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Von dem Schäfchen, das nicht mehr über den Zaun springen wollte

Eine Geschichte von Marliese Arold mit Illustrationen von Steffie Becker, erschienen bei ellermann im Dressler Verlag.

Es ist schon ein Weilchen her, dass Mama Ella einen Gutenachtkuss gegeben und das Licht ausgemacht hat. Aber Ella kann einfach nicht einschlafen. Mit offenen Augen liegt sie im Bett und drückt ihr Kuscheltier an sich. Sie ist so müde, aber der Schlaf will einfach nicht kommen.

Da erinnert sich Ella daran, was Oma Mina einmal gesagt hat: „Wenn du nicht schlafen kannst, dann denke einfach an eine große Herde Schafe. Stell dir vor, wie ein Schäfchen nach dem anderen über einen Zaun springt. Dabei das Zählen nicht vergessen! Wetten, dass du eingeschlafen bist, bevor du bis hundert gezählt hast?“

Ob der Trick funktioniert?

Ella seufzt. „Versuchen kann ich es ja mal“, murmelt sie. Sie schließt die Augen und stellt sich eine große Wiese vor. Lauter weiße, wollige Schafe tummeln sich darauf. Ella muss lächeln. Sie mag Schafe. Dann stellt sie sich einen Zaun vor. Das erste Schaf trabt hin, guckt neugierig, dann macht es einen Sprung und ist auf der anderen Seite. Eins! Schäfchen zwei und drei folgen sofort.

Doch das vierte Schaf hält kurz vor dem Zaun an und probiert erst einmal, wie das Holz schmeckt. Genüsslich steht es da und kaut. Schaf fünf schubst es von hinten an.

„Nicht fressen, du Doofi! Drüberspringen!“, sagt es. Dann nimmt es einen kurzen Anlauf und hopst über den Zaun.

Schaf vier steht immer noch da und wartet. Lange schaut es Schaf fünf nach.

„Warum soll ich über den blöden Zaun springen?“, ruft Schaf vier dann. „Dazu habe ich überhaupt keine Lust, jawohl!“

Die anderen Schafe blöken zustimmend.

„Wir wollen auch nicht über den Zaun springen! Das ist uns zu anstrengend. Wir wollen lieber Fangen spielen, das macht viel mehr Spaß!“, rufen sie.

Die Schafe rennen über die Wiese. Ein Schaf mit einem braunen Kopf versucht, die anderen zu fangen. Es kann sehr schnell rennen. Bald hat es ein Schaf erwischt und blökt fröhlich: „Jetzt bist du dran!“

Munter geht das Spiel weiter. Ella schaut den Schafen zu. Am liebsten würde sie mitmachen …

„Warum nicht?“, sagt da das Schaf mit dem braunen Kopf. Es hat sich umgedreht und guckt Ella direkt an. „Allerdings bist du ein Menschenmädchen und hast nur zwei Beine. Ich wette, dass wir mit unseren vier Beinen viel schneller sind als du“, sagt es.

„Haha, das glaube ich nicht!“, antwortet Ella. „Ich kann sehr gut rennen. Im Kindergarten bin ich die Schnellste!“

„Dann fang mich doch!“, fordert das Schaf Ella auf. Es dreht sich um und galoppiert über die Wiese davon. Ella rennt hinterher. Das Schaf ist schnell, aber Ella ist schneller. Bald hat sie das Schaf eingeholt und greift in seinen wolligen Rücken.

„Ich hab dich!“, ruft sie.

„Und jetzt musst du laufen, und wir fangen dich“, fordert das Schaf sie auf.

Ella rennt lachend über die Wiese. Es ist toll, übers Gras zu laufen. Ella juchzt vor Freude. Sie breitet die Arme aus. Die Schafe rennen hinter ihr her, aber Ella ist schneller. Erst als es einen Hügel hinaufgeht, wird sie langsamer. Jetzt wären vier Beine praktisch! Ella keucht. Es ist anstrengend!

Als sie endlich oben auf dem Hügel steht, haben die Schafe sie eingeholt. Sie umringen Ella und blöken fröhlich im Chor: „Wir haben dich, wir haben dich!“

Ella lacht. Es hat Spaß gemacht, mit den Schafen um die Wette zu rennen.

„Wollen wir jetzt Verstecken spielen?“, schlägt das Schaf mit dem braunen Kopf vor. „Wir verstecken uns, und du musst uns suchen.“

Ella ist einverstanden. Sie hält die Hände vors Gesicht und zählt dreimal bis zehn. Als sie sich dann umschaut, ist kein Schaf mehr zu sehen.

„Huhu, wo seid ihr?“, ruft Ella. Sie läuft den Hügel hinunter. Hinter einem Baum entdeckt sie das erste Schaf.

„Ich sehe dich!“, ruft Ella.

Das Schaf macht einen Luftsprung. Es läuft zu Ella und bleibt an ihrer Seite. Sie suchen jetzt gemeinsam. Sie finden die anderen Schafe im hohen Gras, hinter einer Brombeerhecke und in einem Heuschober. Zuletzt fehlt nur noch das Schaf mit der Nummer vier.

„Hm, wo könnte es nur sein?“, überlegt Ella laut. Sie hat schon die ganze Wiese abgesucht. Sie geht einen schmalen Pfad entlang. Der Pfad führt zu einem Haus, und Ella erkennt, dass es das Haus ist, in dem sie wohnt. Merkwürdig! Außerdem steht die Haustür offen.

Ella geht hinein. Sie schaut in die Küche. Kein Schaf. Sie schaut ins Wohnzimmer. Kein Schaf zu sehen. Sie geht die Treppe hinauf und öffnet die Tür zu ihrem eigenen Zimmer. Da liegt das Schaf in ihrem Bett! Es blickt Ella aus fröhlichen braunen Augen an. Die Bettdecke hat es bis zum Hals hochgezogen, sodass nur noch sein Kopf zu sehen ist.

„Du hast ein schönes Bett“, sagt das Schaf. „So warm und weich! Darf ich heute Nacht bei dir schlafen?“

„Wenn du nicht zu viel Platz brauchst“, sagt Ella. Sie schlüpft ins Bett neben das Schaf, das ein bisschen zur Seite rückt.

„Ich hoffe, du schnarchst nicht“, sagt das Schaf.

„Bestimmt nicht“, antwortet Ella. Sie kuschelt ihren Kopf an den weichen Schafhals. Wie gut sich das anfühlt!

Aber was wird wohl Mama sagen, wenn sie am nächsten Morgen ein Schaf in Ellas Bett entdeckt?

„Mach dir mal darüber keine Sorgen“, sagt das Schaf.

„Woher weißt du, was ich gerade gedacht habe?“, wundert sich Ella.

Das Schaf kichert. „Ich bin doch dein Traumschaf und kenne alle deine Gedanken.“

Ein Traum? Ella setzt sich im Bett auf. Sie knipst die Nachttischlampe an. Der Platz neben ihr ist leer. Kein Schaf! Sie hat alles nur geträumt …

Ende der Geschichte! Hab einen spannenden Tag!

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