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Das kleine Wildschwein Willanderssein

Eine Geschichte von Britta Sabbag, mit Illustrationen von Igor Lange, erschienen im arsEdition Verlag.

„Einen schönen guten Morgen“, wünscht Mama in das schlammige Laubversteck des kleinen Wildschweins.

„Einen schönen guten Abend!“, antwortet es.

„Abend?“, fragt Mama erstaunt.

„Es ist doch erst früher Morgen! Schau nur, wie schön das Sonnenlicht durch das Laub fällt! Wir frühstücken gleich erst einmal ordentlich, bevor wir in den Tag starten.“

Doch das kleine Wildschwein schüttelt den Kopf.

„Ich möchte zuerst den Nachtisch futtern."

„Aber den gibt es erst nach dem Mittagessen“, rügt Mama.

„Wer sagt das?", fragt das kleine Wildschwein.

Mama hebt die borstigen Schultern. „Na ja, man macht es einfach so.“

„Dann mache ich es heute anders", beschließt das kleine Wildschwein.

Mama guckt besorgt. „Du bist heute aber ganz schön verdreht!“

Doch das kleine Wildschwein findet die Idee ganz famos.

Wer sagt denn, was man wie und in welcher Reihenfolge machen sollte?

Heute will es alles ganz anders machen.

Und mit dem Nachtisch zum Frühstück wird es beginnen.

Es schaufelt sich einen großen Berg Vanillepudding auf den Teller.

Papa sieht erstaunt zu. „Was ist denn nur mit unserem Kind los?"

Mama weiß es auch nicht. „Vielleicht haben wir hier ein kleines Wildschwein Willanderssein?“

Das hat wirklich Spaß gemacht, denkt sich das kleine Wildschwein, als es sich anziehen soll.

Mama hat eine Hose und einen Pullover rausgelegt.

Auch der Fußball liegt schon bereit.

Doch das kleine Wildschwein Willanderssein hat eine andere Idee.

Schnell flitzt es zu seinem kleinen Geschwisterchen ins Zimmer.

Dort liegt das Ballettröckchen auf dem Stuhl neben dem Bett.

Schwups!, hat das kleine Wildschwein es übergezogen. Mama, Papa und das Geschwisterchen wundern sich:

„Ach du liebes Wildschwein! Seit wann will das kleine Wildschwein denn Ballett tanzen?“

Doch das kleine Wildschwein Willanderssein schert sich nicht darum, was die anderen denken.

Es dreht wilde Pirouetten, tanzt auf einem Bein und springt hoch in die Luft.

Hui!, macht das Spaß! Warum ist es bloß nicht schon früher auf diese schweinisch gute Idee gekommen?

„Jetzt ist es aber gut“, sagt Papa.

„Es ist Zeit, sich eine ordentliche Runde im Schlamm zu wälzen.“

Doch das kleine Wildschwein hat nicht vor, sich eine ordentliche Runde im Schlamm zu wälzen.

Stattdessen will es lieber ein schönes Schaumbad am Fluss mit dem klarsten Waschwasser der Welt nehmen.

„Aber so etwas machen wir nicht", stöhnt Mama.

„Wir sind Wildschweine und lieben den Schlamm!“

„Wer sagt, dass wir das nicht machen?", fragt das kleine Wildschwein Willanderssein.

Doch Mama und Papa wissen keine Antwort.

Und so hängt sich das kleine Wildschwein Willanderssein das schöne rote Badetuch über die Schulter, das noch nie benutzt worden ist, und stiefelt zum Fluss.

Dort nimmt es ein riiiiiesiges Schaumbad mit allem Drum und Dran.

„Was machst du denn hier?", fragt der kleine Waschbär.

Auch der kleine Biber wundert sich.

„Wildschweine lieben es doch, sich ordentlich in Schlammlöchern herumzuwälzen.“

„Das ist mir egal", antwortet das kleine Wildschwein. „Alles mal anders zu machen, macht tierischen Spaß!“

Der kleine Waschbär und der kleine Biber denken nach.

Vielleicht hat das kleine Wildschwein recht?

Der kleine Waschbär hört abrupt auf, sich zu waschen, und springt im großen Bogen in eine riesige Schlammpfütze.

Hui, macht das Spaß!

Und der Biber knabbert nicht mehr an der Baumrinde, sondern pflückt einen großen Blumenstrauß.

„Daraus mache ich Wildblumensalat!“, ruft er stolz. „Eine gute Idee, mal was anders zu machen!“

Frisch gewaschen fühlt sich das kleine Wildschwein Willanderssein so richtig schweinewohl.

„Und jetzt möchte ich Zähne putzen!“

Es läuft schnell nach Hause zum Holztrog im Badezimmer und schnappt sich seine Zahnbürste.

„Aber Zähne putzt man morgens und abends!“, sagt das Wildschwein-Geschwisterchen.

Doch das kleine Wildschwein Willanderssein findet das nicht.

„Ich kann Zähne putzen, wann immer ich will!“

Es putzt und putzt, bis seine Zähne glänzen und blitzen und schimmern.

Dann leckt es mit seiner kleinen rauen Wildschweinzunge darüber.

„Das fühlt sich herrlich an!“

Das Geschwisterchen wundert sich.

Warum ist es selbst noch nie auf diese Idee gekommen?

„Und jetzt möchte ich eine Gutenachtgeschichte lesen“, sagt das kleine Wildschwein zu Mama und Papa.

„Mein Kind, es ist mitten am Tag!“, rüffelt Mama.

„Da können wir doch keine Gutenachtgeschichte lesen. Das macht man abends, vor dem Schlafengehen!“

„Wer sagt das?", fragt das kleine Wildschwein Willanderssein.

Doch Mama und Papa wissen keine Antwort.

