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Die Vorlesenacht

Eine Geschichte von Katja Frixe mit Illustrationen von Sandra Kissling, erschienen im cbj Verlag.

Als Mama und Papa Millie heute in den Kindergarten bringen, ist alles anders.

Es dämmert schon, und in den Fenstern brennen Kerzen.

„Ich bin ja wirklich gespannt, wie eure Vorlesenacht wird“, meint Mama.

„Ich auch", sagt Millie.

In ihrem Rucksack sind ihr Lieblingsbuch, ein Kissen und ihr Kuschel-Elefant.

Gleich gibt es Abendessen, und danach lesen Pio, Gesa, Farid und Maria den Kindern vor – auf dem Baumhaus, im Kissenbecken, auf einem Matratzenlager im Flur und sogar in Pios Küche.

„In zwei Stunden holen wir dich wieder ab“, meint Papa. „Und dann kannst du mit vielen bunten Geschichten im Kopf in dein Bett plumpsen.“

„Heute Nacht träume ich bestimmt was Tolles."

Millie drückt erst Papa und dann Mama, winkt noch mal und geht dann rein.

„Viel Spaß“, ruft Mama ihr hinterher.

„Den werden wir haben", ruft Gesa, die schon die Tür aufhält. „Bis später!“

Als Millie ihre Jacke und ihre Schuhe auszieht, kommen Naoko und Moritz angelaufen.

„Weißt du schon, wohin du zuerst gehst?“, fragt Naoko.

„Maria liest im Baumhaus Märchen vor, Pio liest Quatschgeschichten in der Küche, Gesa Spukgeschichten im Flur und Farid Tiergeschichten im Kissenbecken.“

Moritz hüpft aufgeregt auf und ab.

„Ich liebe Spukgeschichten! Hoffentlich sind die auch schön unheimlich.“

Millie läuft es eiskalt über den Rücken.

„Brrr", macht sie. „Das ist mir zu gruselig. Ich höre mir erst mal die Quatschgeschichten an. Das ist bestimmt lustig. Und danach die Tiergeschichten.“

„Ich möchte zuerst ein Märchen hören", sagt Naoko und streicht über ihren Tüllrock. „Hoffentlich kommt darin eine Prinzessin vor.“

„Bevor wir mit dem Lesen loslegen, stärken wir uns aber erst mal“, ruft Gesa. „Pio, was hast du dir Schönes überlegt?“

Pio deutet auf das Matratzenlager im Flur.

„Heute muss niemand am Tisch sitzen. Wir machen ein Picknick auf dem Fußboden. Ihr könnt mir helfen, die Köstlichkeiten aus der Küche zu tragen.“

Als alle Schälchen im Flur stehen, weiß Millie gar nicht, was sie zuerst essen soll: die kleinen Laugenigel, eine Knusperschlange oder doch erst mal etwas Obst?

„Einige Sachen habe ich auch passend zu unserer Vorlesenacht vorbereitet“, erklärt Pio. „Das hier sind die Märchen-Muffins."

Er deutet auf die kleinen Kuchen, denen er Prinzessinnen-Gesichter verpasst hat. Die Haare sind aus süßen Gummischnüren.

„Ich glaube, ich esse ein Schneewittchen“, sagt Naoko kichernd und streckt ihre Hand nach einem Muffin mit Lakritzhaaren aus.

Millie entscheidet sich für einen Käsespieß aus dem Gurken-Krokodil, das Pio für die Tiergeschichten gebaut hat.

„Und das hier ist bestimmt für die Spukgeschichten“, ruft Tarek.

Er schnappt sich ein mit Teig umwickeltes Würstchen, das wie eine Mumie aussieht.

Nach dem Essen gehen alle Hände waschen und verteilen sich auf die Leseinseln.

So hat Gesa die verschiedenen Stationen genannt.

Millie findet das eine schöne Vorstellung – mit einem Buch auf einer Insel zu sein und die Welt um sich herum zu vergessen.

Sie flitzt in die Küche und setzt sich auf einen der großen umgedrehten Töpfe, auf die Pio gemütliche Kissen gelegt hat.

„Kommt noch jemand, der die Quatschgeschichten hören möchte?“, fragt der Koch.

„Ich glaube nicht", antwortet Millie.

