ihr Mann haben sich ständig über alles beschwert.

Einmal haben uns Metzgers sogar auf dem Sonnenhof besucht. Das war eine ganz schreckliche Überraschung! Aber zum Glück sind die Metzgers dann ziemlich schnell wieder verschwunden, weil Karli sie mit einer toten Maus verjagt hat. Und überhaupt glaube ich, dass es ihnen zu schmutzig und zu laut bei uns war.

„Und was ist damit?“, hat Lina jetzt gefragt und eine Perücke mit zwei blonden geflochtenen Zöpfen hervorgeholt.

„Ja, schon viel besser“, habe ich gesagt. „Die könnten wir an den Lenker machen. Und die hier vielleicht auf den Sattel.“ Ich habe auf einen roten Lockenschopf gedeutet.

Wir haben alle Sachen in eine Tüte gepackt und dann aus dem Fenster geschaut.

Die Jungs haben immer noch an dem Mofa herumgeschraubt. Aber es ist wirklich kein bisschen schöner geworden.

Irgendwann haben der Michel und der Basti das Mofa wieder in die Scheune geschoben und der Basti ist mit seinem eigenen Mofa abgezischt. Und dann, endlich, ist die Karin auf den Hof spaziert.

„Oh, sie sieht heute aber wieder hübsch aus“, hat Anna gesagt. „Schaut euch bloß mal ihre großen Stern-Ohrringe an!“

Wir haben alle drei die Luft angehalten und waren sehr gespannt, wie der Michel sie wohl begrüßt. Aber der hat nur kurz die Hand gehoben und sie gar nicht richtig angeschaut.

„Oje, er braucht wirklich dringend Hilfe“, hat Lina geseufzt.

Wir haben noch ein bisschen abgewartet, bis alle im Haus waren. Dann sind wir wieder nach draußen und in die Scheune geschlichen. Zum Glück haben Emil und Timo nichts davon mitgekriegt, denn die hätten sicher bloß behauptet, dass sie viel bessere Mofa-Friseure wären als wir.

„Seht doch mal, die roten Locken passen genau über den Sattel!“, hat Lina gejubelt, und Anna hat noch ein bisschen Haarspray draufgesprüht, damit sie schön glänzen und duften.

Anschließend haben wir an den Seiten ein paar glitzernde Haarspangen und rosa Schleifchen festgemacht.

Beim Lenker ist es schwieriger gewesen, weil die Zöpfe nicht richtig halten wollten. Aber da hat Lina gesagt: „Jeder anständige Friseur benutzt schließlich auch Scheren!“

Und sie hat die Perücke einfach auseinandergeschnitten und jetzt konnten wir einen Zopf um den linken und einen um den rechten Lenker wickeln. Damit sie nicht runterfallen, haben wir noch lauter bunte Haargummis drübergestülpt.

„Habt ihr schon jemals ein besser frisiertes Mofa gesehen als das hier?“, hat Lina ganz stolz gefragt, und wir haben gejubelt, nein, auf keinen Fall und wir sollten es eigentlich zu einem Schönheitswettbewerb anmelden!

Dann sind wir ganz leise aus der Scheune geschlichen und haben uns hinter einem Busch versteckt, um auf Karin und Michel zu warten.

Ich kann euch sagen, in meinem Bauch hat es vor Aufregung ganz schrecklich angefangen zu kribbeln!

Als die beiden endlich auftauchten, hatte der Michel zwei Helme unterm Arm.

„Ooooh, jetzt holt er gleich das Mofa aus der Scheune und dann verliebt sie sich in ihn!“, hat Anna geflüstert und nach meiner Hand gegriffen.

Der Michel ist auch tatsächlich in der Scheune verschwunden. Bloß rausgekommen ist er nicht mehr.

„Wo bleibt er denn?“, hat Lina gezischt und ist ganz hibbelig geworden.

Irgendwann hat auch die Karin ungeduldig auf ihre Uhr geschaut und selbst das Tor aufgemacht. „Michel?“, hat sie gerufen. „Alles klar?“

Und dann, dann ist der Michel ganz langsam mit seinem Mofa herausgekommen und er war knallrot im Gesicht und es kamen lauter so komische Laute aus seinem Mund wie: „Hmpf, äh, öh, dntz …“

Als die Karin das Mofa gesehen hat, hat sie einen kleinen Schrei ausgestoßen. „Ja, was ist denn damit passiert?“, hat sie gejauchzt. „So was habe ich ja noch nie gesehen! Fast wie ein richtiges Kunstwerk! Hast du das etwa für mich gemacht?“

„Tja, äh, hmmm, öööh, pffff …!“, hat der Michel geantwortet, und ich habe mir gedacht, dass Timo später aber mal was Schöneres zu mir sagen muss, bevor ich mich in ihn verliebe und ihn heirate. Aber der Karin haben die komischen Grunzlaute vom Michel anscheinend gereicht.

„Damit musst du unbedingt noch eine Extrarunde zum Café mit mir machen“, hat sie gesagt und ihn angelächelt. Und jetzt stellt euch mal vor: Sie ist auf den Michel zugegangen und hat ihm einen Kuss gegeben.

Zwar nicht so richtig auf den Mund, aber immerhin auf die Backe! Sauseblitz noch mal, ich wäre vor Glück beinahe aus unserem Versteck gepurzelt! Lina konnte mich gerade noch zurückhalten.

„Es hat geklappt!“, hat Anna geflüstert und mir vor Freude in den Arm gezwickt. „Sie hat sich in ihn verliebt. Schaut mal, wie sie sich an ihn rankuschelt!“

Und dann haben wir zugeschaut, wie der Michel mit der Karin auf seinem frisch frisierten Mofa vom Hof gefahren ist und die Schleifchen dabei im Wind geweht haben. Ich glaube, so etwas Romantisches habe ich bis jetzt nur in Filmen gesehen.

Als wir am Abend zur Schweinerei gegangen sind, um unseren neuen Überraschungszettel in die Dose zu stecken, waren die Jungs richtig stinkig.

„Also ihr seid ja vielleicht doof“, hat Emil uns angeraunzt. „Typisch Mädchen, eben! Ein Mofa frisieren bedeutet doch was ganz anderes, nämlich -“

„Ach, ist doch pupsegal, was das für euch Jungs wieder heißt“, hat Lina ihn da ganz ärgerlich unterbrochen. „Hauptsache, unsere Überraschung hat geklappt, oder etwa nicht?“

In diesem Moment haben wir gehört, wie der Michel mit seinem Mofa zurück in den Hof gefahren kam.

Wir sind alle aus dem alten Schweinestall gestürmt, und mein Herz hat gebumpert, das könnt ihr euch gar nicht vorstellen!

Der Michel hat seinen Helm abgenommen und zu uns rübergeschaut. Gesagt hat er nichts, aber dafür hat er seinen Daumen hochgehalten und den Mund zur Seite hin verzogen, das soll bei ihm ein Grinsen sein. Dann hat er sein frisiertes Mofa in die Scheune geschoben.

Ich kann euch sagen, Timo und Emil haben vielleicht Augen gemacht! Fast rausgefallen sind sie ihnen! Und rumgemurrt haben sie jetzt auch nicht mehr, ich glaube, dafür waren sie viel zu baff.

Und wisst ihr was? Das war eigentlich die größte Überraschung an diesem Tag. Denn das habe ich bei meinem kleinen großen Bruder wirklich noch nie erlebt!

Ende von Teil 1. Nächste Woche geht es spannend weiter auf dem Sonnenhof.

Ende der Geschichte! Hab einen spannenden Tag!

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