„Na gut“, sagen sie, „wir machen eine Ausnahme und kuscheln uns zusammen ins Bett und schauen uns gemeinsam ein Bilderbuch an.“

Ah, ist das kuschelig im großen Schweineeltern-Bett!

Und dann lesen sie alle zusammen die liebste Gutenachtgeschichte vom kleinen Wildschwein.

Mama und Papa lachen und haben viel Spaß beim Lesen mit den kleinen Wildschweinchen, denn keiner ist müde.

Warum sind sie nicht schon viel früher auf diese schweinisch gute Idee gekommen?

Doch das kleine Wildschwein Willanderssein hat schon wieder eine neue Idee.

„Ich möchte rosa Hufnägel haben!“, erklärt es.

„Und eine Schleife im Haar. Und statt meiner Tasche nehme ich den kleinen glitzernden Rucksack mit in den Waldkindergarten.“

Mama und Papa schütteln zwar den Kopf.

Aber dann helfen sie dem kleinen Wildschwein doch beim Zurechtmachen.

Papa lackiert vorsichtig die Hufnägel.

„Das macht ja sogar Spaß!", findet er.

Und Mama frisiert das kleine Wildschwein.

„Deine Haare sind wunderbar borstig!“, sagt sie. „Damit kann man tolle Frisuren machen!“

Das kleine Wildschwein Willanderssein freut sich schon auf den Waldkindergarten, denn so schick war es noch nie.

Im Waldkindergarten angekommen, staunen die anderen Tierkinder nicht schlecht.

„Was hast du denn da im Haar?“, fragt das Rehkitz.

„Und warum sind deine Nägel lackiert?“, will das Bärenkind wissen.

„Ja, du siehst ganz anders aus als sonst“, meint auch der kleine Fuchs.

„Heute mache ich alles mal anders“, erklärt das kleine Wildschwein.

„Und wisst ihr, was? Das macht riesigen Spaß! Probiert es doch auch mal!“

Zuerst zögern die Tierkinder etwas, aber dann haben sie schnell eine Menge Ideen, was man alles anders machen kann.

„Ich ziehe meinen Schlafanzug an, obwohl ich gar nicht schlafen gehe!“, erklärt das Kuckuckskind. „Das ist ja soooooo bequem!“

Warum sind sie nicht schon viel früher auf diese schweinisch gute Idee gekommen?

Zurück zu Hause, ist das kleine Wildschwein Willanderssein ganz müde und hungrig von dem aufregenden Tag, an dem es alles anders gemacht hat.

„Bitte schön“, sagt Mama lächelnd und stellt dem kleinen Wildschwein sein Frühstück hin.

„Ein großes Frühstück extra für dich an deinem Anderssein-Tag!“

Es gibt leckere Brote, Milch und Obst mit Joghurt und das kleine Wildschwein mampft und schmatzt genüsslich vor sich hin.

So ein gutes Frühstück hatte es noch nie im ganzen Wildschwein-Leben!

„Uaaah!“, macht das kleine Wildschwein. „Ich bin sooo müde!“

„Ich habe dir schon das Licht angemacht“, sagt Papa und grinst. „Dann kannst du im Hellen schlafen!“

Doch das will das kleine Wildschwein nun auch wieder nicht.

„Ich glaube, für heute ist es genug“, gähnt es. „Ich kann nur im Dunkeln schlafen.“

Papa, Mama und das Wildschwein-Geschwisterchen lachen.

Dann machen sie das Licht aus, decken das kleine Wildschwein zu und geben ihm einen Kuss.

„Wir lieben dich, kleines Wildschwein Willanderssein. Genau so, wie du bist. Und wer sagt schon, wie man etwas machen muss? Ab und zu tut eine Ausnahme gut!“

Das finden auch die anderen Waldtiere und legen nun einmal in der Woche einen allgemeinen Anderssein-Tag ein:

Sie gehen im Schlafanzug raus, essen den Nachtisch zum Frühstück, ziehen sich Kleider statt Hosen an, machen sich neue Frisuren und spielen auch mal ganz andere Spiele als sonst.

Und am Ende des Tages, kurz bevor die Sonne untergeht, frühstücken alle gemeinsam an einem großen Tisch.

Und alle sind sich einig: Anders sein ist auch mal gut, wenn man es anders als die andern tut!

Der Wildschwein-Reim

Wiedebum, wiedebum, wiedebum,
heut mach ich alles andersrum!
Das klingt nämlich so gar nicht dumm,
anders, anders, anders, ganz andersrum!

Zum Frühstück ess ich die Nachspeis‘,
Waffeln, Kekse, Erdbeereis,
mit Sahneklecks und allem drum.
Denn heut mach ich’s andersrum,
das klingt nämlich so gar nicht dumm.

Ich lass den Fußball liegen,
fürs Ballett kann ich mich biegen,
tanzen, springen, fliegen!
Denn heut mach ich alles andersrum,
das klingt nämlich so gar nicht dumm.

Im Schlafanzug zum Kindergarten,
da muss die Mama auch nicht warten.
Ich zieh mich gar nicht um,
denn heut mach ich’s andersrum.

Ich und du könn` anders sein,
das weiß doch jedes kleine Schwein.
Denn Anderssein macht Spaß,
statt Schlamm mag ich gern Gras.

Richtig sein heißt anders sein,
und das ist was für Groß und Klein.
Anders sein ist gar nicht falsch,
andersrum ist richtig
und manchmal auch ganz wichtig!

Wiedebum, wiedebum, wiedebum,
heut mach ich alles andersrum!
Das klingt nämlich so gar nicht dumm,
anders, anders, anders, ganz andersrum!

Ende der Geschichte! Hab einen spannenden Tag!

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