„Die meisten sitzen bei Farid und den Tiergeschichten.“

Pio zuckt die Schultern. „Ist ja gar kein Problem. Dann machen wir einfach zu zweit Quatsch."

Er schlägt ein Buch auf und beginnt vorzulesen. „Das kleine Gespenst Wusel schwirrte gelangweilt durchs Schloss.“

Millie bekommt schwitzige Hände. „Bitte nichts Unheimliches", sagt sie. „Ich habe Angst vor Gespenstern.“

„Du wirst gleich sehen, dass Wusel kein unheimliches Gespenst ist. Sondern ein sehr, sehr witziges.“

Und das stimmt. Wusel ist ziemlich tollpatschig, fliegt überall dagegen und erschreckt sich beim kleinsten Pieps.

Millie kann gar nicht mehr aufhören zu lachen.

„Hier", sagt Pio und reicht Millie das Buch. „Sieh dir mal die Bilder dazu an.“

„Das hier finde ich besonders lustig", meint Millie und zeigt auf eine Szene, in der Wusel sich im Küchenschrank versteckt, weil er bei den Besen eine Spinne entdeckt hat.

„Nicht, dass es in meiner Küche auch irgendwelche Spinnen gibt“, sagt Pio grinsend.

„Soll ich mal nachsehen?", fragt Millie. „Vor Spinnen habe ich nämlich überhaupt keine Angst.“

„Ich schon", gibt Pio zu. „Aber dann weiß ich jetzt ja, wen ich rufen muss, wenn ich mal eine entdecke.“

Millie springt auf und öffnet einen der Schränke. Sie steckt ihren Kopf hinein und sieht in der hintersten Ecke einen schwarzen Punkt.

„Da ist etwas“, sagt sie und kriecht in den Schrank.

Tatsächlich – eine winzig kleine Spinne!

Millie lässt sie auf ihren Finger krabbeln und schiebt sich wieder zurück in die Küche.

Doch das ist gar nicht mehr die Kindergarten-Küche!

Sondern sie sieht jetzt aus wie die Küche aus Pios Geschichte.

Millie ist von alten Burgmauern umgeben und von Möbeln wie aus einer anderen Zeit.

Die Küche geht in einen großen Raum über, in dem ein langer Holztisch mit Bänken steht.

„Schöner Mist“, sagt Millie zu der Spinne auf ihrem Finger. „Was machen wir denn jetzt?“

„… acht, neun, zehn, ich komme!“, ruft da eine Stimme.

„Wusel, wo bist du?“

Millie reißt die Augen auf, als ein Gespenst um die Ecke geschwebt kommt.

Sie muss sich irgendwo verstecken! Aber wo?

Millies Knie zittern. Doch plötzlich fängt das Gespenst an zu kreischen.

„Ahhhhhhh, ein Mensch! Wusel, hier ist ein fremder Mensch! Bleib da, wo du bist, und komm in keinem Fall aus deinem Versteck. Das ist so was von gru-se-lig!“

Und – zack! – ist das Gespenst wieder verschwunden.

Millie ist so verdattert, dass sie ihre eigene Angst für einen Moment vergisst.

„Was ist denn an mir bitte schön gruselig?", murmelt sie erstaunt.

Sie beschließt, sich ein wenig umzusehen.

Wenn sie wirklich in der Geschichte gelandet ist, die Pio ihr gerade vorgelesen hat, dann müsste Wusel ja im Küchenschrank stecken.

Ob sie mal nachsehen soll?

Unschlüssig steht sie davor.

Während sie noch überlegt, öffnet sich die Schranktür einen winzig kleinen Spalt.

Groß genug, dass Millie ein Paar Gespensteraugen sieht.

Millie schreit los, und das Gespenst im Schrank kreischt ebenfalls.

„Meine Güte, was ist denn das für ein Lärm?“, fragt ein Junge mit blonden Haaren.

Er marschiert durch das riesige Esszimmer und bleibt vor Millie stehen.

„Ah, du bist wohl die neue Küchenhilfe, was?“

Er klopft Millie auf die Schulter.

Ehe sie etwas erwidern kann, fährt er fort: „Ich bin Leopold, Ritter in Ausbildung. Hat sich Wusel mal wieder im Schrank versteckt?“

Er schüttelt den Kopf und reißt die Küchenschranktür auf.

Millie hüpft zur Sicherheit hinter Leopolds Rücken.

„Das ist mein Freund Wusel“, erklärt er.

„Wusel ist allerdings kein gewöhnliches Gespenst. Anstatt die Menschen zu erschrecken, hat er Angst vor ihnen. Genau wie seine Schwester Wio. Es hat ewig gedauert, bis die beiden sich hervorgetraut haben, wenn ich im Raum war. Vor Fremden gruseln sie sich immer noch.“

Er zieht das Gespenst aus dem Küchenschrank.

„Lass mich los“, schimpft es und befreit sich aus Leopolds Griff.

Aus dem Augenwinkel sieht Millie, dass sich Wusel ganz oben auf die Lampe setzt.

Leopold legt seinen Kopf in den Nacken.

„Wie oft soll ich dir noch sagen, dass die meisten Menschen total ungefährlich sind? Siehst du nicht, dass dieses Mädchen Angst vor dir hat?“

Er streckt die Hand aus.

„Na los, komm wieder runter. Ich hätte riesengroße Lust, mit euch allen zu spielen. Also mit …“

Er hält kurz inne und dreht sich zu Millie um.

„Millie", sagt sie.

„Also, mit Millie und dir und Wio“, fährt Leopold fort.

Millies Herzschlag beruhigt sich langsam.

Dieser Wusel scheint wirklich ungefährlich zu sein.

Und die Geschichten, die Pio von ihm vorgelesen hat, waren ja auch eher witzig.

„Ich tue dir nichts", verspricht Millie.

„Okay“, antwortet das Gespenst. „Ich tue dir auch nichts."

Vorsichtig schwebt es nach unten.

Dort setzt es sich auf Leopolds Schulter und sieht Millie an.

Schließlich huscht ein Lächeln über Wusels Gesicht.

„Eigentlich ganz schön lustig, dass wir uns beide gleichzeitig angeschrien haben.“

„Ja", antwortet Millie und grinst ebenfalls. „Auf eine Runde Verstecken hätte ich übrigens auch Lust. Ist das hier eine Burg?“

„Und was für eine!", sagt Leopold. „Wenn du willst, zeige ich sie dir.“

Nach dem Burg-Rundgang treffen sich Leopold, Millie, Wusel und Wio wieder in der Küche.

„Ich suche zuerst!“, ruft Wio und fängt an zu zählen.

Millie läuft in das Esszimmer und versteckt sich hinter einer alten Ritterrüstung.

„Pst“, macht Wusel, der hinter ihr hergeflogen ist.

„Da findet Wio dich sofort. Komm mit!“

Gemeinsam ducken die beiden sich hinter eine schwere Holztruhe.

„Dass ich mit zwei Gespenstern Verstecken gespielt hab, glauben mir meine Freunde nie“, flüstert Millie.

„So schlimm sind wir gar nicht, oder?", meint Wusel.

Millie schüttelt den Kopf. „Ich aber auch nicht, oder?“

„Nee", sagt Wusel. „Du bist richtig nett.“

Millie spürt, dass sie ein kleines bisschen rot wird.

„Hab euch!", ruft Wio. „Wer tuschelt, wird gleich gefunden.“

„Jetzt suche ich“, beschließt Millie.

Sie läuft in die Küche, schließt die Augen und beginnt zu zählen.

„Ich komme!“, ruft sie, als sie bei „zehn“ angelangt ist.

„Na, das freut mich aber“, antwortet eine tiefe Stimme.

„Hast du eine Spinne in meinem Schrank gefunden?“

Millie ist wieder bei Pio.

Sie muss ein paarmal blinzeln, bis sie versteht, was gerade passiert ist.

„Ja, habe ich", sagt sie. „Ist mir aber weggelaufen.“

Sie stellt sich vor, wie die Spinne jetzt über den Küchenboden in der Burg krabbelt und Wusel den nächsten Schrecken einjagt.

„Soll ich dir noch eine Quatschgeschichte vorlesen?", fragt der Koch.

„Nein, danke“, ruft Millie fröhlich. „Ich muss mir jetzt unbedingt eine Spukgeschichte anhören.“

„So, so", sagt Pio mit einem Augenzwinkern. „Na, dann wünsche ich dir viel Spaß dabei!“

Ende der Geschichte! Hab einen spannenden Tag!

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